Mein Zugang

In mein erstes Ritual bin ich sozusagen einfach hinein gerutscht. Um ehrlich zu sein, weiß ich gar nicht, wie ich auf die Idee gekommen bin, eines zu machen, weil ich nicht mal eine Ahnung hatte, was Rituale sind oder für was sie gut sein sollen. Immerhin war ich ja fest in der akademischen Welt verankert, eine „gute“ Studentin, wissenschaftliche (!) Soziologin und systemkritische Genderforscherin gewesen. Im Nachhinein bin ich darüber total ver:wundert. Ja, manchmal passieren wirklich Wunder. Ich bin auch im Nachhinein erstaunt darüber, wie ich an das Ritual herangegangen bin – als würde ich schon immer Rituale gestalten – und ebenso über die Folgen davon…

Mein Weg

Foto: Isabel Egger

Ich hatte gerade mein zweites Studium abgeschlossen, meinen Job gekündigt und wusste nicht so recht, was jetzt… Eines Abends habe ich mich alleine in mein Zimmer gesetzt, habe alles, was ich loslassen wollte, auf Zettel geschrieben. Und es waren viele, viele Zettel. Das hatte ich gar nicht erwartet. Ich habe ein Musikstück gehört, das mich tief berührt hat, und gesungen. Ich hatte seit der Schulzeit nicht mehr gesungen… und dann habe ich jeden Zettel in die Hand genommen, ausgesprochen, was ich loslasse, und ihn im Feuer verbrannt. In der Wohnung in einem Kochtopf – das war der einzige Nachteil des Rituals, weil es mehr als eine Woche lang nach verbranntem Papier gestunken hat. Zum Schluss des Rituals, als nach zwei Stunden endlich alles verbrannt war, bin ich mit einer Kerze, die ich in der Mitte entzündet hatte, in meinem Zimmer gesessen und habe mich gefragt: Wenn jetzt wirklich alles verbrannt ist, was ist dann eigentlich noch da? Ich und die Kerze. Die Kerze und ich… Ich habe in die Stille gelauscht und die Antwort erhalten: Und die Liebe.

Ja, plötzlich ist ganz unerwartet die Liebe aufgetaucht.
Die Liebe bleibt, wenn alles geht…

Die Liebe hatte ich die letzten Jahre völlig vergessen. Kein Platz für die Liebe in einem so vollen Leben mit Studium, Arbeit, Ausbildung, entwicklungspolitischem Engagement und einem großen sozialen Netzwerk. Ich hätte nicht erwartet, dass diese Erkenntnis, dass die Liebe so radikal sein kann: Die Liebe hat alles in meinem Leben durcheinander gebracht… privat und beruflich, alles auf den Kopf gestellt, mein ganzes wohlgeordnetes Leben durcheinander gewirbelt, Chaos gestiftet… Ich bin in den nächsten drei Jahren in meine tiefsten Tiefen abgetaucht – was meistens nicht besonders angenehm war – und manchmal auch zu Höhen aufgeschwungen, von denen ich nicht einmal wusste, dass es sie gibt – und die auch nicht immer angenehm waren… Eine Zeit der Finsternis, der Dunkelheit, der Wanderung durch meine Unterwelt ist diesem Ritual gefolgt. Hätte ich das vorher gewusst, hätte ich diesen Schritt, dieses Ritual nie gewagt. Zum Glück wusste ich davor nichts davon…

Denn so war es dann schon zu spät – das Ritual hat Wirkung gezeigt. Weitere Rituale sind gefolgt. Die Sinn-Suche für mein Leben und das Finden meines spirituellen Weges, meines magischen Zugangs, meines Lebenssinns. Irgendwann hat sich mein Leben dann auch wieder mehr geordnet. Ich konnte Schritt für Schritt, Atemzug für Atemzug wieder aus der Unterwelt auftauchen. Das, was ich dort gefunden habe, ans Licht, in mein Bewusstsein bringen und in meinen Alltag integrieren.

Meine Arbeit basiert auf den Erkenntnissen und Erfahrungen meiner Reise in die Unterwelt, einer Reise in die meine eigene Tiefe, die ich zu lieben gelernt habe wie das Meer. Immerhin bedeutet „Melanie“ ja auch „die Dunkle“, „die Geheimnisvolle“.

Deshalb glaube ich an die Macht von Ritualen. Ich weiß, dass sie wirken.

Und manchmal staune ich noch immer, wie wörtlich Rituale unsere Worte, unsere Bitten und Wünsche nehmen. Aber dies ist eine andere Geschichte…

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Melanie LannerMein Zugang