Daoismus und Shiatsu

„Einst träumte Dschuang Dschou, dass er ein Schmetterling sei, ein flatternder Schmetterling,
der sich wohl und glücklich fühlte und nichts wusste von Dschuang Dschou.
Plötzlich wachte er auf: da war er wieder wirklich und wahrhaftig Dschuang Dschou.
Nun weiß ich nicht, ob Dschuang Dschou geträumt hat, dass er ein Schmetterling sei,
oder ob der Schmetterling geträumt hat, dass er Dschuang Dschou sei,
obwohl doch zwischen Dschuang Dschou und dem Schmetterling sicher ein Unterschied ist.
So ist es mit der Wandlung der Dinge.“

Aus: Dschuang Dsï (2011): Das wahre Buch vom südlichen Blütenland. Köln: Anaconda, S. 63.

Die Traditionell Chinesische Medizin und ihre Vorstellung von YIN und YANG, den Fünf Elementen und von Ki beruht philosophisch auf dem Daoismus/Taoismus*. In dieser Weltsicht war am Anfang das Untrennbare, das Eine, das, aus dem alles geboren wird und das noch keine Richtung, keinen Willen und kein Ziel. Das ist DAO. Das, was ist. Der Begriff “Dao” wird übersetzt als Weg, Sinn, Vorsehung, Logos, Gott (= Leben), und es gibt nichts außerhalb von Dao.

Chao-chou fragte: „Was ist das Tao?“
Der Meister (Nan-ch’üan) erwiderte: „Dein gewöhnliches Bewusstsein ist das Tao.“
„Wie kann man sich in Einklang damit bringen?“
„Wenn du den Einklang beabsichtigst, weichst du schon davon ab.“
„Aber wie kann man ohne Absicht wissen, was Tao ist?“ „
Das Tao“, spricht der Meister, „gehört weder dem Wissen noch dem Nicht-Wissen an.
Wissen ist Missverstehen; nicht wissen ist blinde Unwissenheit.
Wenn du das Tao wirklich ohne jeden Zweifel verstehst, dann ist es wie der offene Himmel.
Warum bringst du Recht und Unrecht hinein?“
(Watts 1983: S. 70)

Aus dem Ungetrennten (DAO) werden die Polaritäten geboren: YIN und YANG, Erde und Himmel, Materie und Energie. Erst durch diese duale Trennung entsteht das Leben. Aus YIN und YANG werden wiederum die Fünf Elemente geboren, „die die Welt in ihrem Erscheinungsbild hervorbringen, gestalten, aufrechterhalten und wieder auflösen“ (Eckert 2011, S. 29). Betrachten wir die Meridiane, Ki, die fünf Wandlungsphasen sowie YIN und YANG aus dieser Perspektive, gehen sie aus dem DAO hervor – des Ganzen, das mit keinem Namen benannt oder definiert werden kann. Aus den Wandlungen, Bewegungen und Wechselspielen von den fünf Wandlungsphasen sowie YIN und YANG gehen die Erscheinungen der Welt hervor. Auch im menschlichen Körper bilden sich (wie im gesamten Universum) diese stetigen Wandlungsphasen ab. Das heißt, auch im Kleinen wirken YIN und YANG, die fünf Wandlungsphasen und der Fluss des Ki in den Meridianen.

Wenn wir die Weltsicht des Daoismus zusammenfassen wollen, können wir sagen:

Alles fließt.
Alles ist in stetiger Bewegung.
Alles ist von ständiger Veränderung begriffen.

Der Daoismus beschreibt also vor allem den prozesshaften, dynamischen Charakter unserer Welt, in der nichts bleibt, wie es ist, und alles sich stetig wandelt. Ist das LEBEN nicht ein ständiger Veränderungsprozess? Ist das einzig Fixe im Leben nicht, dass nix fix ist (um es mal österreichisch zu formulieren)?

Fluss_klein

Foto: Roger Aines (CC BY 2.0)

Was hat dies mit Shiatsu zu tun?

Auch im Shiatsu wird der Lebensweg eines Menschen als dynamischer Prozess betrachtet. So ist der Körper selbst stetigen Wandlungen unterworfen und keine statische Maschine, die immer gleich ist oder immer gleich „funktionieren“ muss. Wie ich es in mir selbst und in der Begleitung von Menschen erlebe, gibt es zwar Grundthemen eines Menschen, die sich in verschiedenen Facetten immer wieder ähnlich im Körper zeigen, wie z.B. mein Muster, den Atem anzuhalten und nicht mehr auszuatmen, wenn ich unter Stress stehe. Ich reagiere dann, wie ich es nenne, in meinem (körperlichen) Muster. Diese Muster sind verfestigte Gewohnheiten, sozusagen unsere „normale“, weil gelernte Reaktion auf bestimmte Situationen. Diese körperlichen Muster werden sich auch in der Shiatsu-Behandlung wieder und wieder zeigen, insbesondere wie wir mit Druck umgehen (für weitere Informationen dazu schaue hier) oder wir machen sie gezielt zu Themen der Körperarbeit. Dennoch sind auch diese verfestigten Muster nicht unveränderbar, geschweige denn weniger hartnäckige körperliche Botschaften. Im Gegenteil, gerade über den Körper lassen sich gelernte Muster (mit der Zeit) lösen. Durch die Körpererfahrung können die Muster bewusst gemacht und – in der Behandlung durch Berührung, Druck und andere manuelle Techniken unterstützt – gelöst werden.

Über die Bewusstwerdung können sie dann auch im Alltag Schritt für Schritt ursächlich aufgelöst werden. Um bei meinem Beispiel zu bleiben: Wenn mir im Alltag bewusst wird, dass ich den Atem anhalte, weil ich unter Druck stehe, atme ich bewusst aus und dann – wie von selbst – wieder tief ein. So kann ich mein Muster, mich über die Atmung „tot zu machen“, durch die Körperwahrnehmung auflösen und so Stress abbauen.

Da Körper, Geist, Psyche und Seele eine Einheit bilden, lösen sich über den Körper auch mentale, emotionale und seelische Blockaden. Plötzlich – wenn das körperliche Muster sich löst – spüre ich in meinen Gedanken und Gefühlen und dadurch auch in meinen Lebensmöglichkeiten auch wieder mehr Freiraum. Herrlich! 

Neugierig? Dann freue ich mich, wenn du einen Termin vereinbarst, um deinem (körperlichen) Muster auf die Spur zu kommen und zu lernen, dieses aufzulösen.

Zur Vorstellung von Krankheit im Daoismus und im Zen-Buddhismus findest du hier Informationen.

Fluss_01

Foto: DaiLuo (CC BY 2.0)

Wu wei – Die Lebenskunst des Daoismus

„Wu-wei bedeutet, nicht selbst handeln zu wollen, 
sondern eben der erwähnten Autorität das Handeln, die Entscheidungen zu überlassen. 
Gekoppelt mit dieser Bereitschaft, 
selber weitgehend die Hand vom Steuer unseres Lebens zu nehmen, 
ist die Notwendigkeit, unsere Sinne in immer größerem Maße der Gegenwart zuzuwenden. 
Im gleichen Maße, wie wir
– statt ständig in Gedanken über Vergangenheit und Zukunft zu kreisen – 

unseren Alltag beobachten, ihm unsere Aufmerksamkeit voll zuwenden, 
werden sich unser ganzes Leben und unsere Sicht darauf verändern.“
(Theo Fischer)

Der Begriff des Wu wei ist mir schon vor Jahren durch einen Bekannten begegnet. Wu wei wird häufig mit „Nicht-Handeln“„Nicht-Eingreifen“ übersetzt. Da ich seinen Zugang jedoch als Ausrede empfunden habe, sich auf die faule Haut zu legen, keine Entscheidungen zu treffen und in seinem Leben zu versumpfen, habe ich mich damals nicht näher damit beschäftigt. Doch ganz losgelassen hat es mich nicht, vor allem weil ich mich davon angesprochen gefühlt habe, meinem Kontrollbedürfnis etwas entgegen setzen zu können, eben Wu wei: Handeln durch Nicht-Eingreifen, durch Geschehenlassen, denn Wu wei „ist die Fähigkeit, das Steuer des Lebens jener Macht zu überlassen, die eine Dimension von uns selbst ist und die Laotse einst das Tao genannt hat“ (Fischer 2001: S. 7).

Wahrnehmen – Beobachten – Aufmerksamkeit

Mir gefällt insbesondere der Zugang, über ein Problem – welcher Art auch immer – nicht nachzugrübeln, es zu analysieren und nach einer Lösung zu suchen, es aber auch nicht zu verdrängen und die Verantwortung abzugeben, sondern das Problem genau anzusehen (was ja an sich schon oft ein schmerzhafter Prozess ist) und die Lösung dem Dao (ich würde es LEBEN nennen) zu überlassen. Wenn dann ein direktes Eingreifen meinerseits zur Lösung des Problems erforderlich ist, wird meine Intuition eingreifen und mir klare, zweifelsfreie Anweisungen erteilen.

„Sorgen macht sich der Mensch des Tao keine, weil er Probleme sofort nach ihrem Auftauchen seine Aufmerksamkeit zuwendet, statt sie zu verdrängen und ihnen so die Möglichkeit zu geben, dass sie einen andauernden unterschwelligen Druck ausüben. […] Herausforderungen, wie sie auch beschaffen sein mögen, stellen dann keine Bedrohung des inneren Friedens mehr dar, sondern werden als das angesehen, was sie in Wirklichkeit eben sind, Herausforderungen an die uns innewohnenden Möglichkeiten. Und diese Möglichkeiten sind niemals schwächer oder geringer als der Druck, der von außen an uns herantritt.“ (Fischer 2001: S. 59)

Wenn ich es aus dieser Perspektive betrachte, habe ich die meisten Probleme meines Lebens auf diese Art und Weise gelöst – und nicht, indem ich mich unter Druck gesetzt habe und zwanghaft versucht habe, (mit dem Verstand) eine Lösung zu finden. Und du?

Kind

Interessant finde ich hierbei auch den Aspekt, Probleme sofort nach dem Auftauchen zu betrachten, uns also den Keimen einer problematischen Situation direkt zuzuwenden und sie – bildlich gesprochen – auszureißen, bevor sie schon feste Wurzeln und Blüten gebildet haben. Diesen Aspekt im Umgang mit inneren und äußeren Konflikten unterstreicht auch die Jungianische Psychoanalytikerin Marie-Louise von Franz. Dringen wir in die Tiefen der geheimen, leisen Wirkungen jener Keime ein und bringen Bewusstsein in jene Keimtriebe, die aus dem Hintergrund wirken, können unmögliche Situationen entwirrt und neue Möglichkeiten eröffnet werden (vgl. von Franz 1997: S. 159 und S. 161). Dafür braucht es „nur“ den Mut der aufrichtigen Aufmerksamkeit. Also: Was schwelt in dir? Um welche Keime musst du dich kümmern? Welche Probleme kannst du an der Wurzel packen?

Verbunden mit etwas Größerem

Edward Slingerland (ein US-amerikanischer Sinologe und Kognitionswissenschaftler) bezeichnet Wu wei als “müheloses, spontanes Handeln” und hebt hervor, dass Wu wei die Erfahrung der Verbundenheit mit etwas Größerem voraussetzt.

„Bei uns wird Spontaneität normalerweise mit Individualität assoziiert – man tut einfach, was man will. Wu wei hingegen bedeutet, zu einem Teil von etwas Größerem zu werden, der kosmischen Ordnung, für die das Dao steht.“ (Slingerland 2014: S. 58-59)

Diese Verbindung zu etwas Größerem können wir auch als Gerüst aus Werten bezeichnen. Dich kann hierbei die Frage leiten: „Inwieweit entspricht das, womit du dich gerade beschäftigst, dem, wer du bist und was dir am Herzen liegt?“

Dem Lebensfluss folgen

Oder wenn wir gerade keine Ahnung haben, wohin der Lebensfluss fließen will, können auch unsere Träume ein wichtiger Hinweis sein – vor allem das letzte Traumbild vor dem Aufwachen, das meist etwas vage und diffus (und häufig nur kurz) aufflackert. Während der gesamte Traum das zugrundeliegende Thema in symbolischer Weise darstellt, beschäftigt sich das letzte Traumbild damit, wohin sich unsere Lebensenergie als nächstes wenden will. Es ist also spannend, im Besonderen auf dieses Traumbild zu achten und es als bildhaften Wegweiser zu wählen. Probiere es doch einfach einmal aus!  Gerne kannst du dieses Traumbild auch zu deiner nächsten Shiatsu-Behandlung mitbringen. Dann können wir es über den Körper spüren und im Körper verankern. Neugierig? Dann freue ich mich, wenn du einen Termin vereinbarst!

___

(*) Taoismus und Daoismus bzw. Tao und Dao meinen dasselbe, sind nur verschiedene übersetzte Schreibweisen aus dem Chinesischen.

Literatur: Fischer, Theo (2001): Wu Wei. Die Lebenskunst des Tao. 14. Auflage. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt.

Franz, Marie-Louise von (1997): Das Weibliche im Märchen. 12. Auflage. Leinfelden-Echterdingen: Bonz.

Slingerland, Edward (2014): Wie wir mehr erreichen, wenn wir weniger wollen. Das Wu-Wei-Prinzip. Berlin: Berlin-Verlag.

Watts, Alan (1983): Der Lauf des Wassers. Eine Einführung in den Taoismus. München: Suhrkamp.

 zur Traditionell Chinesischen Medizin | Shiatsu – Was ist das? | zum Zen-Buddhismus

Melanie LannerDaoismus und Shiatsu