Gesundheit – Was ist das?

In der ganzheitlichen Körperarbeit Shiatsu ist natürlich immer wieder von “Gesundheit” und “Krankheit” die Rede. Doch was meinen wir, wenn wir von Gesundheit und Krankheit sprechen? Für mich sind Gesundheit und Krankheit keine sich ausschließenden Kriterien, nach dem Motto “entweder bin ich gesund oder krank”, sondern Gesundheit und Krankheit sind Pole eines Kontinuums, auf dem wir uns bewegen.

Wir werden meist auch nicht plötzlich krank, sondern es lassen sich im Vornhinein Anzeichen feststellen, die auf eine Tendenz zu einer Erkrankung hinweisen. Diesen Tendenzen auf die Spur zu kommen und den Körper dabei zu unterstützen, selbst wieder für Heilung zu sorgen, ist Aufgabe vom Shiatsu. Ein traditionell chinesischer Arzt ist beispielsweise nur ein guter Arzt, wenn seine PatientInnen nicht krank werden. Sind sie krank, haben seine Heilkünste nicht angeschlagen und er darf die Behandlung zur Gesundwerdung nicht verrechnen. Prävention hat also oberste Priorität. 

Auch Shiatsu folgt einem System des stufenweisen Krankheitsverlaufs:

  1. Ein Ungleichgewicht zeigt sich auf der ersten Stufe meist mit Müdigkeit und Erschöpfung, verbunden mit genereller Unzufriedenheit. Es wird jedoch keine Veränderung durchgeführt, „obwohl irgendetwas nicht passt“. Auf dieser Krankheitsstufe hilft es, Abstand zu gewinnen (z.B. in der Natur, einen längeren oder kürzeren Urlaub zu machen), um wieder zu sich selbst zu finden.
  2. Auf der zweiten Stufe des Krankheitsverlaufs werden die körperlichen Symptome alltäglich, und die emotionalen Störungen beginnen, ohne dass sich schon pathologische Züge aufweisen, z.B. wachen wir jeden Morgen mit Rückenschmerzen auf.
  3. Auf der dritten Stufe zeigen sich Blutbildveränderungen, Anfälligkeit bestimmter Körperbereiche, z.B. der Atemwege, immer wiederkehrende Blasenentzündungen, chronische Sinusitis.
  4. Auf der vierten Stufe befinden sich die psychischen Störungen, z.B. Depressionen, Panikattacken, Angststörungen
  5. Auf der fünften Stufe kommt es zu Organerkrankungen und degenerativen Prozessen, z.B. Gallen- und Nierensteine, also zu dem, was in der westlichen Medizin als „Krankheit“ betrachtet wird.
  6. Auf der sechsten Stufe kommt es zu Erkrankungen des Nervensystems und zum Versagen des Immunsystems.
  7. Die siebte Stufe bezeichnet Trennung und Segregation, was im Extremfall den Tod bedeutet.

Krankheit und körperliche Symptome sind also ein Prozess, der mit einem Ungleichgewicht und subtilen Botschaften beginnt. Diese subtilen Botschaften zu verstehen und das, was der Körper in dem Moment als Ausgleich braucht, zu stärken, ist Aufgabe vom Shiatsu. Neugierig? Dann freue ich mich, wenn du einen Termin vereinbarst!

Seerose

Der Sinn von Krankheiten und Beschwerden

„Ein Problem, eine Krankheit sind immer um ein vielfaches kleiner
als die Kraft und die Schönheit eines Menschen.“
(Wilfried Rappenecker)

Wenn ich meine Tochter betrachte, wird mir klar, dass Krankheiten zu ihrer Entwicklung dazugehören. Zum Einen stärken sie ganz direkt ihr Immunsystem. Zum Anderen werden ihre Entwicklungsschritte durch Krankheiten begleitet. Bevor sie zum Beispiel vom Krabbeln zum Laufen übergangen ist, war sie drei Tage krank und sehr bedürftig. Ich nehme diese Phasen als Kokon-Zeit wahr, in welcher sie innerlich (z.B. vom Krabbelkind zum Geh-Kind) reift. Auch wenn ich meinen Prozess selbst betrachte, merke ich, dass Krankheiten oftmals mit Wachstumsschüben einhergehen. Das letzte Fieber, das mich geplagt hat, hat im wahrsten Sinne des Wortes etwas aus mir heraus gebrannt, was bereit war zu gehen. Meist fordern uns Krankheiten auf, Ruhe zu geben, uns aus der äußeren Welt in uns selbst zurückzuziehen und so wieder mehr mit uns selbst in Kontakt zu kommen. Das alleine kann schon viel bewegen, vor allem wenn wir ansonsten viel beschäftigt sind – oft auch zu beschäftigt, um unseren Körper wahrzunehmen. Außerdem schaffen (körperliche und emotionale) Beschwerden Fokus. Sie lenken unsere Aufmerksamkeit auf ein Thema, mit dem uns ansonsten vielleicht nicht beschäftigen würden.

Deshalb spricht Wilfried Rappenecker (ein deutscher Arzt und Shiatsu-Lehrer) von Krankheiten als Begleitung von Entwicklungsprozessen. Er betrachtet Krankheit nicht als Gegenteil von Gesundheit, sondern als einen „wesentlichen und integralen Teil von Gesundheit“. Denn Gesundheit ist ein Prozess, kein statischer Zustand. Gesundheit bedeutet in diesem Sinn, dem Wachstums- und Veränderungsprozess zu folgen, auf welchen uns die Krankheit oder die Beschwerden hindeuten.

Baumringe

Die stärkste Ursache von Leid sieht Rappenecker im Widerstand, Ablehnen und Nicht-Wissen-Wollen der Krankheit und der Beschwerden sowie im allgemeinen Raubbau an unserem Körper und im (familiär) übernommenen Leiden.

Das heißt, „dass es überhaupt nicht darum geht, gegen einen Schmerz, eine Krise,
eine Krankheit anzugehen, sie zu beseitigen.
Es geht darum, den Menschen in diesem Geschehen zu begleiten,
ihm Mut zu machen und darin zu unterstützen,
den Weg weiter zu gehen und neue Lösungen zu finden. […] Nichts müssen wir bekämpfen, nichts beseitigen! […] Die Kraft [der Krankheit] zu erkennen, ihre Schönheit zu ahnen ist wirkungsvoller
für die Lösung des Knotens als alles Anrennen und alle Beseitigungs-Tricks.“
(Wilfried Rappenecker)

Auch die Ursache von (körperlichem und emotionalem) Schmerz sieht Rappenecker im Abtrennen und Nicht-Zulassen. Können wir also Krankheit, Beschwerden und Schmerz als vorübergehende Krisen begreifen und annehmen, wird schon viel Leid gelindert.*

Auch Joachim Schrievers (ein deutscher Shiatsu-Praktiker, Taiji- und Qigong-Lehrer) geht davon aus, dass wunde Punkte oft die sind, von denen Veränderungen ausgehen. Denn viele Beschwerden resultieren aus den Abwehr- und Schutzmechanismen, die wir entwickelt haben, um die wunden Punkte nicht zu spüren und nicht an ihnen berührt zu werden. Wenden wir uns unseren wunden Punkten zu und stellen sie in einen größeren Zusammenhang, können sie zu einem erfüllteren Leben beitragen.

Ein erfüllteres Leben zu leben, bedeutet Gesundung in einem größeren Zusammenhang.

Im Shiatsu geht es also neben unterstützenden Techniken zur Erleichterung von Beschwerden darum, in achtsamer Weise wunde Punkte zu berühren, um deren festgehaltene Kraft ins Fließen zu bringen. Es geht um Zuwendung, vor allem den Teilen gegenüber, die uns Angst machen. Berührung dort, wo wir uns eng machen und wo unsere Abwehrmechanismen greifen. Im geschützten Rahmen einer Shiatsu-Behandlung kannst du lernen, (körperlichen und emotionalen) Schmerz zuzulassen und ihn als vorübergehenden Zustand anzunehmen. Denn durch die Körpererfahrung wird dir bewusst, dass Schmerz ein Prozess ist, eine Krise mit einem Anfang, einem Höhepunkt und einem Ende. Du lernst, diesem Prozess zu vertrauen und den Schmerz zuzulassen.

Denn nur durch das Zulassen kann er befreit werden – und so zu einem Tor in deinem Entwicklungsprozess werden.

Du wünschst dir Unterstützung in diesem Prozess? Dann freue ich mich, wenn du einen Termin vereinbarst.

Foto: CC0 1.0

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Gesundheit ist also ein Prozess, der nicht von Krankheit geschieden ist und mit deinem umfassenden Lebensprozess verbunden ist.

Gesundheit – Was ist das also?

Gesundheit kann in einem ganzheitlichen Sinn als Ganzwerdung betrachtet werden, wie dies C. G. Jung zusammenfasst: Ganzwerdung bedeutet Heilung. Ganzwerdung geht über die Integration der Pole, z.B. von Anspannung und Entspannung, von Aktivität und Empfänglichkeit, von Enge und Weite… Erst wenn wir beide Pole leben, sind wir ganz und dadurch gesund.

Darüber hinaus beschäftigen uns im Shiatsu die Fragen, was uns gesund hält und wie wir gesund werden. Mit diesen Fragen setzt sich auch die Salutogenese, eine Gesundheitstheorie, die von Aaron Antonovsky entwickelt wurde, auseinander. Mehr…

Wenn wir nach Gesundheit und Krankheit fragen, fragen wir auch nach dem Körper. Doch was ist der Körper, mit dem wir es in einer ganzheitlichen Körperarbeit zu tun haben? Meiner Arbeit liegt ein ganzheitliches Körperkonzept zugrunde, das den Körper als Einheit von Körper, Geist und Seele betrachtet.  Mehr… Deshalb beschäftigt uns auch die Frage, wie sich psychische Themen im Körper zeigen. 

Da dem Shiatsu die Weltsicht des Daoismus und des Zen-Buddhismus zugrunde liegt, beschäftige ich mich auch mit der Frage, wie in diesen beiden östlichen Philosophien Krankheit und Gesundheit betrachtet werden. Mehr…
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(*) Dies betrifft keine chronischen Erkrankungen und Schmerzen, auf die ich hier nicht eingehe, da zum Einen Shiatsu in diesen Fällen nur als unterstützende Maßnahme zur medizinischen und ggf. psychotherapeutischen Begleitung angewandt werden kann und individuell abgestimmt werden muss. Zum Anderen liegt darin nicht mein Schwerpunkt und Fachbereich, weswegen ich dazu keine Informationen weitergeben kann und will.

Literatur: Rappenecker, Wilfried: Was ist eigentlich Gesundheit – und was Krankheit? (pdf)

Schrievers, Joachim (2004): Durch Berührung wachsen. Shiatsu und Qigong als Tor zu energetischer Körperarbeit. Bern: Hans Huber.

Melanie LannerGesundheit – Was ist das?