Meditieren wie eine Katze

Melanie Lanner Shiatsu

Im letzten Blogartikel habe ich mich mit dem Zen-Buddhismus als eine der theoretischen Grundlagen von Shiatsu beschäftigt und habe ihn als Meditations-Buddhismus bezeichnet. Auch die Shiatsu-Behandlung selbst kann als gemeinsame Meditation betrachtet werden, bei der es darum geht, ganz im Hier und Jetzt anzukommen und dem gegenwärtigen Augenblick – über den Körper –gewahr zu werden.

Wenn der Körper ruhig wird, sich Verspannung und Energieblockaden lösen und die Lebenskraft frei fließen kann, wird auch der Geist ruhig, geistige Blockaden lösen sich auf und die Wahrnehmen dessen, was ist, wird möglich. In dieser tiefen Versenkung können wir den Urkern des eigenen Selbst erkennen und zum Wesentlichen vordringen – zu dem, was ich im vorletzten Blogartikel als LEBEN bezeichnet habe. Dann bin ich LEBEN, Leben, das sich selbst erfährt, Leben, das sich stetig wandelt, verschiedene Formen annimmt, zum Beispiel auch die meines Körpers, meines Ichs, meiner Identität. – Und irgendwann löst sie sich dann auch wieder auf. Das ist es, was wir als (physischen) Tod bezeichnen.

Meditation

Um den physischen Tod geht es meist in Shiatsu-Behandlungen nicht (auch wenn es für manche sterbende Menschen unterstützend sein kann)*. Vielmehr geht es um die „kleinen Tode“, das Loslassen, das Abschied nehmen, das Trauern – um damit den Boden für das Neue vorzubereiten. Werden Illusionen und Täuschungen losgelassen, können wir bei dem ankommen, was sich in dem Moment zeigt, was jetzt gerade wichtig ist. Dann sind wir mit höchstem Bewusstsein bei dem, was wir in diesem Augenblick tun. Auch das ist Meditation. Und auch das ist Shiatsu.

Meditation hilft auch mit Schmerz und Stress umzugehen (physischem und emotionalen, die ja auch oftmals Hand in Hand gehen). Dann können wir das, was ist und auf uns zukommt, annehmen, ohne es zu bewerten, abzuwehren oder zu verdrängen. Vielmehr machen wir uns weich und durchlässig, um den Stress – wie zum Beispiel beim Aikido – einfach durch uns durch zu lassen (und so den Gegner mit seiner eigenen Energie zu Fall zu bringen). Meditation hilft, diese Durchgängigkeit und innere Transparenz zu entwickeln.

Katze

„Meditation funktioniert oder funktioniert nicht. Mit der Körperhaltung hat der Erfolg jedenfalls nichts zu tun. Und legen sie keine Tageszeit für Ihre Meditation fest. Und nehmen Sie sich nicht vor, so und so lange zu meditieren. Beobachten Sie einmal einfach eine Katze. Das Tier legt oder setzt sich an seinen Platz und harrt eine Zeitlang ruhig aus. Wenn es ihr genug erscheint, erhebt sie sich und wendet sich wieder anderen Beschäftigungen zu. Sie denkt nicht über Sitzen oder Liegen nach, sie tut es einfach, und hört auf, wenn sie genug hat. So sollten Sie Ihre Meditation betreiben, wie diese Katze.“ (Fischer 2001: S. 94)

Hast du Interesse, Meditation gemeinsam in einer Shiatsu-Behandlung zu erfahren, freue ich mich, wenn du einen Termin vereinbarst!
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(*) Die Shiatsu-Praktikerin Heike Rühmann hat ein sehr bewegendes Buch über Shiatsu mit sterbenden Menschen geschrieben, das nicht nur für Shiatsu-PraktikerInnen geschrieben ist, sondern für alle Menschen, die sich fürs Sterben interessieren und sich auf sensible Weise dem Thema „Tod“ öffnen wollen.

Literatur:

Fischer, Theo (2001): Wu Wei. Die Lebenskunst des Tao. 14. Auflage. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt.

Rühmann, Heike (2012): Von Herzen berühren. Shiatsu mit sterbenden Menschen. Ein Erfahrungsbericht. Stellshagen: ShenDo.

Melanie LannerMeditieren wie eine Katze

Zen und Shiatsu

Melanie Lanner Shiatsu

Ein Mönch sagte zum Zen-Meister:
„Ich bin frisch ins Kloster eingetreten. Ich bitte dich, Lehrer, mich zu unterweisen.”
Der Meister fragte: „Hast du deinen Reisbrei gegessen?“
Der Mönch erwiderte: „Ja Herr, das habe ich.“
Der Meister sagte: „Dann geh und spüle deine Schale.“
In diesem Augenblick wurde der Mönch erleuchtet.

Nachdem ich mich in den letzten Blogartikeln mit dem Taoismus als einer theoretischen Grundlage im Shiatsu beschäftigt habe, gebe ich hier eine kurze Einführung in den Zen-Buddhismus, der Shiatsu ebenfalls in besonderer Weise geprägt hat.

Der Zen-Buddhismus ist eine Verschmelzung des (indischen) Mahayana-Buddhismus mit dem chinesischen Taoismus und wurde im 5. Jahrhundert n.Chr. in China entwickelt. Der Zen-Buddhismus kennt im Gegensatz zum Mahayana-Buddhismus keinen theoretischen Unterricht, keine abstrakten Lehren und keine klaren Antworten. In diesem Sinne wird Zen oftmals auch der „weglose Weg“ bezeichnet. Ziel ist die direkte Schau der Wirklichkeit. Deshalb wird der Zen-Buddhismus auch als Meditations-Buddhismus bezeichnet – und Meditation wird im Zen wiederum als nichts vom Alltag Getrenntes betrachtet. Deshalb sind neben der Sitzmeditation (Zazen) die alltäglichen Verrichtungen im Zen von zentraler Bedeutung (dazu unten mehr).

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Achtsamkeit – Präsenz – Wahrnehmung

Shiatsu wurde durch den Zen-Buddhismus insbesondere durch Shizuto Masunaga (1925-1981) geprägt, der selbst praktizierender Zen-Buddhist und Shiatsu-Lehrender (sowie japanischer Psychologe und Hochschullehrer) war. Sein Ziel war die Verbindung östlicher und westlicher Medizin und die Anwendung westlicher Forschungskriterien auf Shiatsu. Das von ihm daraus entwickelte Shiatsu-System nennt er dann auch „Zen-Shiatsu“ – und es ist eine der am weitesten verbreiteten Formen des Shiatsu in Europa und den USA (so wie ich es auch gelernt habe).

Doch finden sich in allen Shiatsu-Richtungen Einflüsse des Zen. Es geht hierbei vor allem um die Haltung der Shiatsu-Praktizierenden. Diese wird oftmals als „Absichtslosigkeit“ zusammengefasst, das heißt, nichts zu wollen und das Mögliche von selbst geschehen zu lassen sowie Heilung nicht herbeiführen zu wollen, sondern geschehen zu lassen. In der konkreten Behandlungssituation bedeutet dies, warten zu können, bis eine Technik ankommt, zuhören zu können, um (energetische) Impulse im Gespräch und in der Behandlung wahrzunehmen, sowie Präsenz. Meine Erfahrung ist, dass vor allem das Dasein und Dableiben, auch während unangenehmer Empfindungen, Gefühle und Situationen, das Heilsame liegt.

Doch gerade in der Absichtslosigkeit liegt auch das Paradox, das eine Grundlage des Zen-Buddhismus darstellt, und damit die gedanklichen Grenzen sprengt: Wie kann ich die Absicht loslassen, absichtslos zu sein? … Dafür findet der Verstand keine Antwort. – Und das ist der Sinn dieser Übung, wie sie im Zen-Buddhismus vor allem in den Kōans gepflegt wird:

Und als man Meister Tung-shan fragte: „Was ist der Buddha?“,
antwortete er: „Drei Pfund Flachs.“

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Im Zen werden den alltäglichen Verrichtungen höchste Konzentration bei möglichst entspanntem Körper geschenkt. Dieses Bewusstsein für das, was ich tue, aufzubringen, fällt mir derzeit am leichtesten gemeinsam mit meiner Tochter, die meine Aufmerksamkeit auch lauthals einfordert. Ich merke dann, wie ich fast automatisch in meine Mitte rutsche (ins HARA, wie wir es im Shiatsu nennen) und ganz da bin. Auch beim Schreiben gelingt mir dies, bei Spaziergängen in der Natur und bei kreativer Beschäftigung. In welchen Momenten, bei welchen Tätigkeiten und in welchen Situationen bist du ganz präsent? Ganz da? Ganz bei dir? Ganz in deiner Mitte? Wann und wie lebst du Zen? Ich freue mich, wenn du mir von deinen Erfahrungen berichtest!

Denn es ist ja auch eine Möglichkeit, Zen ins Leben einzuladen…

Natürlich ist auch Shiatsu eine Möglichkeit, Zen-Zeit zu erfahren und miteinander zu teilen. Neugierig? Dann freue ich mich, wenn du einen Termin vereinbarst.

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Literatur: Watts, Alan (2008/1954): Vom Geist des Zen. Frankfurt am Main/Leipzig: Insel.

Tischhart, Rene: Zen in der Kunst des Shiatsu (pdf)

Melanie LannerZen und Shiatsu

Ich glaube an das Leben.

Melanie Lanner Shiatsu

„Anders als bei vielen Selbstverwirklichungsmodellen geht es bei den Frühtaoisten nicht darum, irgend ein Endziel, irgend einen Endzustand zu erreichen und demnach seine Erfolgsbilanz zu ziehen. Es geht vielmehr darum, in den jeweiligen Wandlungsrhythmus einzustimmen, in Takt zu kommen mit dem, was sich rhythmisch bewegt. Das Leistungsziel besteht nicht primär im Erreichen eines besonderen Zustandes oder bestehender Eigenschaften, sondern vorrangig darin, sensibler zu werden für rhythmisch wiederkehrende Muster der Wandlung selbst.“ (Renaud van Quekelberghe)

Alles fließt – das Leben befindet sich in stetiger Veränderung – das Einzige, was unveränderlich ist, ist die Veränderung selbst und damit ist die Vergänglichkeit das Prinzip des Lebens… Darum ging es im letzten Blogartikel. Jetzt beschäftigt uns die Frage, was bleibt, wenn sich alles ändert. Worauf können wir uns dann beziehen, worauf besinnen, worauf in all der Veränderlichkeit des Lebens bauen? Auch darauf finden die Taoisten* eine Antwort:

„Der Grundgedanke des Ganzen ist der Gedanke der Wandlung. […] Der Blick richtet sich für den, der die Wandlung erkannt hat, nicht mehr auf die vorüberfließenden Einzeldinge, sondern auf das unwandelbare ewige Gesetz, das in allem Wandel wirkt. Dieses Gesetz ist der SINN des Laotse, der Lauf, das Eine in Vielem.“ (I Ging, S. 15)

Das Prinzip der Vergänglichkeit verweist also auch auf das, was sich nicht wandelt beziehungsweise auf das, was die Wandlung hervorruft. Wenn wir uns mit dieser Frage beschäftigen, kommen wir zur eigenen Weltsicht, zum Glauben, zur Spiritualität, manchmal auch zur Religion. Durch diese Sichtweise wird deutlich, dass auch Shiatsu den Menschen und damit das Leben in seiner Ganzheit betrachtet. Wir sind körperliche, geistige, emotional-psychische und eben auch seelisch-spirituelle Wesen. An was glaubst du? Was ist es, was für dich bleibt, wenn sich alles verändert? Was ist deine Weltsicht?

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Woran ich glaube, ist das LEBEN.

LEBEN heißt für mich stetiger Fluss, Werden und Vergehen, Wandlung, Hinnehmen des Todes – des großen und der vielen kleinen im Leben. LEBEN bedeutet Verbindung. LEBEN schafft Sinn.

VerwandlungskünstlerInnen

Die Aufgabe, die die stetige Veränderung des LEBENS an uns stellt, ist, uns als VerwandlungskünstlerInnen diesem stetigen Fluss hinzugeben und uns den Rhythmen des Lebens anzupassen – statt Widerstand zu leisten und damit (emotionalen, körperlichen, mentalen) Schmerz zu erfahren. Für mich bedeutet dies zurzeit zum Beispiel, dass ich das, was meine kleine Tochter in mein Leben bringt, annehme, statt nur daran festhalte, was ich durch die herausfordernde Aufgabe als Kleinkindmama verloren habe. Zuerst war der Prozess wichtig, darüber zu trauern, was ich dadurch verloren habe: die selbstbestimmte Gestaltung meines Alltags, die Nächte, in denen ich durchschlafen kann (ich habe wirklich noch keine Nacht länger als vier Stunden am Stück geschlafen – und das sind die guten Nächte…), die Zeit mit meinem Mann zu zweit als Paar etc. Doch irgendwann war es auch Zeit, den Blick in die Vergangenheit, auf den Verlust und den Mangel loszulassen und mich darüber zu freuen, was meine Tochter Neues in mein Leben bringt. Meine Tochter liebt Begegnungen mit Menschen und zu meinem Erschrecken auch Menschenmassen. Sie fordert mich auf, oftmals auch heraus, meine sichere Zone zu verlassen und mich ins Getümmel der Stadt zu werfen. Ich treffe dadurch viel mehr Menschen als die letzten Jahre – alte Bekannte und neue Menschen. Und ich partizipiere wieder vielmehr an der Stadt, in der ich lebe. Das bereichert mein Leben – wenn ich es zulassen kann und diesem neuen Strom in meinem Leben folge…

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Freiwillige Verantwortung

LEBEN heißt für mich Verbundenheit mit allem – auch über zeitliche und räumliche Grenzen hinaus. Verbundenheit heißt für mich, dass alles miteinander verbunden ist. Trennung ist eine Illusion. Verbundenheit bedeutet auch, dass wir Verantwortung für unser Handeln, unser Sprechen und auch schon für unser Denken und Fühlen tragen. Damit einher geht eine gesellschaftliche Verantwortung. Was brauche ich wirklich? Wofür gebe ich mein Geld aus? Wie verdiene ich meinen Lebensunterhalt? Wofür setze ich meine Lebensenergie und Zeit ein? Wie gehe ich mit meinen Mitmenschen um, mit Tieren, Pflanzen, unserer Mit-Welt? Was spreche ich wie und wem gegenüber aus welchen Gründen aus? Was will ich damit bezwecken? Was ist meine Motivation? Warum tue ich das, was ich tue, fühle, denke? Was sind meine Gefühle, meine Gedanken? Verantwortung bedeutet nicht Schuld, nicht Verpflichtung, nicht Aufopferung. Vielmehr nährt sie sich aus Mitgefühl, Dankbarkeit und Liebe dem LEBEN gegenüber. Verantwortung im Sinne des LEBENS ist also immer freiwillig.

Das Leben aus der Perspektive des LEBENS betrachten

LEBEN schafft für mich Sinn. Aus der Perspektive des LEBENS, also eines größeren Sinnzusammenhangs, kann ich für mich Sinn auch in schmerzhaften Situationen und Lebensphasen finden. Die Fähigkeit, auch leidvollen Zeiten Sinn zu geben, hat mich durch die dunklen, düsteren Zeiten meines Lebens getragen. Es hilft mir, mein Leben – meine kleinen und größeren Probleme – aus der Sicht des LEBENS zu betrachten: Heraus zu zoomen aus meinem individuellen Leid, meinen persönlichen Standpunkt zu verlassen und quasi „aus der Vogelperspektive“ auf mich, mein Leben, meine Probleme zu blicken. Diese Sichtweise lehrt mich Demut. Demut vor dem LEBEN. Dem LEBEN kann ich vertrauen. Wem vertraust du?

Literatur: Wilhelm, Richard (2000/1956): I Ging. Das Buch der Wandlungen. 25. Auflage. Kreuzlingen. Hugendubel.

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(*) Der Taoismus bildet neben dem Zen-Buddhismus die theoretische Basis vom Shiatsu. Beide Weltsichten verbindet die Grundannahme, dass ich im Leben alles stetig verändert: unsere Lebensumstände, wir selbst, auch unser Körper – ja nicht einmal unsere Identität ist etwas statisch Festgeschriebenes, sondern ein Prozess.

Melanie LannerIch glaube an das Leben.

Rhythmus und Shiatsu

Melanie Lanner Shiatsu

Auch in der Shiatsu-Behandlung geht es darum, sich an die Rhythmen des Lebens anzuschließen. Da ist zum Einen unser eigener Biorhythmus. Ist dieser z.B. durch unregelmäßige Schlaf- und Wachzeiten oder durch Stress gestört, reagiert der Körper oftmals auch mit Rhythmusunregelmäßigkeiten, wie z.B. mit Verdauungs-, Atem- und Menstruationsbeschwerden, die ja ebenfalls Ausdruck des eigenen körperlichen Rhythmus sind. Dann heißt es im Shiatsu durch Lösen von Blockaden, Harmonisieren der Energien und durch konkrete Hinweise zu Lebensveränderungen, die eigenen Selbstheilungskräfte zu aktivieren, um wieder in den eigenen Rhythmus zu kommen.

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Zum Anderen ist die Shiatsu-Behandlung selbst durch rhythmische Berührungen geprägt. Die rhythmische Berührung fördert die Entspannung, das Abschalten und Loslassen. Sie erinnert in einem tiefen Entspannungszustand an das rhythmische Wiegen im Mutterleib – und damit an Geborgenheit, Wärme und Wohlgefühl. Können wir an dieses Empfinden anknüpfen, entsteht Raum für Heilung.

Denn Heilung ist nichts, das gemacht werden kann, sondern ein Geschenk, das gewährt wird… Wir können nur die Voraussetzung dafür schaffen – und eine ist, uns an den Rhythmus des Lebens (wieder) anzuschließen.

Interesse? Dann freue ich mich, wenn du einen Termin vereinbarst.

Melanie LannerRhythmus und Shiatsu

Artikel im WEGE-Magazin

Melanie Lanner Shiatsu

Um Heilung geht es auch in dem Beitrag, den ich im WEGE-Magazin zu meiner größten Selbstheilungserfahrung geschrieben habe (hier als pdf – auf Seite 5).

Melanie LannerArtikel im WEGE-Magazin

Vergänglichkeit

Melanie Lanner Shiatsu

Wie jedes Jahr im Frühling bewundere ich das Sprießen, Knospen und Blühen um mich herum. Und blühe selbst mehr auf. Wie jeden Frühling bin ich überwältigt von der Farbenpracht, den verschiedenen Düften und dem Summen der ersten Hummeln, Bienen und Schmetterlinge. Wie jedes Jahr bin ich erstaunt, wie schnell dann aber auch manche Blumen, Sträucher und Bäume ihre Blütenblätter wieder fallenlassen. Und ich spüre dabei eine gewisse Wehmut. Wehmut über die Vergänglichkeit des Lebens.

Im letzten Blogeintrag habe ich das „Alles fließt“ des Taoismus und Zen-Buddhismus vorgestellt (die dem Shiatsu theoretisch zugrundeliegen). Wenn alles fließt, heißt dies jedoch auch, dass alles vergeht, dass in jedem Augenblick Geburt und Sterben stattfindet. Und damit sind wir wieder bei der Vergänglichkeit.

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Die Vergänglichkeit des Lebens ist mir zum ersten Mal bewusst geworden, als ich mit elf Jahren von der Grundschule aufs Gymnasium gewechselt habe. In den Sommerferien machte ich mit meinen Eltern und meiner Schwester Strandurlaub in Griechenland. Wie jedes Jahr. Wie jedes Jahr am gleichen Ort. Meine Eltern schätzten die Abgeschiedenheit des Ortes “am Peloponnes ganz unten”, der bislang in keinem Reiseführer erwähnt wurde. Meine zwei Jahre jüngere Schwester und ich genossen den weichen Pulversand und das einladend-warme Meer. Die Tage flossen ineinander, wurden zu Wochen, schließlich zu einem ganzen Sommer. Obwohl ich erst elf Jahre alt war – also weder Kind noch erwachsen –, machte ich alleine lange Strandspaziergänge. Ich wanderte den einsamen Strand entlang, Schritt für Schritt. Ich konnte nicht aufhören, das Spiel der Wellen um meine Fußspuren zu betrachten. Ich setzte einen Schritt und noch einen und noch einen. Fußspuren im Sand, weder klein noch groß. Schon spülte sie die Welle fort. Aber wohin? Ich setzte meinen Weg fort. Schritte, immer wieder Schritte, die vom Meer weggetragen wurden. Ein weder kindliches noch erwachsenes Erkennen umspülte mich: „So muss auch das Leben sein.” Ich ging weiter. Meine verflossenen Spuren hinter mir. Ein einfaches, ein häufig bemühtes Symbol: Fußspuren im Sand – und doch berührte es mich in seiner anarchischen Einfachheit in dieser sommerlichen Zwischenwelt zutiefst. Ich hatte zum ersten Mal den Geschmack der Vergänglichkeit gekostet.

Ich begriff mehr intuitiv als bewusst, dass auch ich an einem Übergang stand. Im Herbst würde ich aufs Gymnasium wechseln und liebgewonnene und vertraute Gewohnheiten zurücklassen. Ich würde Menschen, die ich mochte, verlieren. Ich setzte einen Schritt in den Sand. Ich wartete, dass es fortgespült werden würde. „Dominik”. Dominik, meine Schulliebe. Dominik, der mich als einziges Mädchen zu seinem Geburtstag eingeladen hatte. Dominik, für den ich vom Dreimeterbrett gesprungen war, um zu beweisen, dass auch Mädchen mutig sind. Dominik, der meine bunten Filzstifte immer wieder aufs Neue kaputtgemacht hatte, weil er sie so fest aufs Papier gedrückt hatte, als wollte er aus ihnen die Worte herauspressen. Dominik, der im nächsten Jahr auf die Hauptschule wechseln würde. „Ach, Dominik!” Der Fußabdruck war längst Vergangenheit, lebendig bloß noch in der Erinnerung. Trauer um meinen Schulfreund – weder kindlich noch erwachsen – ließ mein Herz verkrampfen. Auch wenn ich damals die Worte nicht dafür hatte, begriff ich doch auf einer tiefen Ebene das Prinzip der Vergänglichkeit des Lebens.

Wenn ich jetzt daran denke, rührt mich diese aufrichtige, ja unschuldige, wenn auch dramatisierende Betrachtung meines Lebens am Übergang zum Erwachsenwerden. Auch später habe ich noch des Öfteren die Vergänglichkeit des Lebens, besonders während Lebensübergängen und Krisen, erlebt, z.B. bei der Trennung meiner Eltern, beim Umzug nach Graz, bei Studienende und Jobsuche, bei der Hochzeit und Mamawerden… Natürlich ist Vergänglichkeit das Lebensprinzip in jedem Augenblick, wie sich dies jetzt eben im Frühling wieder zeigt, wenn die Blütenblätter „viel zu schnell“ fallen. Wann und in welchen Situationen wird dir die Vergänglichkeit bewusst? Wie geht es dir damit? Und wie gehst du damit um?

Vergänglichkeit. Unbeständigkeit. Darin sind sich der Taoismus und der (Zen-)Buddhismus einig.

Melanie LannerVergänglichkeit

Neuigkeiten am Blog

Melanie Lanner Blog

Der Frühling ist für mich eine Zeit des Aufbruchs, der Veränderung, der Umsetzung von Ideen. Ein paar findest du auch auf meinem Blog: Er hat, könnten wir sagen, sein Frühlingskleid angezogen. Farblich habe ich mich von Magnolien inspirieren lassen, deren Blüten mir dieses Jahr besonders nahegehen.

Auch inhaltlich gibt es Neuigkeiten: Ich habe die Informationen „Shiatsu – eine ganzheitliche Körperarbeit“ sowie „Shiatsu – Was ist das?“ erweitert. Außerdem habe ich unter “Schreiben” zwei neue von mir geschriebene (Kurz-)Texte veröffentlicht. Im Japanischen würde man sie „Handtellertexte“ nennen, hat mir ein Klient erklärt, eben weil sie so lang/groß wie ein Handteller sind. Ein wunderbares Wort, finde ich …. Also: Ich wünsche dir viel Spaß beim Lesen!

Ach ja, und ein neues Foto von mir gibt es auch :-)

Melanie LannerNeuigkeiten am Blog

Melanie Lanner Texte

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Jenseits von richtig und falsch liegt ein Ort. Dort treffen wir uns. (Rumi)

Melanie Lanner

Alles fließt – die Leerheit im Taoismus und Zen-Buddhismus

Melanie Lanner Shiatsu

„Wir erfassen nicht so leicht, dass die Leere schöpferisch ist
und dass Sein aus dem Nichtsein kommt
wie der Klang aus der Stille und das Licht aus dem Raum.“
(Watts 1983: S. 48)

Wie ich im vorletzten Blogartikel bereits geschrieben habe, ist Shiatsu mehr als „nur“ eine Behandlungsmethode. Es ist auch ein Lebensweg und eine Weltsicht. Die Basis dieser Weltsicht findet sich im Taoismus und Zen-Buddhismus (zur praktischen Lebenskunst des Taoismus, also zu Wu wei bzw. „Nicht-Eingreifen“ findest du hier Informationen. Mit dem Zen-Buddhismus werde ich mich in einem nächsten Blogartikel beschäftigen). Im Zuge meiner Recherchen zum Taoismus und Zen-Buddhismus bin ich in beiden Weltsichten auf den Begriff der Leere bzw. Leerheit gestoßen (im Buddhismus als „shunyata“ bezeichnet). Da der Begriff in mir eine große Resonanz erzeugt, bin ich ihm näher nachgegangen.

Hierfür war ich in der Sprechstunde meines ehemaligen Philosophie-Professors Dr. Anton Grabner-Haider, der an der Uni Graz zu verschiedenen Weltdeutungen (Philosophien und Religionen) lehrt. Er hat mir erzählt, dass der Begriff der Leerheit in der östlichen Philosophie anders zu verstehen ist als in der westlichen. Zumindest seit Platon (genau kenne ich mich damit auch nicht aus, ist aber hier auch nicht das Thema) wird die Leere in der westlichen Philosophie als klare Abgrenzung zur Fülle verstanden, ähnlich wie das Nicht-Sein zum Sein, der Tod zum Leben. Es gibt nur dieses Entweder-Oder: Nichts oder alles, Leere oder Fülle, Nicht-Sein oder Sein. Anders in der östlichen Philosophie: Dort beschreibt die Leere die Möglichkeit des Werdens, also einen dynamischen Prozess und keinen statischen Zustand, so wie im natürlichen Kreislauf auf den Winter immer wieder der Frühling folgt.*

Alles fließt

Mir gefällt dieser prozesshafte, dynamische Charakter dieser Weltsicht, in der nichts bleibt, wie es ist, und alles sich stetig wandelt. Ist das LEBEN nicht ein ständiger Veränderungsprozess? Ist das einzig Fixe im Leben nicht, dass nix fix ist (um es mal österreichisch zu formulieren)? Oder um mit aus dem Zen heraus zu sprechen:

„Wirklichkeit [ist] jenes immer wechselnde, immer wachsende unsagbare Etwas, genannt ‚Leben‘, das keinen Augenblick stillsteht, um sich von uns auf befriedigende Art in irgendein starres System von Fächern und begrifflichen Schubladen einschachteln zu lassen“ (Watts 2008/1954: S. 13)

Fluss_klein

Foto: Roger Aines (CC BY 2.0)

Was hat dies mit Shiatsu zu tun?

Auch im Shiatsu wird der Lebensweg eines Menschen als dynamischer Prozess betrachtet. So ist selbst der Körper stetigen Wandlungen unterworfen und keine statische Maschine, die immer gleich ist oder immer gleich „funktionieren“ muss. Wie ich es in mir selbst und in der Begleitung von Menschen erlebe, gibt es zwar Grundthemen eines Menschen, die sich in verschiedenen Facetten immer wieder ähnlich im Körper zeigen, wie z.B. mein Muster, den Atem anzuhalten und nicht mehr auszuatmen, wenn ich unter Stress stehe. Ich reagiere dann, wie ich es nenne, in meinem (körperlichen) Muster. Diese Muster sind verfestigte Gewohnheiten, sozusagen unsere „normale“, weil gelernte Reaktion auf bestimmte Situationen. Diese körperlichen Muster werden sich auch in der Shiatsu-Behandlung wieder und wieder zeigen, insbesondere wie wir mit Druck umgehen (für weitere Informationen dazu schaue hier). Dennoch sind auch diese verfestigten Muster nicht unveränderbar, geschweige denn weniger hartnäckige körperliche Botschaften. Im Gegenteil, gerade über den Körper lassen sich gelernte Muster (mit der Zeit) lösen. Durch die Körpererfahrung können die Muster bewusst gemacht und – in der Behandlung durch Berührung, Druck und andere manuelle Techniken unterstützt – gelöst werden.

Über die Bewusstwerdung können sie dann auch im Alltag Schritt für Schritt ursächlich aufgelöst werden. Um bei meinem Beispiel zu bleiben: Wenn mir im Alltag bewusst wird, dass ich den Atem anhalte, weil ich unter Druck stehe, atme ich bewusst aus und dann – wie von selbst – wieder tief ein. So kann ich mein Muster, mich über die Atmung „tot zu machen“, durch die Körperwahrnehmung auflösen und so Stress abbauen.

Da Körper, Geist, Psyche und Seele eine Einheit bilden, lösen sich über den Körper auch mentale, emotionale und seelische Blockaden. Plötzlich – wenn das körperliche Muster sich löst – spüre ich in meinen Gedanken und Gefühlen und dadurch auch in meinen Lebensmöglichkeiten auch wieder mehr Freiraum. Herrlich! 

Neugierig? Dann freue ich mich, wenn du einen Termin vereinbarst, um deinem (körperlichen) Muster auf die Spur zu kommen und zu lernen, dieses aufzulösen.
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(*) Eine kleine Ergänzung: Im Buddhismus bezeichnet die Leere auch das Leersein von einem individuell abgegrenzten Ich, d.h. es gibt in dieser Vorstellung kein getrenntes Ich, sondern eine Einheit aller Wesen. Im Taoismus wird mit Leere eine Geisteshaltung der innere Ruhe und Gelöstheit bezeichnet, in welcher sich das Tao (ich würde es „LEBEN“ nennen) selbst entfalten kann. Konsequent zu Ende gedacht, führen beide Konzepte meines Erachtens jedoch zum Gleichen: zum Eingebundensein in etwas Größerem, das sich stetig wandelt. 

Literatur:

Watts, Alan (2008/1954): Vom Geist des Zen. Frankfurt am Main/Leipzig: Insel.

Watts, Alan (1983): Der Lauf des Wassers. Eine Einführung in den Taoismus. München: Suhrkamp.

Melanie LannerAlles fließt – die Leerheit im Taoismus und Zen-Buddhismus

Der Lebensfluss und unsere Träume

Melanie Lanner Selbstbegegnung

Wenn alles stetig fließt, gibt es nichts, was wir festhalten oder auch nur festschreiben können, also auch weder eine konstante, unveränderliche Identität noch einen unwandelbaren, gleichbleibenden Körper. Wollen wir dem Lebensfluss folgen und dadurch unser Leid (auf welcher Ebene auch immer) lindern*, heißt dies ebenfalls, mit den Wandlungen des Lebens mitzugehen und uns nicht dagegen zu wehren, indem wir zum Beispiel krampfhaft versuchen, alles unter Kontrolle – heißt auch alles beim Alten zu belassen – zu halten. Dies meint im Kern auch Wu wei, die Lebenskunst des Tao, mit der ich mich im letzten Blogartikel beschäftigt habe.

Mystik

Foto: Hartwig HKD (CC BY-ND 2.0)

Eine Möglichkeit herauszufinden, wohin der Lebensfluss fließen will, sind unsere Träume – insbesondere das letzte Traumbild, das kurz vor dem Aufwachen (meist etwas vage und diffus) aufflackert. Während der gesamte Traum das zugrundeliegende Thema in symbolischer Weise darstellt, beschäftigt sich das letzte Traumbild damit, wohin sich unsere Lebensenergie als nächstes wenden will. Es ist also spannend, im Besonderen auf dieses Traumbild zu achten und es als bildhaften Wegweiser zu wählen. Probiere es doch einfach einmal aus!

Ich freue mich, wenn du mir von deinen Erfahrungen (damit) berichtest!

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(*) Die Ursache von Leid wird im Taoismus und im Zen-Buddhismus im Widerstand gegen die Wirklichkeit, also gegen das, was ist, gesehen.

Melanie LannerDer Lebensfluss und unsere Träume