Ein Beispiel

Damit du dir besser vorstellen kannst, was ein Ritual ist und wie es abläuft, stelle ich dir hier ein Beispiel vor, wie ein Ritual ausschauen kann. Dies ist natürlich nur eine Möglichkeit, und es gibt unzählige andere Arten, ein Ritual zu begehen und zu gestalten. Was wichtig ist, ist, dass die Symbolik DIR entspricht. Dieses Beispielritual zum Loslassen nach einer Trennung aus einer Partnerschaft habe ich gewählt, weil mich diese Symbolik anspricht und ich damit in der Ritualbegleitung gute Erfahrungen gemacht habe.

Was bindet

Foto: Isabel Egger

Ein Ritual – für was?

Eine Frau, nennen wir sie Silvia, hat sich von ihrem langjährigen Partner getrennt und lebt jetzt in einer glücklichen Beziehung mit ihrem neuen Partner. Sie spürt, dass sie noch an etwas aus der alten Beziehung festhält, das sie gerne loslassen würde, um sich ganz und frei auf ihre neue Partnerschaft einlassen zu können. Um was es genau geht, weiß sie nicht. Sie spürt “nur” den Wunsch, sich darüber klar zu werden, um was es sich handelt, woran sie festhält, und dies hinter sich zu lassen. Dafür wünscht sie sich einen feierlichen Rahmen, ein Ritual, um diesen Übergang bewusst machen zu können. Und sie wünscht sich eine fixe Struktur und einen klaren Rahmen für das Ritual, um sich fallenlassen und ganz dem eigenen Prozess und den Gefühlen, die entstehen mögen, hingeben zu können. Sie entscheidet sich, ihren jetzigen Partner zum Ritual mitzunehmen. Auch den Ort des Rituals wählt sie. Wir wählen gemeinsam auch die Dekoration des Rituals und klären meine Rolle als Ritualleiterin.

Ein Ritual – wie?

Dann entwickeln wir gemeinsam die Symbolik des Rituals. Wir entscheiden uns, das Band, das sie noch mit ihrem Exfreund verbindet, symbolisch als Schnur darzustellen, die ihren Körper mit einem Symbol verbindet, das für ihn und ihre Beziehung steht. Dafür bitte ich sie, ein Symbol für ihn und ihre Beziehung mitzubringen. Ihr fällt sofort das Stofftier ein, das sie von ihm geschenkt bekommen hat.

Sie kann mit den Kräften der Natur und den vier Elementen als spirituellem Zugang viel anfangen, auch wenn es ihr noch neu ist. Deshalb wählen wir einen Ablauf, bei dem wir die Elemente um Unterstützung im Ritual bitten. Andere Wesenheiten will sie nicht rufen.

Ein Ritual – was?

Wir beginnen das Ritual mit einem klaren Anfang, indem wir klar aussprechen, warum wir hier zusammengekommen sind. Ich erkläre auch kurz den Ablauf des Rituals. Wir klären die Regeln des Rituals (z.B. schweigend zwischen den verschiedenen Stationen zu reisen), auch für ihren jetzigen Freund, und seine Rolle. Für sie ist er ihr Beistand, ein Zeuge, der voller Achtsamkeit und Respekt an diesem bewussten Übergang teilhaben soll. Er erklärt sich damit einverstanden.

Dann reinigen und erden wir uns alle, um ganz im Hier und Jetzt anzukommen und die Alltagssorgen für einen kurzen Moment nebenanzustellen. Ich öffne den Heiligen Raum durch einen Satz, den wir zuvor vereinbart haben, und indem ich mich in alle Himmelsrichtungen wende. (Näheres dazu findest du unter Ritualgestaltung.)

In der Mitte des Kreises bitte ich sie, das Stofftier in die Hand zu nehmen, es wirklich anzuschauen und alle Gefühle wahrzunehmen, die aufsteigen, während sie es betrachtet. Wenn sie mag, kann sie dazu ein paar Sätze sagen.

Dann bitte ich sie in ihren Körper zu spüren und wahrzunehmen, wo sie die Verbindung am deutlichsten spürt. Sie wählt ihren Bauch. Ich binde ihr die Schnur um den Bauch und bitte sie, das andere Ende um das Stofftier zu binden. So knüpfen wir ein Band zwischen ihr und dem Symbol, das für ihre vergangene Beziehung steht. Ich bitte sie, diese Verbindung zu spüren und lade sie ein, ein paar Worte dazu zu sagen, wenn sie möchte.

Faden trennen

Foto: Isabel Egger

Danach wenden wir uns in die vier Himmelsrichtungen mit den dazugehörigen Elementen und nutzen deren Kraft für unser Ritual:

  • Im Süden begegnet uns das Feuer: Ich bitte sie, all dies, was sie loswerden will, auf Zettel zu schreiben, wenn sie möchte, laut vorzulesen und dann zu verbrennen.
  • Im Westen holen wir uns das reinigende Wasser zu Hilfe: Ich frage sie, von was sie (auch innerlich) gereinigt werden will, und bitte sie, dies zu benennen und schluckweise dazu Salzwasser zu trinken.
  • Im Norden füllt die Erde die Leere, die entstanden ist: Und ich bitte sie die Fragen „Mit was will ich mich füllen? Was nährt mich?“ zu beantworten und immer dazu etwas zu sich zu nehmen, also etwas Gutes von Mama Erde zu essen
  • Im Osten, dem Ort des Neubeginns und der Luft, durchtrennt sie dann die Schnur.

Ich bitte sie, sich jetzt am Ende des Prozesses noch einmal zu fragen, ob sie wirklich bereit ist, jetzt loszulassen. Es ist nämlich auch in Ordnung, nicht bereit zu sein, die loszulassen oder drauf zu kommen, dass sie es doch lieber festhalten will. Ich bitte sie, ganz ehrlich mit sich selbst und ihren Gefühlen zu sein. Das ist die Hauptsache. Und wenn sie sich fürs Warten oder fürs Festhalten entscheiden sollte, ist dies eine wichtige Erkenntnis, die ihr durch ihr Ritual geschenkt wurde. Dann gilt es, dies wertzuschätzen – und sich selbst für die Ehrlichkeit!

Silvia hat sich entschieden, jetzt loszulassen, und ich bitte sie, klar zu benennen, was sie loslassen will und dann das Band mit einem Ritualmesser zu durchschneiden. Ich fordere sie auf, den Schnitt zwischen dem, was war, und dem, was jetzt ist, bewusst zu machen. Sie hat das Alte losgelassen, das Band ist zerschnitten. Wieder gebe ich ihr Raum zu spüren, wie sich das anfühlt und wenn sie möchte, etwas dazu zu sagen.

Bevor wir das Ritual beenden, frage ich sie, ob sie noch etwas braucht oder sagen möchte, noch etwas im Heiligen Kreis tun will oder ob ich als Ritualleiterin noch etwas für sie tun kann. Wenn alles für jetzt erledigt ist, bedanken wir uns bei den Elementen für die Unterstützung beim Ritual, und dann schließe ich den Heiligen Raum wieder mit „meinem Satz“.

Und danach?

Danach gibt es noch ausreichend Raum und Zeit, um wieder im Alltagsbewusstsein anzukommen. Das ist ganz, ganz wichtig! Wir essen ein paar Kekse gemeinsam und trinken Tee. Wenn es im informellen Rahmen noch etwas zu sagen gibt, ist dafür Raum. Und ich bitte sie, sich bewusst zu überlegen, was mit dem Symbol und der Schnur passieren soll. Silvia entscheidet sich, die Schnur sofort wegzuwerfen und das Stofftier ihrem Exfreund zurückzugeben.

Zwei Wochen nach dem Ritual treffen wir uns wieder, und sie erzählt mir, wie es ihr nach dem Ritual gegangen ist. Sie hat noch mehrmals von ihm geträumt, hat seine letzten Sachen aus der gemeinsamen Wohnung zusammengepackt und zu ihm geschickt (er war gerade auf Auslandssemester und konnte das nicht selbst erledigen) und fühlt sich seitdem freier. Das Loslassen war für sie ein befreiender Prozess.

Ich freue mich, Menschen in diesen Übergangsphasen zu begleiten
und einen sicheren und feierlichen Rahmen für ihre eigenen Prozesse zu schaffen.

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Melanie LannerEin Beispiel