Shiatsu und Träume

Melanie Lanner Shiatsu

„Träume sind Teil des Lebensflusses,
und sie sind von großer Bedeutung für die Entwicklung des Bewusstseins.
Sie sind der individuelle Ausdruck der inneren Lebenskräfte des Träumers und damit
– wenn wir sie zu lesen vermögen – ein diagnostisches Hilfsmittel.“
(Joachim Schrievers)

Im Zuge meines Buchs habe ich mich viel mit C. G. Jung beschäftigt, dessen Analytische Psychologie die theoretische Basis für mein Buch bildet. Jung geht von einem umfassenden Selbst aus, das neben unserem bewussten Ich auch das Unbewusste umfasst, das sowohl individuelle als auch kollektive Teile in sich trägt. Das Ich, mit dem wir uns zumeist identifizieren, ist also nicht die letzte Instanz unserer Identität, sondern es bildet „nur“ das Zentrum unseres Bewusstseins. Das Bewusstsein ist wiederum Teil des Selbst, das über den bloß persönlichen Bereich hinaus und ins individuelle und kollektive Unbewusste greift. Mehr dazu…

Diese Vorstellung eines umfassenden Selbst liegt auch dem Shiatsu zugrunde, wo Körper, Geist und Seele als Einheit betrachtet werden. Wir sind nicht nur unser Ich, unser Bewusstsein, unser Verstand – sondern ein umfassendes, vielschichtiges Selbst, das auch mit Überpersönlichem im Zusammenhang steht. Deshalb ist es im Shiatsu auch so wichtig, die Lebenssituation des Menschen zu kennen, der mit bestimmten Beschwerden zu uns kommt, denn:

Rückenschmerzen sind nicht gleich Rückenschmerzen.

Diese Sichtweise spielt bei psychosomatischen Beschwerden eine besondere Bedeutung, da Psyche und Körper speziell bei solchen Beschwerdemustern nicht getrennt werden können. Denn manchmal reagiert der Körper mit Symptomen, die keine (erkennbare und diagnostizierbare) physische Ursache haben, sondern er äußert sich auf symbolische Weise: Unser Rücken schmerzt, weil wir zu viel tragen oder immer aufrecht stehen müssen. Wir bekommen keine Luft, weil wir vor lauter Verantwortung keinen Raum mehr zum Atmen haben. Oder wir bekommen eine Erkältung, um unserem Bedürfnis nach Ruhe nachgehen zu können.

In der Shiatsu-Behandlung geht es dann darum, die zugrunde liegenden Themen bewusst zu machen, um neben der Symptomlinderung durch die Behandlung bestimmter Punkte und Körperbereiche die Ursache der Symptome zu finden und so die Basis zu schaffen, dass die Beschwerden nicht mehr entstehen (müssen).

Weg

Wenn sich die zugrunde liegende Thematik nicht „von alleine“ über den Körper und die Reflexion der Körpererfahrung erschließt, können auch Träume ein wichtiger Hinweis auf die zugrunde liegenden Themen sein. Denn Träume schaffen eine Verbindung zu unserem (persönlichen und kollektiven) Unbewussten, das mehr weiß als unserem Ich bewusst ist. Werden Träume bewusst, schenken sie uns in verschlüsselter, bildlicher Weise Erkenntnisse – auch über unsere körperlichen Beschwerden.

Eine Möglichkeit, uns mit unseren Träumen zu beschäftigen, ist neben dem Aufschreiben und der gedanklichen Beschäftigung (wie es Jung sie in seiner Psychologie tut – Hinweise dazu findest hier) wiederum die Körperarbeit. Im Shiatsu werden dann die Trauminhalte in das Körperempfinden hineingenommen. Hierfür werden alle Trauminhalte (also alle Figuren, Gegenstände, Landschaften, Handlungen etc.) als verschiedene Aspekte des Träumenden selbst betrachtet. Im Traum können wir uns also wie in einem Film von außen betrachten. In einem nächsten Schritt nehmen wir diese (Traum-)Aspekte in unseren Körper hinein und fühlen die in ihnen verborgene Kraft im geschützten Rahmen der Shiatsu-Behandlung. Uns begleiten die Fragen: „Wie fühlt sich dieser oder jener Aspekt des Traumerlebens im Körper an?“ und „Welche Kraft wird in uns durch das Traumbild lebendig?“ Es geht darum, die in den Trauminhalten liegenden Kräfte (die an sich immer neutral sind, auch wenn sie im Traum oft bedrohliche Gestalt annehmen) wahrzunehmen und zuzulassen, denn „erst wenn die im Traum erschienenen Kräfte im Körper ihren Platz gefunden haben, ihr Qi frei fließen kann, stehen sie uns wirklich zur Verfügung beziehungsweise kann der Prozess der Umwandlung des Ich beginnen“ (Schrievers 2004: 390).

Träume können also den Shiatsu-Prozess begleiten und zeigen oftmals auch eine Veränderung an, die durch die Körperarbeit in Gang gebracht wird. Manche Menschen, die sich davor nicht an ihre Träume erinnern konnten, beginnen lebhaft zu träumen. Wiederholungsträume, die uns seit Jahren begleiten, lösen sich auf oder verändern sich. Zum Beispiel wird der gleiche Traum aus einer anderen Perspektive geträumt. Ich hatte auch schon Träume, in denen mir meine Shiatsu-Lehrerin gesagt hat, was die Ursache meiner derzeitigen Beschwerden sind. – Und am nächsten Morgen hatten sie sich aufgelöst. Träume sind also ein wichtiger Hinweis auf die zugrunde liegenden Themen von körperlichen Beschwerden, und die Körperarbeit kann über Druck, Berührung und das begleitende Gespräch auch tiefliegende Thematiken verwandeln.

Neugierig? Dann freue ich mich, wenn du einen Termin für eine Shiatsu-Behandlung vereinbarst.
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Literatur: Schrievers, Joachim (2004): Durch Berührung wachsen. Shiatsu und Qigong als Tor zu energetischer Körperarbeit. Bern: Hans Huber, S. 385-397.

Melanie LannerShiatsu und Träume

Buchpräsentation

Melanie Lanner Veranstaltung

Mein Buch ist fertig! Das Buch ist eine psychologische Deutung von Tolkiens Meisterwerk “Der Herr der Ringe”. Mehr…

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Und diese Freude will ich bei einer Buchpräsentation mit dir teilen.

Wann: Donnerstag, 28.06.2018 ab 18 Uhr (Lesung ab 18:30 Uhr)
Wo: Café Vergissmeinnicht, Griesgasse 26, 8020 Graz

Ich lade dich herzlich zur Lesung mit Live-Musik und zu einem kleinen Buffet ein!

Eintritt kostenfrei!

Ich freue mich auch, wenn du die Informationen an Interessierte weiterleitest!

 

Melanie LannerBuchpräsentation

Wärme, Rhythmus und Konstanz im Shiatsu

Melanie Lanner Shiatsu

„Vielen meiner Klienten und überhaupt uns allen wünschte ich eine Dame Aiuòla im Änderhaus
[aus „Die Unendliche Geschichte“ von Michael Ende],
deren ganze Existenzaufgabe darin besteht,
Zärtlichkeit, Geborgenheit und Wärme zu geben, so lange,
bis wir zutiefst satt geworden sind an dieser mütterlichen Gabe
und aus dieser Sättigung der Wunsch erwachsen kann, selbst zu lieben.“
(Lutz Müller)

Neben dem Lockern von Anspannungen und der (Wieder)Belebung abgespaltener Anteile (worauf ich im letzten Blogartikel eingegangen bin) hat Shiatsu auch ganz unmittelbare Wirkung auf unser gesamtheitliches psychisches Erleben. Die Berührung im Shiatsu ist wärmend, konstant und rhythmisch. Wärme, Konstanz und Rhythmus sind frühkindliche Erfahrungen – im Mutterleib und besonders in den ersten zwei Lebensjahren. Werden diese frühkindlichen Erfahrungen im Shiatsu wiederholt oder nachgeholt, kann Heilung geschehen… Denn dieser ursprünglich leibhafte Zugang zur Welt begleitet uns ein Leben lang.

Wärme umfasst dabei sowohl körperliche Wärme als auch ein Gefühl von emotionaler Wärme und Geborgenheit. Sie bildet die Basis für Vertrauen in die Welt und für Genussfähigkeit im späteren Leben. Ein regelmäßiger und passender Rhythmus gibt Sicherheit und Halt und ermöglicht das Wahrnehmen von Form und Grenzen, vor allem auch der eigenen Körpergrenzen. Konstanz macht die Erfahrungen von Wärme und Rhythmus verlässlich, sodass sich auch ein Urvertrauen im Inneren entwickeln kann. Erst in diesem Erleben von Beständigkeit können emotionale Bindungen eingegangen und positiv bewältigt werden.

„Erlebte Beständigkeit befähigt uns, ambivalenten, einander zumindest scheinbar entgegengesetzten Gefühlen
und Impulsen umzugehen und diese zu integrieren.
Und gerade ein solch reifer Umgang mit einander widerstreitenden Inhalten
bildet die Grundlage für Ausgeglichenheit, Gesundheit
und steht als Basis für stabile, verbindliche, reife und ‘ganze’ Beziehungen.“
(Eduard Tripp)

Wärme, Rhythmus und Konstanz sind also grundlegende Erfahrungen in unserem Leben, die auf grundlegende Themen verweisen, die mir auch immer wieder in der Shiatsu-Praxis begegnen: Urvertrauen, Grenzen und gesunde Beziehungen. Außerdem sind sie die Basis unseres Selbstverständnisses und Selbstwerts. Auch wie wir unseren Körper wahrnehmen und erleben, wird dadurch geprägt. Wir könnten auch sagen, dass Shiatsu eine Form der mütterlichen Fürsorge und Liebe (wieder)belebt.

„Das innere Wesen der Shiatsu-Behandlung ist wie rein mütterliche Liebe;
der Druck der Hände bringt die Quellen des Lebens zum Fließen.“
(Tokujiro Namikoshi)

Haende

Gerade bei seelischen Themen ist das (Wieder)Erleben dieser Grunderfahrungen von besonderer Bedeutung, da das Erfahren von Wärme und Geborgenheit, Rhythmus und Struktur sowie Konstanz und Verlässlichkeit die Basis für die Wandlung ist. Rhythmus und Verlässlichkeit sind besonders wichtig in Krisensituationen, in denen wir den Halt in unserem Leben sowie Beziehungs- und Lebensordnungen (vorläufig) verloren haben. Der klare Rhythmus und die klare Struktur im Shiatsu können Halt schenken.

Ein weiterer Aspekt, warum Shiatsu gerade auch bei seelischen Themen heilsam sein kann, ist die Verankerung in der Realität, die durch die Körperberührung entsteht. Spüren wir unseren Körper und unsere Körpergrenzen (wieder), kommen wir auch wieder in der Realität an. Das Kopfkino kommt zur Ruhe, das emotionale Auf und Ab findet einen Bezugspunkt, der Körper kann sich entspannen. Meine Klientinnen und Klienten beschreiben dies oft mit den Worten „Jetzt spüre ich den Boden unter meinen Füßen wieder“ oder „Ich fühle mich geerdet“ oder „Ich fühle mich wieder ganz bei mir angekommen“.

Bei sich zu sein, um den Herausforderungen des Lebens begegnen zu können, dies ist auch ein Geschenk vom Shiatsu.

Neugierig? Dann freue ich mich, wenn du einen Termin vereinbarst!
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Literatur: Tripp, Eduard: Shiatsu aus Sicht der Psychotherapie (pdf)

Melanie LannerWärme, Rhythmus und Konstanz im Shiatsu

Wie zeigen sich psychische Themen im Körper?

Melanie Lanner Shiatsu

„In jedem Yin liegt der Keim des Yang,
in jeder Schwäche ist auch ihr Potential enthalten,
das sie in eine Stärke umzuwandeln vermag.“
(Joachim Schrievers)

Im letzten Blog-Artikel bin ich auf die Begriffe „Ich“ und „Selbst“ von C. G. Jung eingegangen. Jetzt beschäftige ich mich damit, wie sich psychische Themen im Körper zeigen (können).

Die Polarität von Anspannung und Entspannung ist im Shiatsu von zentraler Bedeutung. Anspannungen, die keine physischen Ursachen haben, sind mehr als bloße Muskelverkrampfungen, die zum Beispiel durch eine „schlechte Haltung“ entstehen. Vielmehr deuten Spannungen an, dass wir versuchen, uns unbewusst vor Erfahrungen, Gefühlen, Erinnerungen oder Anderem, das uns unangenehm ist, zu schützen. Werden im Shiatsu die Spannungen gelöst, löst sich auch dieser Schutz auf und zuvor unbewusste Themen kommen an die Oberfläche und ins Bewusstsein. Gleichzeitig erlangen wir mehr Flexibilität in unserem Verhalten, Denken und Fühlen, sobald unser Körper die Anspannung loslässt und dadurch durchlässiger, weicher, offener wird.

Auch Erschlaffung und Gefühllosigkeit in manchen Körperbereichen oder im ganzen Körper sind ein wichtiger Hinweis auf abgespaltene Gefühle und ungelebte Persönlichkeitsanteile. Oft begegnen sie mir in der Praxis nach physischen und emotionalen Traumata. Nach der Geburt unserer Tochter hatte ich zum Beispiel einen Bereich in der Hüfte nur noch ganz schwammig, wie durch Watte wahrgenommen. Im Shiatsu habe ich die Stelle nicht wirklich gespürt, also nicht so, als würde sie direkt berührt werden können, sondern nur über eine Schutzschicht. Das war auffällig für mich. Deshalb habe ich mich mit meiner Shiatsu-Praktikerin auf diesen Bereich fokussiert und ihn mit Berührungen und Achtsamkeit eingeladen, sich wieder mit dem restlichen Körper zu verbinden und die Watteschutzschicht loszulassen. Begleitet durch Atmung und Aufmerksamkeit ist uns dies gelungen. Darüber bin ich sehr dankbar, vor allem auch, weil ich weiß, dass aus diesen subtilen Körperbotschaften, wenn sie länger nicht beachtet und nicht in den ganzen Körper integriert werden, manifeste körperliche Beschwerden – wie in meinem Fall zum Beispiel Hüftschmerzen – entstehen können.

Der Körper wird also nicht nur durch Erfahrungen in der physischen Welt geprägt (wie zum Beispiel durch das Essen, das wir zu uns nehmen, die Luft, die wir atmen und wie wir uns bewegen), sondern speichert auch Emotionen und Erfahrungen. Dieses Körpergedächtnis wird über Shiatsu angesprochen. Über den Körper können daher auch emotionale und mentale Blockaden angesprochen und befreit werden.

Aufbruch

Wunde Punkte sind dabei oft die, von denen Veränderungen ausgehen, denn viele Beschwerden resultieren aus den Abwehr- und Schutzmechanismen, die wir entwickelt haben, um die wunden Punkte nicht zu spüren und nicht an ihnen berührt zu werden. Werden diese oft unbewussten Mechanismen über die Körperarbeit gelockert, kann Veränderung entstehen – in unserem Leben als ganzer Mensch.

Dafür kannst du dir selbst die Frage stellen, was sich in deinem Leben ändern würde, wenn du dich so entspannt/gelöst/beweglich/energiegeladen/kräftig/ _________________ [bitte einsetzen] fühlst, wie nach einer Shiatsu-Behandlung, in einer Meditation, in einer für dich angenehmen Bewegung oder in einer anderen Situation, in der du dich selbst gut spüren kannst. Was ändert sich durch die veränderte Körperwahrnehmung in dir als ganzer Mensch? Wie würde sich dein Leben ändern, wenn du ihm in einer solchen Haltung begegnest?

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Foto: Lolowaro974(CC BY 2.0)

Unser Schatten

Verdrängte Aspekte unserer selbst bezeichnet C. G. Jung als unseren „Schatten“. Diesen können wir neben der Körperarbeit auch durch unsere Projektionen auf andere auf die Spur kommen: Wer regt dich so richtig auf? Und warum? Über wen ärgerst du dich immer wieder? Und worüber genau? – Und: Was hat das mit dir zu tun? Lebt die Person Aspekte aus, die du dir verwehrst? Zeigt sie dir etwas auf, was du an dir selbst nicht wahrhaben willst?

Diese projizierten Anteile zu sich selbst zurückzunehmen und für sie Verantwortung zu übernehmen, ist ein Weg zur Ganzwerdung und damit zur Heilung.

„Nicht Licht und Schatten vereinigen sich dabei in einem verwaschenen Halbdunkel,
sondern wir erfahren eine Qualität, die von Licht und Schatten nicht berührt wird, den Berg.
Voraussetzung für diese Umwandlung ist, dass wir die in unseren Blockierungen und Problemen steckende Kraft nicht ablehnen und bekämpfen, sondern beginnen, mit ihr zu ‚arbeiten‘, beziehungsweise zu spielen.“
(Joachim Schrievers)

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Melanie LannerWie zeigen sich psychische Themen im Körper?

Das Ich und das Selbst

Melanie Lanner Selbstbegegnung, Shiatsu

Nicht ich lebe, es lebt mich.
(C. G. Jung)

Nachdem ich im letzten Blogartikel auf C. G. Jungs Zugang zur östlichen Weisheitslehre eingegangen bin und herausgearbeitet habe, dass er auch daraus seinen Begriff und seine Vorstellung des „kollektiven Unbewussten“ (als Ergänzung zum bloß persönlichen Unterbewussten) entwickelt hat, welches alle Menschen – unabhängig vom historischen und kulturellen Kontext miteinander teilen –, will ich jetzt noch etwas tiefer in diesen Raum eintreten, in welchem die bloße Ich-Identität um eine überpersönliche Entität ergänzt wird. C. G. Jung nennt diesen Teil „Selbst“. Mehr…

Das Ich und das persönliche Unbewusste sind in das kollektive Unbewusste eingebunden, und dem kollektiven Unbewussten liegt das Selbst zugrunde, denn das Selbst ist die Mitte allen Seins (Schrievers 2004: S. 306).

„Insofern es [das Selbst] eine complexio oppositorum,
eine Vereinigung von Gegensätzen, darstellt,
kann es auch als eine geeinte Zweiheit erscheinen,
wie zum Beispiel das Tao als Zusammenspiel von yang und yin.”
(C. G. Jung, GW 6, § 891)

Heilung geht vom Selbst aus, das seine Impulse, z.B. in Form von Träumen, in die Psyche und das Ich aussendet. Andere Impulse sind körperliche Beschwerden und Symptome, die als Botschaften des Selbst verstanden werden können. Die Weisheit unseres Körpers überschreitet unsere oftmals festgefahrenen und überholten Lebensvorstellungen und Erwartungen – und verbindet uns mit unserer inneren Weisheit, unserem Selbst. Neugierig? Dann freue ich mich, wenn du einen Termin vereinbarst.
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Literatur: Müller, Lutz (1986): Suche nach dem Zauberwort. Identität und schöpferisches Leben. Stuttgart: Kreuz

Himalaya

Andere Möglichkeiten, mit deinem Selbst in Kontakt zu kommen, findest du unter “Selbst-Gespräche“: der Weg über Träume, über Symbole, über Geschichten und Archetypen, über Imaginationen, über Rituale, über Synchronizitäten, über ein symbolisches Leben und über unsere Gefühle. Ein Zugang, unseren Gefühlen Ausdruck zu verleihen, sind GefühlsbilderIch stelle dir in einer Galerie einige meiner Gefühlsbilder vor –  lasse dich inspirieren, deine eigenen Gefühle zu gestalten!

Für Frauen ist auch die Menstruation eine Türöffnerin zu ihrem Selbst. Informationen zu Shiatsu und Menstruation findest du unter “Frauengesundheit“. Ergänzt habe ich den Artikel um eine Tabelle, welche die Sprache des Menstruationsblutes zusammenfasst (du findest sie hier als pdf).

Und noch eine weitere Ergänzung zu meinen bisherigen Artikeln findest du auf meinem Blog: Ich habe meinen Selbstheilungsweg um meinen spirituellen Zugang ergänzt: einen Zugang, der danach fragt, warum ich mich überhaupt mit mir selbst beschäftigen sollte. Und der wiederum an das Selbst anschließt.

Melanie LannerDas Ich und das Selbst

Was ist Tao? – C. G. Jung

Melanie Lanner Shiatsu

Der Osten basiert sein Denken und seine Bewertung der Tatsachen auf einem anderen Prinzip.
Wir kennen nicht einmal ein Wort für dieses Prinzip.
Der Osten hat natürlich ein Wort für dieses Prinzip, aber wir verstehen es nicht.
Das östliche Wort ist Tao.
Mein Freund McDougall hat einen chinesischen Studenten, und den fragte er einmal:
«Was genau verstehen Sie unter Tao?» Typisch westlich!
Der Chinese erklärte, was Tao ist, und er antwortete: «Ich verstehe immer noch nicht.»
Da ging der Chinese auf den Balkon und sagte: «Was sehen Sie?»
«Ich sehe eine Straße und Häuser und spazierengehende Leute und vorüberfahrende Trams.»
«Was noch?» «Bäume.» «Was noch?» «Der Wind weht.»
Der Chinese warf seine Arme hoch und sagte: «Das ist Tao.»

(C. G. Jung)

Winter

Melanie LannerWas ist Tao? – C. G. Jung

Der psychologische Gehalt des Dao

Melanie Lanner Shiatsu

„Wenn wir Tao als Methode oder als bewussten Weg, der Getrenntes vereinigen soll, auffassen,
so dürften wir dem psychologischen Gehalt des Begriffs wohl nahe kommen.“
(C. G. Jung)

Foto: Andreas Praefcke (CC BY 3.0)

Foto: Andreas Praefcke (CC BY 3.0)

Melanie LannerDer psychologische Gehalt des Dao

C. G. Jung und östliche Weisheitslehre

Melanie Lanner Shiatsu

„Die meisten, wenn nicht alle körperlichen wie seelischen Störungen lassen sich darauf zurückführen,
dass die Dynamik der Polaritäten im Menschen gestört ist,
weil bestimmte seelische Funktionen gehemmt oder nicht entwickelt sind
und weil bestimmte wesentliche Eigenschaften der Persönlichkeit
nicht zugelassen oder gelebt werden“.
(Lutz Müller)

Neben dem Daoismus (im Deutschen oft auch “Taoismus” geschrieben) und dem Zen-Buddhismus, auf welchen Shiatsu theoretisch basiert, liegt meiner Arbeit das Konzept der Ganzwerdung nach C. G. Jung zugrunde.

Ganzwerdung bedeutet, nicht nur eine Polarität zu leben, wie z.B. stark zu sein, sondern ebenfalls den Gegenpol, z.B. die Verletzlichkeit, ins eigene Leben einzuladen. Die grundlegende Polarität im Shiatsu ist Yin und Yang, aus der alles Leben hervorgeht. Ganzwerdung bedeutet Heilung.

C. G. Jung selbst hat sich mit östlicher Weisheitslehre beschäftigt und seine Gedanken besonders im Vorwort des Buches “Das Geheimnis der Goldenen Blume” formuliert. In deutscher Übersetzung ist es durch Richard Wilhelm herausgebracht worden, der als wichtigster deutschsprachiger Kenner der chinesischen Philosophie gilt. Wilhelm hat Jung eingeladen, ein Vorwort zu seiner Übersetzung des chinesischen Textes zu schreiben, in welchem es um die Bewusstseinsentwicklung des Menschen geht.

Für Jung ist insbesondere auffällig, dass die Metaphern, die in “Das Geheimnis der Goldenen Blume” verwendet werden, spontan auch in Träumen seiner KlientInnen auftauchen, die noch nie von chinesischer Weltsicht etwas gehört haben. Die Bilder scheinen also aus den tiefsten Schichten der Seele hervor zu steigen und Menschen unabhängig von Zeit und Raum zu begleiten. Dieser Gedanke der kulturellen und zeitlichen Unabhängigkeit hat für ihn zur Entwicklung des Konzepts des “kollektiven Unbewussten” geführt. Jung geht davon aus, dass alle Menschen – egal wo und wann sie leben – diese urmenschlichen Erfahrungen und dadurch auch Bilder teilen. Eines das für ihn wichtigsten Symbole ist das Mandala, das die Selbstwerdung des Menschen bildlich ausdrückt.

Das Malen von Mandalas ist auch im Zen-Buddhismus eine wichtige Übung zur Konzentration. Als ich in Nepal war, habe ich einige Thangka-MalerInnen (eine spezielle Form des Mandalas) kennengelernt. Ich war erstaunt und begeistert, mit welcher Hingabe sie sich den kleinsten Details des Bildes widmen. Ich würde die Geduld dafür nicht aufbringen und würde mich durch den großen Teil, der noch leer ist, gestresst fühlen. Doch genau darum geht es beim Tangka-Malen: Ganz präsent im Moment und bei dem zu sein, was du gerade tust. Das ist Meditation. Und in der Meditation können wir uns an das Selbst, das Dao, das All-Eine, das Große Ganze – egal, wie du es nennst – anschließen.

Thangka-Malerin in Pasadur (Nepal)

Thangka-Malerin in Pasadur (Nepal)

Dem kollektiven Unbewussten wohnt außerdem die Kraft inne, dass Menschen ein Problem – seien es körperliche Beschwerden oder emotional-seelische Themen – überwachsen:

“d.h. irgendein höheres und weiteres Interesse trat in den Gesichtskreis,
und durch diese Erweiterung des Horizonts verlor das unlösbare Problem die Dringlichkeit.
Das heißt, es wird nicht in sich selbst logisch gelöst,
sondern verblasste gegenüber einer neuen und stärkeren Lebensrichtung.
Es wurde aber auch nicht verdrängt und unbewusst gemacht,
es erschien bloß in einem anderen Licht – und wurde so auch anders.”
(Jung/Wilhelm 1971: 12)

Dabei erkennt Jung, dass die wirklich wichtigen und großen Themen und Lebensprobleme nicht gelöst werden, sondern nur überwachsen werden können. Außerdem geht er davon aus, dass der Keim dieser Fähigkeit in allen Menschen vorhanden ist und unter günstigen Umständen zur Entfaltung kommen kann. Dass diese Fähigkeit zur Entfaltung kommt, setzt jedoch kein aktives Tun voraus, sondern geschieht von selbst (was im Daoismus als “Wu Wei – Tun durch Nichts-Tun” bezeichnet wird).

Diese Erfahrung habe ich auch in meiner Praxis gemacht: Da geht es monatelang um das gleiche Thema – körperlich oder emotional. Und dann ist plötzlich keine Rede mehr davon. Wenn ich nachfrage, sind meine KlientInnen oft erstaunt: “Stimmt, daran habe ich gar nicht mehr gedacht.” Das hat sich “wie von selbst erledigt”. Kennst du selbst solch überwachsenen Lebensprobleme?

Im Shiatsu beschäftigen wir uns konkret mit dem Ausgleichen der Pole, vor allem von Leere (kyo) und Fülle (jitsu), und dem freien Fluss zwischen den Polaritäten. So können vorher verdrängte (energieleere) Körper- und damit Lebensbereiche integriert und Spannungen aufgelöst werden, welche eine Reaktion auf Energiefülle in einem Körperbereich sind. Außerdem wird durch die Körpererfahrung bewusst, welche Seite es im alltäglichen Leben einzuladen gilt.

„Energetische Ausgeglichenheit ist also kein statischer Zustand ohne Spannung,
sondern der permanente Ausgleich durchgehend vorhandener Spannungsfelder.
Das eigentliche Problem für uns ist nicht das Spannungsfeld,
sondern unsere mangelnde Fähigkeit, es zwischen den beiden Polen fließen zu lassen.
Je weniger uns dies gelingt, desto mehr versuchen wir, Spannungen zu vermeiden,
mitunter auch dadurch, dass wir einen Pol des Spannungsfeldes ausblenden
und so zu einer die Wirklichkeit verzerrenden Scheinharmonie finden.
Damit fällt zwar die Spannung aus unserem Wahrnehmungsfeld,
jedoch nicht aus unserem Leben.
Wenn wir ihr aber in unserem Bewusstsein keine Chance geben,
berauben wir uns selbst der Möglichkeit, mit ihr zu arbeiten.
Statt dessen beginnen die Spannungen mit uns zu arbeiten,
unsere Muskeln zu verkrampfen oder auf andere Weise unsere Körperfunktionen zu beeinträchtigen:
Wir somatisieren.
Wollen wir körperliche Beschwerden heilen, so müssen wir den Energiefluss fördern;
den Energiefluss fördern aber heißt, sich den Spannungsfeldern des Lebens zu öffnen,
der Widersprüchlichkeit der Welt in uns selbst einen Platz zu geben und an ihr zu wachsen.“
(Schrievers 2004: 406)

Neugierig? Dann freue ich mich, wenn du einen Termin vereinbarst.

Eine Erfahrung aus dem Shiatsu lässt sich auch auf unser praktisches Leben übertragen: Oftmals liegt einer Beschwerde scheinbar eine Energiefülle zugrunde, z.B. sind Kopfschmerzen durch Anspannung im Nacken bedingt. Schauen wir jedoch etwas tiefer, erkennen wir, dass die eigentliche Ursache in einer (Energie-)Leere liegt. So auch in unserem alltäglichen Leben. – Und manchmal hilft es, so paradox es auf den ersten Blick vielleicht scheint, erst den starken Teil noch etwas mehr zu leben, z.B. noch schneller (weil gestresst) zu gehen, bevor es „wie von selbst“ ins Gegenteil umschlägt und wir mehr Ruhe und Langsamkeit finden. Probiere es doch einfach einmal aus!
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(*) ein daoistischer Text aus dem chinesischen Yoga
(**) in welchem er sich u.a. von Freud deutlich unterscheidet, der ausschließlich von einem persönlichen Unterbewusstsein ausgeht

Literatur:

Jung, C. G./Wilhelm, Richard (1971): Das Geheimnis der Goldenen Blüte. Ein chinesisches Lebensbuch. 18. Auflage. Olten: Walter.

Schrievers (2004): Durch Berührung wachsen. Shiatsu und Qigong als Tor zu energetischer Körperarbeit. Bern: Hans Huber, S. 303-311.

Melanie LannerC. G. Jung und östliche Weisheitslehre

Stress lass nach!

Melanie Lanner Selbstbegegnung

Eigentlich wollte ich den Blogartikel schon viel früher schreiben. Eigentlich wollte ich auch mein Buch längst überarbeitet haben. Eigentlich wollte ich die Vorweihnachtszeit dieses Jahr wirklich genießen und mich nicht von dem allgemeinen und meinem eigenen Stress (zum Jahresende) anstecken lassen. Bei so viel „eigentlich“ zeigt sich schon, dass ich meinen eigenen Wünschen und Ansprüchen nicht entsprochen habe und nicht entspreche. Doch zumindest aus meinem selbstgemachten Stress habe ich einen Ausweg gefunden. Zum Einen habe ich erkannt, dass es eigentlich – und da ist schon wieder dieses Wort :-)um nichts geht, dass es nicht schlimm ist, wenn ich manches nicht schaffe, und dass auch nicht mein ganzes Selbstbild in Frage gestellt werden muss, wenn ich meinen eigenen Ansprüchen nicht genüge.

Zum Anderen habe ich mir bewusst gemacht, was Stress für mich ist. Schnell sagen wir ja „Ich stehe unter Stress“, „Ich bin gestresst“, „es ist gerade eine stressige Zeit“… Aber was bedeutet das eigentlich? Ich habe für mich erkannt, dass ich nicht durch viele Aufgaben gestresst bin, sondern dadurch, dass ich nicht im Moment bleibe, also immer schon drei Schritte vorausdenke. Dann bin ich weder mit meinen Gedanken präsent bei dem, was ich gerade mache, noch präsent in meinem Körper. Vielmehr habe ich das Gefühl, dass ich meinen Körper vorwärtspeitsche, damit er meinem Geist folgen kann, der eben immer schon drei Schritte weiter weg ist. So treibe ich mich an, verspanne mich im ganzen Körper und kann den Augenblick gar nicht mehr wahrnehmen. Ich fahre meine Sinne herunter, esse nicht in Ruhe, mache einfach gar nichts in Ruhe. Ich ziehe mich „noch schnell“ an, erledige noch „schnell“ etwas zwischendurch, bevor ich gehe. Wenn ich meine Tochter von der Tagesmutter abhole, „habe ich keine Zeit“, dass sie beim Heimkommen zehn Minuten im Garten spielt. Ich „muss“ ja noch fertig kochen. Das vermeintliche „Müssen”, „keine Zeit zu haben“ und immer mit dem Kopf vorauszudenken erzeugen meinen Stress. Das ist (mein) Stress.

Esel

Foto: Jürgen Schiller García (CC BY 2.0)

Als ich das erkannt habe, konnte ich wieder mehr im Augenblick ankommen. Dafür versuche ich, ganz bei dem zu bleiben, was in dem Moment ansteht. Gerade schreibe ich meinen Newsletter. Ich denke nicht daran, dass das Bett noch bezogen werden muss, dass wir in zwanzig Minuten bei unserer Nachbarin eingeladen sind und dass ich eigentlich schon längst eine Email beantworten müsste. Was bringt das auch? Ich kann sowieso nur eines davon machen. Also heißt es, Prioritäten zu setzen und dann bei dem zu bleiben, wofür ich mich entschieden habe.

Auch die Atmung hilft mir, im Moment anzukommen. Vor allem das Ausatmen. Denn wenn ich gestresst bin, atme ich nicht mehr aus. Also bewusst ausatmen! Das Einatmen kommt dann ganz von alleine.

Dann sind noch meine Sinneswahrnehmungen, die mich mit dem gegenwärtigen Augenblick verbinden. Wenn ich jetzt also auf meine Tochter warte, bevor wir gemeinsam mit dem Fahrrad nach Hause fahren, öffne ich meine Sinne für das, was mich umgibt. Ich spüre den Boden unter meinen Füßen, erfreue ich mich an den täglich wechselnden Farben der Mur (dem Fluss durch Graz), höre ich mit den Ohren meiner Tochter die Krähen, die deren Krächzen so gerne imitiert. Auch das Essen schmeckt mir wieder viel besser, wenn ich es nicht einfach nur zur Nahrungszufuhr hinunterschlinge. Und einmal an einem Föhn-Tag habe ich sogar die Wüstenluft gerochen. Was nimmst du gerade in diesem Moment wahr?

Durch das Ankommen im Augenblick hat mein Stress merklich nachgelassen. Und zu meiner Verwunderung schaffe ich es, genauso viele Aufgabe zu bewältigen, wie zuvor. Nur habe ich jetzt das Gefühl, die Welle zu reiten, und nicht mehr von ihr davongespült zu werden. Meine Verspannungen haben merklich nachgelassen und die Migräne, die mich zum Umdenken und Andershandeln aufgefordert hat, ist auch wieder verschwunden.

Jetzt kann ich also hoffentlich doch noch die letzte Woche vor Weihnachten genießen und besinnlich(er) begehen!

Und das wünsche ich auch dir: Eine besinnliche, genussvolle, stressfreie Vorweihnachtszeit, erholsame Feiertage und einen Jahreswechsel, der dich an all das erinnert, was für dich wirklich wesentlich ist.

Melanie LannerStress lass nach!

Der Sinn von Beschwerden

Melanie Lanner Shiatsu

„Ein Problem, eine Krankheit sind immer um ein vielfaches kleiner
als die Kraft und die Schönheit eines Menschen.“
(Wilfried Rappenecker)

Im letzten Blogartikel habe ich mich damit beschäftigt, wie im Daoismus und Zen-Buddhismus (die dem Shiatsu theoretisch zugrundeliegen) Krankheit und Leid verstanden werden. In diese Thematik möchte ich jetzt noch etwas tiefer einsteigen und mich dem „Sinn“ von Krankheiten und Beschwerden annähern.

Wenn ich meine Tochter betrachte, wird mir klar, dass Krankheiten zu ihrer Entwicklung dazugehören. Zum Einen stärken sie ganz direkt ihr Immunsystem. Zum Anderen werden ihre Entwicklungsschritte durch Krankheiten begleitet. Bevor sie zum Beispiel vom Krabbeln zum Laufen übergangen ist, war sie drei Tage krank und sehr bedürftig. Ich nehme diese Phasen als Kokon-Zeit wahr, in welcher sie innerlich (z.B. vom Krabbelkind zum Geh-Kind) reift. Auch wenn ich meinen Prozess selbst betrachte, merke ich, dass Krankheiten oftmals mit Wachstumsschüben einhergehen. Das letzte Fieber, das mich geplagt hat, hat im wahrsten Sinne des Wortes etwas aus mir heraus gebrannt, was bereit war zu gehen. Meist fordern uns Krankheiten auf, Ruhe zu geben, uns aus der äußeren Welt in uns selbst zurückzuziehen und so wieder mehr mit uns selbst in Kontakt zu kommen. Das alleine kann schon viel bewegen, vor allem wenn wir ansonsten viel beschäftigt sind – oft auch zu beschäftigt, um unseren Körper wahrzunehmen. Außerdem schaffen (körperliche und emotionale) Beschwerden Fokus. Sie lenken unsere Aufmerksamkeit auf ein Thema, mit dem uns ansonsten vielleicht nicht beschäftigen würden.

Deshalb spricht Wilfried Rappenecker (ein deutscher Arzt und Shiatsu-Lehrer) von Krankheiten als Begleitung von Entwicklungsprozessen. Er betrachtet Krankheit nicht als Gegenteil von Gesundheit, sondern als einen „wesentlichen und integralen Teil von Gesundheit“. Denn Gesundheit ist ein Prozess, kein statischer Zustand. Gesundheit bedeutet in diesem Sinn, dem Wachstums- und Veränderungsprozess zu folgen, auf welchen uns die Krankheit oder die Beschwerden hindeuten.

Baumringe

Die stärkste Ursache von Leid sieht Rappenecker im Widerstand, Ablehnen und Nicht-Wissen-Wollen der Krankheit und der Beschwerden sowie im allgemeinen Raubbau an unserem Körper und im (familiär) übernommenen Leiden.

Das heißt, „dass es überhaupt nicht darum geht, gegen einen Schmerz,
eine Krise, eine Krankheit anzugehen,
sie zu beseitigen. Es geht darum, den Menschen in diesem Geschehen zu begleiten,
ihm Mut zu machen und darin zu unterstützen,
den Weg weiter zu gehen und neue Lösungen zu finden. […] Nichts müssen wir bekämpfen, nichts beseitigen! […] Die Kraft [der Krankheit] zu erkennen, ihre Schönheit zu ahnen
ist wirkungsvoller für die Lösung des Knotens als alles Anrennen und alle Beseitigungs-Tricks.“
(Wilfried Rappenecker)

Auch die Ursache von (körperlichem und emotionalem) Schmerz sieht Rappenecker im Abtrennen und Nicht-Zulassen. Können wir also Krankheit, Beschwerden und Schmerz als vorübergehende Krisen begreifen und annehmen, wird schon viel Leid gelindert.*

Auch Joachim Schrievers (ein deutscher Shiatsu-Praktiker, Taiji- und Qigong-Lehrer) geht davon aus, dass wunde Punkte oft die sind, von denen Veränderungen ausgehen. Denn viele Beschwerden resultieren aus den Abwehr- und Schutzmechanismen, die wir entwickelt haben, um die wunden Punkte nicht zu spüren und nicht an ihnen berührt zu werden. Wenden wir uns unseren wunden Punkten zu und stellen sie in einen größeren Zusammenhang, können sie zu einem erfüllteren Leben beitragen.

Ein erfüllteres Leben zu leben, bedeutet Gesundung in einem größeren Zusammenhang.

Im Shiatsu geht es also neben unterstützenden Techniken zur Erleichterung von Beschwerden darum, in achtsamer Weise wunde Punkte zu berühren, um deren festgehaltene Kraft ins Fließen zu bringen. Es geht um Zuwendung, vor allem den Teilen gegenüber, die uns Angst machen. Berührung dort, wo wir uns eng machen und wo unsere Abwehrmechanismen greifen. Im geschützten Rahmen einer Shiatsu-Behandlung kannst du lernen, (körperlichen und emotionalen) Schmerz zuzulassen und ihn als vorübergehenden Zustand anzunehmen. Denn durch die Körpererfahrung wird dir bewusst, dass Schmerz ein Prozess ist, eine Krise mit einem Anfang, einem Höhepunkt und einem Ende. Du lernst, diesem Prozess zu vertrauen und den Schmerz zuzulassen.

Denn nur durch das Zulassen kann er befreit werden – und so zu einem Tor in deinem Entwicklungsprozess werden.

Du wünschst dir Unterstützung in diesem Prozess? Dann freue ich mich, wenn du einen Termin vereinbarst.

Foto: CC0 1.0

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Umgang mit Schmerz

Eine andere Möglichkeit, dich dem Schmerz zuzuwenden, ist das reflektierende Schreiben. Nimm dir eine halbe Stunde ungestörte Zeit. Hole Stift und Papier hervor und beschäftige dich mit folgenden Fragen:

  • Welchen Schmerz spürst du immer wieder?
  • Wie oft tritt er auf?
  • Aus welchen Situationen im Alltag kennst du den Schmerz? Wann tritt er auf? Was lindert ihn? Was verstärkt ihn? Zu welcher Tageszeit ist er am stärksten, wann am wenigsten stark?
  • Wo sitzt er genau im Körper? Wo sitzt sein Zentrum?
  • Und wie fühlt er sich an?
  • Bis wohin strahlt er aus? Welchen Bereich im Körper umfasst er? Wo sind seine Grenzen? Welche Form hätte der Schmerz, wenn du ihn malen würdest?
  • Hat er eine bestimmte Farbe oder einen Klang?
  • Wenn du in ihn hinein spürst (du kannst hierfür auch deine Hand auf den Bereich legen), tauchen dann irgendwelche Gedanken, Bilder, Erinnerungen, Gefühle, Assoziationen auf?
  • Wenn der Schmerz selbst sprechen könnte, was würde er sagen?
  • Was braucht er, um heilen zu können?
  • Welche Weisheit liegt in ihm verborgen?

Diese Fragen helfen dir, deinem Schmerz Aufmerksamkeit zu schenken. Dieser Zugang hilft vor allem bei Schmerzen, die keine physische Ursache haben, also zum Beispiel bei Rückenschmerzen, denen kein Bandscheibenvorfall zugrunde liegt. Auch emotionale Schmerzen können so betrachtet werden – außer es handelt sich um Traumata. Dann ist professionelle Begleitung, z.B. von einem Psychotherapeuten oder einen Psychotherapeutin, erforderlich, um nicht noch tiefer in die Traumatisierung zu rutschen.
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(*) Dies betrifft keine chronischen Erkrankungen und Schmerzen, auf die ich hier nicht eingehe, da zum Einen Shiatsu in diesen Fällen nur als unterstützende Maßnahme zur medizinischen und ggf. psychotherapeutischen Begleitung angewandt werden kann und individuell abgestimmt werden muss. Zum Anderen liegt darin nicht mein Schwerpunkt und Fachbereich, weswegen ich dazu keine Informationen weitergeben kann und will.
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Literatur: Rappenecker, Wilfried: Was ist eigentlich Gesundheit – und was Krankheit? (pdf)

Schrievers, Joachim (2004): Durch Berührung wachsen. Shiatsu und Qigong als Tor zu energetischer Körperarbeit. Bern: Hans Huber.

Melanie LannerDer Sinn von Beschwerden