Ganzwerdung bedeutet Heilung

„Das Erleben einer solchen individuellen Ganzheit und Einheit,
die durch das Wissen um die Endlichkeit der eigenen Existenz, der Relativierung des Ich
und die Bejahung des Lebens zustande kommt,
vermag einem in gelegentlichen Augenblicken das Gefühl von hintergründigem Glück,
von Frieden, von Ekstase oder auch heiterer Gelassenheit zu schenken.
Häufiger aber scheint es sich dabei um eine mehr meditative Mischung
aus merkwürdigen Stimmungen verschiedenster Art zu handeln:
ein überwältigendes Staunen und Wundern,
ein ungläubiges Kopfschütteln und Zweifeln,
ein Schwanken zwischen Besonderheit und Kleinheit,
ein melancholischer Humor, eine heitere Resignation,
eine närrische Weisheit und eine mitfühlende, ohnmächtige Liebe
dieser ganzen unfasslichen menschlichen Existenz gegenüber.“
(Lutz Müller)

Ganzwerdung bedeutet, dass etwas, das vorher getrennt war, sich verbindet. Polaritäten, die nur in einem Extrem oder einer Ausprägung gelebt wurden, werden in beiden Aspekten integriert. Dann sind wir stark und verletzlich, weise und nicht-wissend, mitfühlend und aggressiv sowie __________________ [bitte einsetzen]. Leben wir ausschließlich einen Anteil, greift das Unbewusste oder das “Schicksal”, also das Leben, ein, um uns auf den anderen Teil der Medaille aufmerksam zu machen und uns aufzufordern, diesen zu integrieren. Dies ist die selbstregulierende und damit heilende Funktion der Psyche. Auch wenn uns ihr Eingreifen oft als unangenehme Last erscheinen mag, ist sie doch der Teil, der uns zur Ganzheit führt. Sind wir beispielsweise in unserem Leben immer nett und freundlich und verstehen uns als ausschließlich guten Menschen, träumen wir vielleicht besonders gewaltsame Träume. Dann ist die Polarität der Aggression ins Unbewusste verdrängt und wird durch Träume, also die Sprache des Unbewussten, in unsere Aufmerksamkeit gelenkt. Wollen wir immer stark sein, alles aushalten und (alleine) durchstehen, erinnert uns unser Körper an unsere Schwäche und Verletzlichkeit. Dann werden wir vielleicht krank und müssen uns in die Obhut von Anderen begeben, um unsere Angewiesenheit und damit Verletzlichkeit ausleben zu können.

Auch im Shiatsu geht es um die Integration beider Polaritäten, um über die Polaritäten zur Ganzheit und Heilung zu gelangen. Oft sind es nämlich gerade die Körperteile, die wir ablehnen oder nicht spüren, durch welche sich Symptome äußern. In diesen abgelehnten, abgegrenzten, leblosen und dadurch auch unbewussten Bereichen unseres Körpers und damit auch unseres Gesamterlebens liegen jedoch auch neue Erkenntnisse, Erfahrungen und dadurch Heilmöglichkeiten – wenn wir uns ihnen mit liebevoller Aufmerksamkeit zuwenden. Mehr zum Körper als Sprache des Unbewussten…

Beten

Wie kannst du die Polaritäten integrieren?

Gehe von einem Körperempfinden oder Körperbereich aus, den du nicht einordnen kannst und/oder den du ablehnst. Lasse Assoziationen und Phantasien auftauchen, ohne sie zu bewerten. Bleibe dabei ganz bei deinem Körperempfinden und lasse dich durch die Assoziationen nicht vom Hundertsten ins Tausendste führen. Wie fühlt sich der Bereich an? Was spürst du? An was erinnert dich das? Was assoziierst du mit dem Körperbereich? Komme immer wieder zum körperlichen Empfinden zurück. Halte deine Assoziationen und Phantasien in einem ersten Schritt schriftlich oder bildlich fest. Wenn sie noch nicht klar greifbar sind, kannst du sie auch durch plastische Materialien gestalten, in Bewegung/Tanz umsetzen oder ihnen im Automatischen Schreiben Ausdruck verleihen. Dadurch wird dir dein zuerst unbewusstes, unklares und schwammiges Körperempfinden mehr und mehr bewusst.

Nimm dann in einem nächsten Schritt dein gestaltetes Material und verdichte es durch verschiedene Variationen immer mehr zu einem Symbol. Male immer neue Bilder zum gleichen Thema. Schreibe assoziativ zum gefundenen Thema. Achte jedoch wieder darauf, beim ersten Material zu bleiben und dich nicht von Assoziationen davontragen zu lassen. Beobachte, wenn du einen Zugang über den Körperausdruck wählst, welche körperlichen Bewegungen immer wiederkehren und wiederhole sie bewusst, bis sie sich zu einer konkreten Bewegungsabfolge verdichten. Das Material wird dadurch zugleich variantenreicher und dichter.

Ich kenne diesen Zugang vor allem aus der Gruppenselbsterfahrung im Tanz. Dort tanze ich zuerst frei zu einem bestimmten Thema, z.B. zur Wut. Mit der Zeit achte ich darauf, welche Bewegungsabfolgen sich wiederholen und verdichte sie weiter, indem ich sie bewusst wiederhole. Dadurch kristallisiert sich mit der Zeit die Essenz der Bewegung heraus. Diese Essenz wiederhole ich, bis ich sie abrufen und auch mit zeitlichem Abstand wiederholen kann. Von dieser Bewegungsabfolge gehe ich in meiner Reflexion aus.

In einem weiteren Schritt geht es darum, die Gestaltung(en) in ihrem Sinngehalt zu verstehen. Kehre hierfür immer wieder zum gestalteten Material zurück und lasse dich von ihm ausgehend leiten (und nicht von deinem analytischen Verstand oder deinen moralischen Vorstellungen). Was wollen sie dir sagen? Was taucht dazu in dir auf? Was entsteht in dir?

Wenn du im Verstehen nicht weiterkommst, kehre zum Gestalten zurück, sodass ein lebendiger Prozess zwischen Gestalten und Verstehen entsteht. Wenn du merkst, dass du in eine künstlerisch-ästhetisch bewertende Haltung kommst, wechsle auf die Reflexionsebene und frage dich, was dir das Material sagen will. Wenn du den Prozess zerdenkst, komme zum Gestalten zurück. In diesem wechselseitigen Prozess dringst du immer tiefer in die Weisheit deines Körpers ein, ohne dich darin zu verlieren. – Und dein bisher im Unbewussten liegendes Körperempfinden schenkt dir neue Erkenntnisse und Wege der Ganzwerdung und Heilung.

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Ganzheit bedeutet in diesem Zusammenhang persönliche, individuelle Ganzheit, ein gelegentlich erlebtes Gefühl des „Ganz-mit-sich-selbst-eins-Seins“, keine allgemeinmenschliche Vollkommenheit – dies als unvollkommener Mensch erreichen zu wollen, ist Größenwahn. Vielmehr erfährt man eine Einheit der „früher als unvereinbar empfundenen konträren Bedürfnisse, Gefühle und Gedanken“, die dann als zusammengehörig bejaht werden können (Müller 1987: S. 128). Gegensätze können ausgeglichen werden. Das Entweder-Oder wird durch das Sowohl-als-auch ergänzt. Das Leben im Sowohl-als-auch löst die Starre, die Verkrampfung, die Anspannung – auch im Körper, da Körper, Psyche und Geist eine Einheit bilden. Dann dürfen wir alles sein, was wir sind – und das bedeutet Gesundheit im ganzheitlichen Sinn.

Wünschst du dir Begleitung in diesem Prozess? Dann freue ich mich, wenn du dich bei mir meldest und einen Termin für eine Shiatsu-Behandlung vereinbarstInteressiert dich dieser Zugang? Dann findest du detaillierte Beschreibungen in meinem Buch.
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Literatur: Müller, Lutz (1987): Der Held. Jeder ist dazu geboren. Zürich: Kreuz.

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Melanie LannerGanzwerdung bedeutet Heilung