C. G. Jung und östliche Weisheitslehre

Melanie Lanner Shiatsu

„Die meisten, wenn nicht alle körperlichen wie seelischen Störungen lassen sich darauf zurückführen, dass die Dynamik der Polaritäten im Menschen gestört ist,
weil bestimmte seelische Funktionen gehemmt oder nicht entwickelt sind
und weil bestimmte wesentliche Eigenschaften der Persönlichkeit
nicht zugelassen oder gelebt werden“.
(Lutz Müller)

Neben dem Daoismus (im Deutschen oft auch “Taoismus” geschrieben) und dem Zen-Buddhismus, auf welchen Shiatsu theoretisch basiert, liegt meiner Arbeit das Konzept der Ganzwerdung nach C. G. Jung zugrunde.

Ganzwerdung bedeutet, nicht nur eine Polarität zu leben, wie z.B. stark zu sein, sondern ebenfalls den Gegenpol, z.B. die Verletzlichkeit, ins eigene Leben einzuladen. Die grundlegende Polarität im Shiatsu ist Yin und Yang, aus der alles Leben hervorgeht. Ganzwerdung bedeutet Heilung.

C. G. Jung selbst hat sich mit östlicher Weisheitslehre beschäftigt und seine Gedanken besonders im Vorwort des Buches “Das Geheimnis der Goldenen Blume” formuliert. In deutscher Übersetzung ist es durch Richard Wilhelm herausgebracht worden, der als wichtigster deutschsprachiger Kenner der chinesischen Philosophie gilt. Wilhelm hat Jung eingeladen, ein Vorwort zu seiner Übersetzung des chinesischen Textes zu schreiben, in welchem es um die Bewusstseinsentwicklung des Menschen geht.

Für Jung ist insbesondere auffällig, dass die Metaphern, die in “Das Geheimnis der Goldenen Blume” verwendet werden, spontan auch in Träumen seiner KlientInnen auftauchen, die noch nie von chinesischer Weltsicht etwas gehört haben. Die Bilder scheinen also aus den tiefsten Schichten der Seele hervor zu steigen und Menschen unabhängig von Zeit und Raum zu begleiten. Dieser Gedanke der kulturellen und zeitlichen Unabhängigkeit hat für ihn zur Entwicklung des Konzepts des “kollektiven Unbewussten” geführt. Jung geht davon aus, dass alle Menschen – egal wo und wann sie leben – diese urmenschlichen Erfahrungen und dadurch auch Bilder teilen. Eines das für ihn wichtigsten Symbole ist das Mandala, das die Selbstwerdung des Menschen bildlich ausdrückt.

Das Malen von Mandalas ist auch im Zen-Buddhismus eine wichtige Übung zur Konzentration. Als ich in Nepal war, habe ich einige Thangka-MalerInnen (eine spezielle Form des Mandalas) kennengelernt. Ich war erstaunt und begeistert, mit welcher Hingabe sie sich den kleinsten Details des Bildes widmen. Ich würde die Geduld dafür nicht aufbringen und würde mich durch den großen Teil, der noch leer ist, gestresst fühlen. Doch genau darum geht es beim Tangka-Malen: Ganz präsent im Moment und bei dem zu sein, was du gerade tust. Das ist Meditation. Und in der Meditation können wir uns an das Selbst, das Dao, das All-Eine, das Große Ganze – egal, wie du es nennst – anschließen.

Thangka-Malerin in Pasadur (Nepal)

Thangka-Malerin in Pasadur (Nepal)

Dem kollektiven Unbewussten wohnt außerdem die Kraft inne, dass Menschen ein Problem – seien es körperliche Beschwerden oder emotional-seelische Themen – überwachsen:

“d.h. irgendein höheres und weiteres Interesse trat in den Gesichtskreis, und durch diese Erweiterung des Horizonts verlor das unlösbare Problem die Dringlichkeit. Das heißt, es wird nicht in sich selbst logisch gelöst, sondern verblasste gegenüber einer neuen und stärkeren Lebensrichtung. Es wurde aber auch nicht verdrängt und unbewusst gemacht, es erschien bloß in einem anderen Licht – und wurde so auch anders.”
(Jung/Wilhelm 1971: 12)

Dabei erkennt Jung, dass die wirklich wichtigen und großen Themen und Lebensprobleme nicht gelöst werden, sondern nur überwachsen werden können. Außerdem geht er davon aus, dass der Keim dieser Fähigkeit in allen Menschen vorhanden ist und unter günstigen Umständen zur Entfaltung kommen kann. Dass diese Fähigkeit zur Entfaltung kommt, setzt jedoch kein aktives Tun voraus, sondern geschieht von selbst (was im Taoismus als “Wu Wei – Tun durch Nichts-Tun” bezeichnet wird).

Diese Erfahrung habe ich auch in meiner Praxis gemacht: Da geht es monatelang um das gleiche Thema – körperlich oder emotional. Und dann ist plötzlich keine Rede mehr davon. Wenn ich nachfrage, sind meine KlientInnen oft erstaunt: Stimmt, daran habe ich gar nicht mehr gedacht. Das hat sich “wie von selbst erledigt”. Kennst du selbst solch überwachsene Lebensprobleme?

Im Shiatsu beschäftigen wir uns konkret mit dem Ausgleichen der Pole, vor allem von Leere (kyo) und Fülle (jitsu), und dem freien Fluss zwischen den Polaritäten. So können vorher verdrängte (energieleere) Körper- und damit Lebensbereiche integriert und Spannungen aufgelöst werden, welche eine Reaktion auf Energiefülle in einem Körperbereich sind. Außerdem wird durch die Körpererfahrung bewusst, welche Seite es im alltäglichen Leben einzuladen gilt.

„Energetische Ausgeglichenheit ist also kein statischer Zustand ohne Spannung, sondern der permanente Ausgleich durchgehend vorhandener Spannungsfelder. Das eigentliche Problem für uns ist nicht das Spannungsfeld, sondern unsere mangelnde Fähigkeit, es zwischen den beiden Polen fließen zu lassen. Je weniger uns dies gelingt, desto mehr versuchen wir, Spannungen zu vermeiden, mitunter auch dadurch, dass wir einen Pol des Spannungsfeldes ausblenden und so zu einer die Wirklichkeit verzerrenden Scheinharmonie finden. Damit fällt zwar die Spannung aus unserem Wahrnehmungsfeld, jedoch nicht aus unserem Leben. Wenn wir ihr aber in unserem Bewusstsein keine Chance geben, berauben wir uns selbst der Möglichkeit, mit ihr zu arbeiten. Statt dessen beginnen die Spannungen mit uns zu arbeiten, unsere Muskeln zu verkrampfen oder auf andere Weise unsere Körperfunktionen zu beeinträchtigen: Wir somatisieren. Wollen wir körperliche Beschwerden heilen, so müssen wir den Energiefluss fördern; den Energiefluss fördern aber heißt, sich den Spannungsfeldern des Lebens zu öffnen, der Widersprüchlichkeit der Welt in uns selbst einen Platz zu geben und an ihr zu wachsen.“
(Schrievers 2004: 406)

Neugierig? Dann freue ich mich, wenn du einen Termin vereinbarst.

Eine Erfahrung aus dem Shiatsu lässt sich auch auf unser praktisches Leben übertragen: Oftmals liegt einer Beschwerde scheinbar eine Energiefülle zugrunde, z.B. sind Kopfschmerzen durch Anspannung im Nacken bedingt. Schauen wir jedoch etwas tiefer, erkennen wir, dass die eigentliche Ursache in einer (Energie-)Leere liegt. So auch in unserem alltäglichen Leben. – Und manchmal hilft es, so paradox es auf den ersten Blick vielleicht scheint, erst den starken Teil noch etwas mehr zu leben, z.B. noch schneller (weil gestresst) zu gehen, bevor es „wie von selbst“ ins Gegenteil umschlägt und wir mehr Ruhe und Langsamkeit finden. Probiere es doch einfach einmal aus!
_______
(*) ein daoistischer Text aus dem chinesischen Yoga
(**) in welchem er sich u.a. von Freud deutlich unterscheidet, der ausschließlich von einem persönlichen Unterbewusstsein ausgeht

Literatur:

Jung, C. G./Wilhelm, Richard (1971): Das Geheimnis der Goldenen Blüte. Ein chinesisches Lebensbuch. 18. Auflage. Olten: Walter.

Schrievers (2004): Durch Berührung wachsen. Shiatsu und Qigong als Tor zu energetischer Körperarbeit. Bern: Hans Huber, S. 303-311.

Melanie LannerC. G. Jung und östliche Weisheitslehre