Herbsttagundnachtgleiche

Wir leben in einer Gesellschaft, in der nur die Helligkeit, nicht die Dunkelheit geehrt wird. Die Dunkelheit wird durch permanente Beleuchtung sogar richtiggehend verleugnet. Es sind seltene Momente, in denen es wirklich dunkel ist. Ich habe in meinem Urlaub eine Nacht auf dem höchsten Berg einer kroatischen Insel verbracht, um die Sterne zu beobachten. Zugegebenermaßen ist er nur 400 Meter hoch, doch abseits jeder Stadt – zumal es auf dieser Insel auch nicht wirklich eine Stadt gibt. Dieser Ort wurde als einer mit der wenigsten Lichtverschmutzung dieser Erde beschrieben. Und nicht mal dort war es wirklich dunkel, obwohl ich extra zu Neumond dort war, um zumindest ohne die Helligkeit des Mondes die Sterne bewundern zu können. Ich habe die Milchstraße gesehen – ein seltenes Vergnügen – und eine unzählige Anzahl an Sternen. Auch einige Sternschnuppen waren darunter :-) Aber ich wurde auch vom Leuchtturm geblendet und habe Autoscheinwerfer vorbeifahren sehen. Bis zwei Uhr nachts habe ich in der Ferne Straßenlaternen und beleuchtete Häuser am Hafen wahrgenommen und sie als entsetzlich hell wahrgenommen. In der Dunkelheit um mich herum habe ich mich von etwas geblendet gefühlt, das mir sonst nicht einmal auffallen würde.

Und auch in unserem Inneren stellen wir uns lieber unseren hellen als unseren dunklen Seiten. Das ist absolut verständlich, weil diese dunklen Seiten in unserer Gesellschaft nichts zählen. Leisten, funktionieren – und zwar immer auf gleichem Niveau als wären wir Maschinen – und dabei, wenn möglich, auch noch lächeln, ist das Motto unserer Zeit und unseres „westlichen“ Lebens, das sich mehr und mehr als neue Form der Kolonialisierung auf der ganzen Welt ausbreitet. Das ist schade, denn die Dunkelheit, würden wir ihr wirklich begegnen, hütet einen unglaublichen Schatz, den Schatz des Geheimnisses. Wir – nennen wir es mal recht plump „die Menschheit“ – glaubt, alles zu wissen beziehungsweise alles wissen zu müssen. Doch wäre das Leben dann nicht unglaublich langweilig?!? Es gibt ja jetzt kaum noch Abenteuer zu erleben.

Dunkelheit

Foto: Daniel-Stark (CC BY 2.0)

Manchmal würde ich mir wünschen, ich würde in einer Zeit leben, in der es im wahrsten Sinne des Wortes noch weiße Flecken auf der Landkarte gäbe. Diese Zeit ist längst vorbei: Alles ist vermessen und katalogisiert, benannt und eingeordnet. Ich glaube, der blinde Fleck unserer Zeit stellt unserer Inneres, unsere eigene Tiefe, die Tiefe unseres dunklen inneren unbewussten Meeres dar.

Um ehrlich zu sein, fürchte ich mich vor dem Meer – dem äußeren und dem inneren. Es ist so unendlich groß und tief, so geheimnisvoll und mächtig – ja, und eben auch so mächtig! Ich will nicht, dass meine Angst vor dem Unbekannten – eine urmenschliche, „ganz normale“ Angst – mich daran hindert, in meine Tiefe einzutauchen, weil mir dadurch auch unendlich viele Schatztruhen voller Gaben und Potentiale, voller Möglichkeiten und Fähigkeiten entgehen würden. Nein, ich will nach Perlen tauchen, auch wenn ich Angst davor habe. Angst ist ja auch eine Energie, eingebunden in eine ganze Landschaft an Gefühlen (siehe dafür das überaus bemerkenswerte Buch des Ehepaars Baer/Frick-Bauer: Gefühlslandschaft Angst).

Ich glaube, dass unsere tiefen Schätze in der Dunkelheit unseres inneren Meeres verborgen liegen, bis wir sie bergen und ans Licht bringen. Und dafür lohnt sich die Reise in die (eigene) Dunkelheit.

Und ich finde es schön, die Dunkelheit in einem Ritual zu ehren. Hierfür bietet sich die Herbsttagundnachtgleiche geradezu an. Sie ist die Zeit zwischen dem 21. und 23. September, in welcher sich Licht und Dunkelheit, Tag und Nacht die Waage halten. Danach folgt dann die Zeit der Dunkelheit, der Innenschau, des Rückzugs, wenn die Tage immer kürzer und die Nächte immer länger werden. Stille kehrt wieder ins Leben ein, die Energie wendet sich nach innen. Es folgt eine Zeit der Regeneration, der Ruhe und des Winterschlafs.

Zur Herbsttagundnachtgleiche halten sich Tag und Nacht, Sonne und Mond, Helligkeit und Dunkelheit das Gleichgewicht, nur um diesen Zustand der Harmonie dann im nächsten Moment wieder aufzulösen und sich der Dunkelheit im Außen und im Innen zu öffnen. So vollzieht sich der stetige Wandel des Lebens. Und wir sind eingeladen, der Energie der Natur zu folgen, statt uns zu wehren, etwas Vergangenem nachzulaufen oder etwas, das sowieso nicht mehr zu uns passt, festhalten zu wollen. Ja, laden wir die Dunkelheit in unser Leben ein!

Ritualidee zur Herbsttagundnachtgleiche

Was du brauchst: einen dunklen Ort ohne Lichteinfluss, Malsachen, mit denen du gerne malst (ich mag z.B. Ölkreiden/Wachsmalkreisen) und Papier, dein Tagebuch zum Schreiben sowie deine magischen Ritualutensilien zum Kreisziehen und um unterstützende Wesenheiten zu rufen

Begib dich an einen dunklen Ort. Ganz Mutige können einen Ort außerhalb der Wohnung suchen, aber du kannst das Ritual auch in deiner Wohnung machen. In meiner Wohnung ist der einzig wirklich dunkle Ort nachts unter der Bettdecke. Wichtig ist, dass du mit offenen Augen nur Dunkelheit um dich herum wahrnimmst.

Beginne das Ritual damit, dass du deine Absicht festlegst, z.B. „Ich feiere heute die Herbsttagundnachtgleiche, den Eintritt in die dunkle Jahreszeit“. Sprich dies am besten laut aus! Lege dir alles zurecht, was du brauchst.

Reinige und erde dich (zur Ritualgestaltung und zum Kreisziehen findest du hier Informationen). Ziehe auf deine Weise einen Kreis und öffne dadurch einen Heiligen Raum, einen Raum zwischen den Welten, einen Raum abseits deines Alltags und Alltagsbewusstseins. Rufe unterstützende Wesenheiten, die sich für dich hier und heute stimmig anfühlen. Du kannst sie mit Worten rufen oder mit der Stille, mit deinem Körper, durch Tanz und Bewegung, durch Singen oder Tönen. Einfach so, wie du dich wohlfühlst. Denn wenn du dich wohlfühlst, Wohlgefühl ausstrahlst, Wohlgefühl bist, ziehst du wohlwollende Wesen an.

Dann mach es dir in der Mitte deines Kreises bequem. Entweder legst du dich hin oder findest eine bequeme Sitzposition. Wichtig ist, dass du deinen Körper ganz entspannen kannst. Wenn du dazu neigst, leicht einzuschlafen, wähle lieber eine Position im Sitzen. Strecke und recke dich, bis du dich bequem in deinem Körper eingerichtet hast.
Schließe deine Augen, auch wenn es dunkel ist, und achte auf deine Atmung. Nimm wahr, wie du atmest, wie du ein- und ausatmest, anfangs noch, ohne etwas zu verändern.

Dann reguliere deine Atmung zu einem bestimmten Rhythmus. Du zählst beim Ausatmen bis sieben, dann hältst du sieben Takte den Atem, ohne aus- oder einzuatmen. Nimm diesen Moment des Gleichgewichts bewusst wahr. Dann zähle beim Einatmen bis sieben und halte danach wieder sieben Einheiten lang den Atem in diesem Gleichgewichtszustand. Der Rhythmus deiner Atmung ist also 7:7:7:7. Mache diesen ganzen Atem-Rhythmus siebenmal durch. Und wenn deine Gedanken abschweifen, kehre wieder zur Atmung zurück.

Nach dieser Atemübung öffne deine Augen und blicke in die Dunkelheit. Du siehst nichts als Dunkelheit. Heiße die Dunkelheit willkommen, z.B. „Hallo Dunkelheit, du große Unbekannte.“ Wenn du magst, kannst du auch mit ihr sprechen. „Ich habe Angst. Du erscheinst mir so groß und unendlich. Ich dagegen so klein und zerbrechlich.“ Oder du lauscht einfach auf die Geheimnisse der Dunkelheit, auf das, was sie dir sagen will. Wenn du merkst, dass du zurück in den Kopf und in Alltagsgedanken kommst, brich die Begegnung mit der Dunkelheit ab. Du kannst ja jederzeit zurückkommen. Bedanke dich bei ihr. Und komme dann über das Atmen zurück zu dir selbst.

Dann nimm – mit geschlossenen Augen, wenn es nicht ganz dunkel im Raum ist – deine Malsachen und male, ohne weiter darüber nachzudenken. Lass dich einfach von deinen Fingern leiten – und lass dich vor allem überraschen. In der Dunkelheit finden wir selten das, was wir erwarten. Dafür manchmal jedoch unerwartete Schätze Höre auch damit auf, sobald du merkst, dass du wieder in deine Alltagsgedanken verfällst.

Nimm dir noch einen Moment Zeit, dich wieder selbst zu spüren – mit geschlossenen Augen oder ganz in Dunkelheit gehüllt. Und dann öffne, wenn du soweit bist, deine Augen. Nimm dir Zeit, dein Bild zu betrachten und frei zu assoziieren, was dir dazu einfällt: “Das sieht doch wie ein Auge aus”. Wenn du magst, kannst du dir dazu auch Notizen in deinem Tagebuch machen. Und auch hier gilt: Hör auf, sobald deine Gedanken abschweifen. Es geht nicht darum, möglichst viel zu erfahren. Manchmal reicht ein Satz oder ein Wort. In der Dunkelheit liegt selten eine Reizüberflutung begraben :-)

Bedanke dich danach bei der Dunkelheit für deine Erkenntnisse. Und beende das Ritual, so wie es für dich passend ist: Bedanke dich bei den Wesenheiten für die Unterstützung im Ritual. Schließe den Heiligen Raum auf deine Weise. Und kehre in dein Alltagsbewusstsein zurück (siehe Ritualgestaltung).

Danach kannst du das Bild dann an einem besonderen Platz aufhängen, um dir in der dunklen Jahreszeit Mut zu machen und die Dunkelheit zu ehren.

Erfahre die Schönheit und Kraft der Dunkelheit –
in dir und um dich herum!
Denn nur durch die Integration der Dunkelheit
bist du ganz und kannst das Licht erfahren.
Ohne Dunkelheit kein Licht.

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Melanie LannerHerbsttagundnachtgleiche