Shiatsu – ein Leben in Polaritäten

Shiatsu ist für mich mehr als eine wirkungsvolle Körperarbeit. Shiatsu ist ein Lebensweg und eine Weltsicht, die auf der polaren Vorstellung von YIN und YANG beruht.

Philosophisch liegt dem Shiatsu unter Anderem der Daoismus zugrunde.1 Im Daoismus wird der Mensch als verbunden mit dem großen, ganzen Organismus/Kosmos wahrgenommen. Alles ist miteinander verbunden. Nichts ist getrennt. Dieses große Ganze wird DAO genannt, manchmal mit „der Weg“ oder „der große Sinn“ übersetzt.2 Doch eigentlich hat dies keinen Namen. Es ist.

Das DAO zeigt sich in zwei Polaritäten: Innen und Außen, oben und unten, Tag und Nacht… Beides existiert nur durch das je Andere. Sie sind Teil derselben Medaille. Durch diese Polarität, die im Shiatsu YIN und YANG genannt wird, entsteht Bewegung und dadurch Leben. Wäre alles ruhig und in perfekter Harmonie, gäbe es kein Leben, denn Leben bedeutet Ungleichgewicht. Aus der Physik wissen wir, dass ein System im perfekten Gleichgewicht zum Stillstand kommen und somit sterben würde. (Mehr über Gleichgewicht und Ungleichgewicht hier…).

Diese Polaritäten halten uns also am Leben, sie sind Leben.

Ein Leben in den Polaritäten

Ein Leben in den Polaritäten bedeutet, mal einmal mehr in die eine Richtung, nennen wir sie YIN, und einmal mehr in die andere Richtung, nennen wir sie YANG, zu gehen bzw. uns tragen zu lassen. YIN steht für die zusammenziehenden, nach innen gerichteten Kräfte, für Ruhe und Entspannung, Hingabe und Empfänglichkeit. YANG ist eine aktive Kraft, sich ausbreitend und nach außen strömend. Im Artikel über die Phasen im kreativen Prozess veranschauliche ich dieses Wechselspiel. Um ein (kreatives) Projekt zu einem erfolgreichen Abschluss zu bringen, braucht es beide Qualitäten. Wenn wir mit unseren bisherigen Strategien nicht mehr weiterkommen, lassen wir los und übergeben uns dem YIN. Wir sind empfänglich für das, was sich uns zeigen will, wenn wir nicht mehr weiterwissen und in unserem Bewusstsein keinen Ausweg sehen. Irgendwann schenkt uns das Leben eine zündende Idee. An dem Punkt verwandelt sich der Prozess. Wir treten in die YANG-Phase ein. Jetzt geht es darum, das, was wir in unserem Inneren gefunden haben, aktiv umzusetzen und konkret zu gestalten. Bis wir wieder an einen Punkt gelangen, an dem wir nicht weiterwissen und uns wieder der Leere und dem Nicht-Wissen übergeben. Und so beginnt der Prozess von Neuem.

Wie beim Gehen verlagern wir mal mehr das Gewicht auf den einen Fuß, dann auf den anderen. Nur so können wir uns fortbewegen. Eine gerade Linie, der „goldene Mittelweg“ – ohne Ausschlag in die eine Polarität oder die andere – ist nicht möglich bzw. würde zum Stillstand und damit zum Tod führen.

Was bedeutet dies jetzt konkret für unser Leben?

Gelassenheit und Demut entwickeln

Zum Einen bedeutet dies, innere Gelassenheit entwickeln zu können, dass wir nicht jeden Tag „gleich funktionieren“. Dies ist zwar in unserer Welt oftmals gefordert, aber eigentlich unnatürlich. Wir sind keine vollautomatischen Maschinen, sondern Menschen – lebendige Wesen. Und Leben bedeutet, wie wir oben bereits gesehen haben, das Spiel der Polaritäten und Bewegung im Ungleichgewicht. Auch wenn wir die Natur als organisch-natürlichen Prozess beobachten, erkennen wir sehr schnell, dass nicht immer alles gleich ist, sondern im Gegenteil, alles ständig im Wandel ist: Die Jahreszeiten wechseln ebenso aufeinander wie die Mondphasen. Ein stetiger Kreislauf, der sich als Stirb-und-werde-Prozess bezeichnen oder als Geburt-Reifen-Loslassen-Tod-Wiedergeburt zusammenfassen lässt. Auch unser Körper erinnert uns an diesen Prozess: Einatmen und wieder ausatmen. Nahrung zuführen, verdauen, Nährstoffe aufnehmen und wieder ausscheiden. Im Menstruationszyklus von Frauen und den hormonellen Schwankungen von Männern (die nicht ganz so zyklisch verlaufen, jedoch genauso vorhanden sind), zeigen sich auch die Polaritäten. Wir sind nicht immer gleich, wir sind in einem stetigen Prozess. Und im großen Bild: Geboren werden, leben und wieder sterben. Das alles ist Teil vom Leben.

In einer Welt, in der alles wachsen muss (die Maxime des „Wirtschaftswachstums“ ist ein Ausdruck dieses gesamtgesellschaftlichen Prozesses), dem ständigen Zwang als „Humankapital“ zu funktionieren und immer höchste Leistungen zu erbringen, sich ständig, am besten zur bis Perfektion, weiterentwickeln zu müssen, ist dieser Prozess des Loslassens und Sterbens als (persönliches) Versagen bewertet. Doch nichts wächst ins Unendliche. Alles hat seine Grenzen (zumindest in dieser Welt). Wir sterben am Ende unseres Lebens oder, anders betrachtet, gehen jeden Atemzug unseres Lebens einen Schritt näher auf den Tod zu. – Um dann wiedergeboren zu werden. Entweder glauben wir an die Wiedergeburt der Seele und/oder sehen unseren Körper als „Dünger“ und Baustoff für das neue Leben; wie Kompost aus gestorbenem Pflanzenmaterial fruchtbaren Boden für neue Pflanzen schafft.

Diese Sichtweise lehrt uns Demut. Und in der Demut liegt die Freiheit. In der Freiheit liegt innere Gelassenheit.

Es ist gut, wie wir sind. Im Wandel, nie fertig.

„Wir sind ein Werk im Werden“ (Julia Cameron).

Die Polaritäten für unser Leben nutzen

Zum Anderen bedeutet das Annehmen der Polaritäten, dass wir uns diese polaren Phasen in unserem Leben zunutze machen können. Wenn wir merken, dass wir uns heute nach Rückzug und Träumen sehnen, verbringen wir den Abend daheim auf dem Sofa und lassen unsere Gedanken schweifen. In solchen Phasen spüre ich mich oft ganz direkt. In der Außenwelt bin ich funktionsunfähig, viel zu schnell zu Tränen gerührt und reizbar, überfordert und nicht leistungsfähig. Doch der Zugang zu meinem Inneren ist direkt. Ich habe Zugang zur Essenz und zu dem, was ich das Göttliche, das große Ganze, nenne. Ich spüre die Verbindung. Das gibt mir Kraft. Oft bekomme ich Erkenntnisse und Einsichten geschenkt. Manchmal Ideen und Visionen. Ich bin empfänglich, für das, was sich zeigen will. Das ist die YIN-Phase. In einer solchen Phase hat mein Mann ein Teehaus geschenkt bekommen (das T:Time in der Wurmbrandgasse). Doch das ist eine andere Geschichte, eigentlich ein Märchen…

Dann schlägt die Phase irgendwann wieder um. Ich habe Lust, nach draußen und unter Menschen zu gehen, meine Ideen umzusetzen und die gewonnenen Erkenntnisse in meinen Alltag hinein zu gestalten. Das ist die YANG-Phase. Ich bin aktiv, zeige mich und setze meine Projekte um. Bis mich wieder das YIN ruft.

Im Fluss des Lebens schwimmen

Mir tut es gut, Dinge dann zu tun, wenn ein Raum in mir dafür offen ist. Manchmal muss ich mich richtig zu Aufgaben zwingen, die mir einen Tag später ganz leicht von der Hand gehen. Wann immer möglich, teile ich mir den Tag so ein, dass dies, was zu tun ist, leicht geht. Und ich habe gelernt, dass die YIN-Phasen, in denen scheinbar nichts weitergeht, sich nichts verändert und alles stagniert, ein wertvoller Teil dieses Prozesses ist. Ich sammle Kraft und richte mich innerlich neu aus. So verrenne ich mich nicht in etwas, das ich eigentlich gar nicht will, sondern stimme mich in regelmäßigen Abständen auf meine innere Stimme ein. Als Selbständige ist das vielleicht leichter, als wenn wir angestellt arbeiten. Doch schon kleine Veränderungen bewirken viel. Und unsere Freizeit können wir uns ja auf jeden Fall gestalten, wie wir das wollen.

Auch wenn es um unsere Gesundheit und unser Wohlbefinden geht, sind es die Kleinigkeiten, die viel bewirken. Dabei können uns die Polaritäten auch ein wichtiger Hinweis sind. Sitzen wir in unserem Beruf viel, brauchen wir für unser seelisches und physisches Wohlgefühl Bewegung. Sind wir ständig gefordert, fast bis zur Grenze belastet, brauchen wir Ruhe. Und damit meine ich wirklich nichts tun. Arbeiten wir alleine, brauchen wir als Ausgleich Kontakt und Austausch mit anderen Menschen. Manchmal ist es wirklich so einfach…

Über die Polaritäten zur Ganzheit

Merken wir, dass wir eine Zeitlang eine Polarität besonders oder fast ausschließlich gelebt haben, wird es Zeit, die andere einzuladen. Das trifft auch auf innere Entwicklungen zu. Fühlen wir uns für alles und alle verantwortlich, ist es wichtig, manchmal etwas „Sinnloses“ zu tun. Sind wir immer lieb und freundlich, ist es wichtig, sich mit der eigenen Aggression auseinanderzusetzen. Oftmals ist diese andere Seite der Medaille beängstigend für uns. Manchmal ist sie einfach nur ungewohnt. Manchmal liegen große innere Blockaden darunter, zum Beispiel weil wir „das nicht dürfen“ oder „das verboten ist“. Dann gilt es, sich die zugrunde liegenden Themen anzuschauen. Manchmal braucht es „einfach nur“ einen Sprung ins kalte Wasser. Ich wollte immer Sicherheit, alles planen und kontrollieren. Jetzt bin ich selbständig und lerne im täglichen Prozess, die Ungewissheit und Unsicherheit zu lieben. Diese Prozesse meint C. G. Jung, wenn er davon spricht, dass im Weg über die Polaritäten die Ganzheit, und damit Heilung, liegt.

Den Gegenpol verstärken

Auch diese Zusammenhänge können wir uns für unser tägliches Leben zunutze machen. Wollen wir eine Qualität in unserem Leben integrieren, die uns bislang unbekannt ist und/oder schwerfällt, ist es manchmal sinnvoll, den Gegenpol so zu verstärken, dass das Spiel der Polaritäten für einen Ausgleich sorgt.3 Und für diesen Ausgleich sorgt es ganz bestimmt. Ein anschauliches Beispiel: Wir treiben uns ständig zu Höchstleistungen an, gehen dabei über unsere körperlichen Grenzen und bis zur psychischen Belastbarkeit. Wir sorgen für keinen Ausgleich – also tut dies der Körper: Wir werden krank, damit wir Zeit haben, uns im Bett liegend zu regenerieren und wieder zu Kräften zu kommen. Auf diese polaren Kräfte des Lebens können wir vertrauen. Wir sind ja auch Teil des Lebens. Wir sind Leben.

___

(1) Im Deutschen ist auch die Schreibweise „Taoismus“ üblich und bezeichnet das Gleiche.
(2) Eine gute Einführung bietet das Buch: Schrievers, Joachim (2004): Durch Berührung wachsen. Shiatsu und Qigong als Tor zu energetischer Körperarbeit. Bern: Hans Huber.
(3) Diesen wertvollen Hinweis verdanke ich dem Buch: Müller, Lutz (1986): Die Suche nach dem Zauberwort. Identität und schöpferisches Leben. Stuttgart: Kreuz.

 zum Daoismus |  zu Gesundheit | zur Salutogenese

Melanie LannerShiatsu – ein Leben in Polaritäten