Zen und Shiatsu

Ein Mönch sagte zum Zen-Meister:
„Ich bin frisch ins Kloster eingetreten. Ich bitte dich, Lehrer, mich zu unterweisen.”
Der Meister fragte: „Hast du deinen Reisbrei gegessen?“
Der Mönch erwiderte: „Ja Herr, das habe ich.“
Der Meister sagte: „Dann geh und spüle deine Schale.“
In diesem Augenblick wurde der Mönch erleuchtet.

Neben dem Daoismus ist der Zen-Buddhismus die philosophische Basis, die Shiatsu zugrunde liegt. 

Der Zen-Buddhismus ist eine Verschmelzung des (indischen) Mahayana-Buddhismus mit dem chinesischen Taoismus und wurde im 5. Jahrhundert n. Chr. in China entwickelt. Der Zen-Buddhismus kennt im Gegensatz zum Mahayana-Buddhismus keinen theoretischen Unterricht, keine abstrakten Lehren und keine klaren Antworten. In diesem Sinne wird Zen oftmals auch der „weglose Weg“ bezeichnet. Ziel ist die direkte Schau der Wirklichkeit. Deshalb wird der Zen-Buddhismus auch als Meditations-Buddhismus bezeichnet – und Meditation wird im Zen wiederum als nichts vom Alltag Getrenntes betrachtet. Deshalb sind neben der Sitzmeditation (Zazen) die alltäglichen Verrichtungen im Zen von zentraler Bedeutung (dazu unten mehr).

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Achtsamkeit – Präsenz – Wahrnehmung

Shiatsu wurde durch den Zen-Buddhismus insbesondere durch Shizuto Masunaga (1925-1981) geprägt, der selbst praktizierender Zen-Buddhist und Shiatsu-Lehrender (sowie japanischer Psychologe und Hochschullehrer) war. Sein Ziel war die Verbindung östlicher und westlicher Medizin und die Anwendung westlicher Forschungskriterien auf Shiatsu. Das von ihm daraus entwickelte Shiatsu-System nennt er dann auch „Zen-Shiatsu“ – und es ist eine der am weitesten verbreiteten Formen des Shiatsu in Europa und den USA (so wie ich es auch gelernt habe).

Doch finden sich in allen Shiatsu-Richtungen Einflüsse des Zen. Es geht hierbei vor allem um die Haltung der Shiatsu-Praktizierenden. Diese wird oftmals als „Absichtslosigkeit“ zusammengefasst, das heißt, nichts zu wollen und das Mögliche von selbst geschehen sowie Heilung nicht herbeiführen zu wollen, sondern geschehen zu lassen. In der konkreten Behandlungssituation bedeutet dies, warten zu können, bis eine Technik ankommt, zuhören zu können, um (energetische) Impulse im Gespräch und in der Behandlung wahrzunehmen, sowie Präsenz im Hier und Jetzt. Meine Erfahrung ist, dass vor allem im Dasein und Dableiben, auch während unangenehmer Empfindungen, Gefühle und Thema, das Heilsame in der Begleitung liegt. Dafür braucht es einen großen inneren Raum der Shiatsu-PraktikerInnen, um diese Situationen aushalten und dableiben zu können. Deshalb halte ich die Selbsterfahrung der Shiatsu-PraktikerInnen für diese Arbeit unerlässlich.

Doch gerade in der Absichtslosigkeit liegt auch das Paradox, das eine Grundlage des Zen-Buddhismus darstellt, und damit die gedanklichen Grenzen sprengtWie kann ich die Absicht loslassen, absichtslos zu sein? … Dafür findet der Verstand keine Antwort. – Und das ist der Sinn der Übung, wie sie im Zen-Buddhismus vor allem in den Kōans gepflegt wird:

Und als man Meister Tung-shan fragte: „Was ist der Buddha?“,
antwortete er: „Drei Pfund Flachs.“

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Im Zen werden den alltäglichen Verrichtungen höchste Konzentration bei möglichst entspanntem Körper geschenkt. Dieses Bewusstsein für das, was ich tue, aufzubringen, fällt mir derzeit am leichtesten gemeinsam mit meiner Tochter, die meine Aufmerksamkeit auch lauthals einfordert. Ich merke dann, wie ich fast automatisch in meine Mitte rutsche (ins HARA, wie wir es im Shiatsu nennen) und ganz da bin. Auch beim Schreiben gelingt mir dies, bei Spaziergängen in der Natur und bei kreativer Beschäftigung. Und natürlich beim Shiatsu, wenn ich für meine KlientInnen ganz da und ganz präsent bin. In welchen Momenten, bei welchen Tätigkeiten und in welchen Situationen bist du ganz präsent? Ganz da? Ganz bei dir? Ganz in deiner Mitte? Wann und wie lebst du Zen? Ich freue mich, wenn du mir von deinen Erfahrungen berichtest!

Denn es ist ja auch eine Möglichkeit, Zen ins Leben einzuladen…

Natürlich ist auch Shiatsu eine Möglichkeit, Zen-Zeit zu erfahren und miteinander zu teilen. Neugierig? Dann freue ich mich, wenn du einen Termin vereinbarst.

Und hier findest du einen Blogartikel, wie Krankheit im Daoismus und Buddhismus gesehen wird.

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Literatur: Watts, Alan (2008/1954): Vom Geist des Zen. Frankfurt am Main/Leipzig: Insel.

Tischhart, Rene: Zen in der Kunst des Shiatsu (pdf)

zum Daoismus | Shiatsu – Was ist das? | zum Shiatsu – ein Leben in Polaritäten

Melanie LannerZen und Shiatsu