Salutogenese

Eine Frage, die der ganzheitlichen Körperarbeit zugrundeliegt, ist, was uns gesund erhält und/oder wie wir gesund werden. Damit habe ich mich in letzter Zeit (theoretisch) intensiv auseinander gesetzt und bin auf das interessante Konzept der Salutogenese nach Aaron Antonovsky gestoßen. Die Salutogenese fragt – in Abgrenzung zur Pathogenese, der Krankheitsentstehung – nach den Gründen und Faktoren, warum Menschen (auch in Stress-Situationen) gesund bleiben. Antonovsky hat das Konzept durch Interviews mit Frauen, die das Konzentrationslager im Zweiten Weltkrieg überlebt haben und gesund geblieben sind, entwickelt. Er geht davon aus, dass Stress immer und überall vorhanden ist, weswegen es auf dem Weg zur Gesundheit nicht nur darum geht, Risikofaktoren für Krankheit zu minimieren, wie z.B. in der Präventivmedizin, sondern auch darum, Stärken und Ressourcen zu fördern. Denn ob etwas als Stress erlebt wird, hängt weniger davon ab, ob Stressoren vorhanden sind oder nicht, sondern davon, wie mit dem Stressor umgegangen wird. Eine erfolgreiche Bewältigung kann nämlich das Selbstvertrauen sowie den Glauben an die eigene Kraft und Macht auch stärken. Und somit zur Gesundheitserhaltung beitragen.

Stressbewaeltigung

Dieser ressourcenbasierte Ansatz ist auch der Zugang von Shiatsu. Es geht im Shiatsu weniger darum, Krankheiten und Belastungen „wegzumachen“ (denn sie sind ja auch Botschaften des Körpers, denen wir aufmerksam zuhören können), als darum sich mit den eigenen Stärken und Fähigkeiten zu verbinden, Potentiale zu fördern, um weiterzuwachsen. Deshalb fragt Shiatsu aus salutogener Sicht nach den Selbstheilungswegen von Menschen und glaubt an die Fähigkeit von Menschen, selbstverantwortlich den eigenen Weg in Richtung Gesundheit einzuschlagen.

Gesundheit wird wie bei allen ganzheitlichen Zugängen als „Heilwerdung“, d.h. Ganzwerdung betrachtet. Körper, Geist und Seele bilden eine Einheit. Antonovsky sieht Gesundheit und Krankheit nicht als sich ausschließende Zustände (entweder krank oder gesund), sondern als Prozess auf dem Gesundheits-Krankheitskontinuum. Deshalb geht es um die Frage, was Menschen gesund erhält und wie sie dabei unterstützt werden können, Schritte in Richtung Gesundheit zu machen, ohne allumfassende Gesundheit je erreichen zu können.

Shiatsu aus salutogener Sicht stellt also folgende Fragen, ohne die Antworten für andere Personen festzulegen:

  • Gibt es Wünsche, die du dir bisher nicht erfüllt hast?
  • Warum glaubst du, lebst du?
  • Was betrachtest du als dein Ziel des Lebens?
  • Was glaubst du, kann dir in besonders schwierigen Lebenssituationen helfen?
  • Hast du eine Lebensphilosophie?
  • Was möchtest du erreichen? Was wäre der nächste Schritt in diese Richtung?

Denn auf diese Fragen gibt es keine richtigen oder falschen Antworten, es gibt nur deine – und deinen ganz individuellen Lebensweg. Ich freue mich, dich auf deinem Weg zu dir selbst, zur Ganzwerdung zu begleiten, hin und wieder einfach die „richtigen“ Fragen zu stellen und offen für deine Antworten zu sein, was deinem Leben Sinn verleiht.

Denn Sinn ist eines der zentralen Prinzipien des Salutogenese-Konzepts. Antonovsky nennt dies „Kohärenzgefühl“. Das ist das Gefühl, dass etwas im Leben sinnvoll ist und dass herausfordernden Situationen im Leben Sinn verliehen wird. Es kann also auch als Gegenpol zum Gefühl, den großen Kräften des Lebens ohnmächtig und ausgeliefert zu sein, verstanden werden. Stressoren werden als Herausforderungen betrachtet, an denen wir wachsen können und nicht als Benachteiligung, Lähmung oder Überforderung. Das Kohärenzgefühl beruht auf drei Faktoren:

  • Dass eine Situation als verständlich erscheint, d.h. ich verstehe um was es in der Situation geht. Ich spüre eine unbestimmte Angst, den Newsletter abzuschicken. Warum? Ah, ich habe Angst, mich zu zeigen. Gut, ich habe die Situation verstanden.
  • Dass ich mir über meine Ressourcen zur Bewältigung der Situation bewusst bin und sie einsetzen kann: Ich habe seit einem Jahr Newsletter geschrieben und nie ist etwas Schlimmes passiert – im Gegenteil… Also wird es auch heute nicht schlimm sein (ein Erfahrungswert).
  • Und dass mir die Situation als sinnvoll erscheint: Ich will diesen Newsletter so schreiben, wie ich ihn schreibe, weil ich einen persönlichen Kontakt zu meinen Klientinnen und Klienten pflegen will, weil mich das erfüllt und sich stimmig anfühlt.

Ist das Kohärenzgefühl groß, ist es wahrscheinlich, dass ich mit Stressoren in meinem Leben umgehen kann. Dies wiederum stärkt mein Selbstvertrauen und wiederum mein Kohärenzgefühl, d.h. das Vertrauen, dass ich mit Stressoren umgehen kann.

Zwar entwickelt sich nach Antonovsky das Kohärenzgefühl überwiegend in den ersten drei Lebensjahrzehnten, jedoch haben Studien, die auf seinem Konzept aufbauen sowie spätere Arbeiten von ihm gezeigt, dass es sich auch später noch entwickeln kann, eben wenn wir den Herausforderungen des Lebens begegnen und an ihnen wachsen, wenn wir in ihren Sinn finden und dadurch Bewältigungsressourcen entwickeln, auf die wir in folgenden Situationen wieder zurückgreifen können.

Im Shiatsu geht es darum, diese ganz individuellen Bewältigungsressourcen herauszukristallisieren und zu stärken, durch das Gefühl für die Weisheit des eigenen Körpers ein Sinngefühl für die größeren Zusammenhänge des eigenen Lebens zu entwickeln und die Erfahrung der Einheit von Körper, Geist und Seele und die eigene Ganzheit ein Stück mehr zu erfahren.

Kraftort

Auch der Tod bzw. Krankheit ist Teil dieses Prozesses und muss nicht aus dem Leben ausgeschlossen werden. So können Körperbotschaften als das betrachtet, was sie sind: Die Sprache der Weisheit des Körpers. Körperliche Symptome sind somit Hilfeschreie, Botschaften der Seele, die sich über den Körper Ausdruck verleihen.

Im Konzept von Antonovsky werden Menschen nicht ausschließlich als unabhängige Individuen, sondern in Interaktion mit sozialen Strukturen betrachtet. Gesundheit bezieht den sozialen Kontext und die Lebensbedingungen mit ein und ist nicht nur eine Frage der individuellen Ressourcen. Auch Ethik und Spiritualität werden in die Gesundheitsentstehung mit einbezogen. Denn mehrere Studien belegen, dass Spiritualität Gesundheit fördert und das Leben verlängert (z.B. Harsieber 2005).

Können wir uns daher durch den ganzheitlichen Zugang von Shiatsu, der uns Menschen in Verbindung mit dem, was uns umgibt, d.h. mit dem Großen Ganzen, erfahren, fördert dies ebenfalls die Gesundheit, da wir uns nicht mehr als getrennt, sondern das All-Eins-Sein erfahren. Auch der Lebensstil und das Lebensumfeld der Person werden in der Shiatsu-Behandlung betrachtet.

Gesundheit kann aus salutogener Sicht folglich als ein sich ständig verändernder Prozess, als ein dynamisches Gleichgewicht, das nie ganz erreicht werden kann, jedoch immer wiederhergestellt werden muss, verstanden werden. Gesundheit unterliegt ständigen Schwankungen auf dem Gesundheits-Krankheitskontinuum. In welche Richtung wir uns bewegen, liegt in unserer Macht…

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Melanie LannerSalutogenese