Der Sinn des Lebens

Die Frage nach dem Sinn meines Lebens beschäftigt mich eigentlich schon immer. Zumindest kann ich mich an keine Zeit meines Lebens erinnern, als ich mir nicht diese Frage gestellt habe. Warum bin ich geboren? Was ist meine Aufgabe, mein Platz im Leben? Wodurch macht mein Leben Sinn? Und für wen? Was für einen Sinn kann und will ich meinem Leben geben?

Ich glaube, die Frage nach dem Sinn des Lebens ist eine wichtige Frage. Doch mit der Zeit bin ich drauf gekommen, dass es eine Frage ist, die mich quält. Oder sagen wir es anders, die Aspekte in sich trägt, die mich quälen. Dennoch hat mich die Frage davor bewahrt, einen Weg einzuschlagen, der für mich nicht passt, aufzugeben, wenn ich wieder mal in eine vermeintliche Sackgasse gelaufen bin, und davor, ein oberflächliches, scheinheiliges und dadurch für mich sinnentleertes Leben zu leben.

Doch vor ein paar Wochen habe ich im Buch „Mein Körper weiß alles“ von Banana Yoshimoto einen Satz gelesen, der mich auf den quälenden Aspekt meiner Sinnfrage aufmerksam gemacht hat. Bei den Zeilen habe ich mich richtig ertappt gefühlt – immer ein gutes Zeichen:

Wieso also dem Leben einen einzigen Sinn aufzwingen, der es doch nur grau und eintönig machen würde? Hüten wir uns davor, ein für alle Mal.

Ja, hüten wir uns! Manchmal gibt es vielleicht eine Art Überthema im Leben, dem wir uns verschreiben. Zumindest kenne ich das aus meinem Leben. Während meiner Studienzeit habe ich mich entwicklungspolitisch, insbesondere für den Fairen Handel und ein anderes globales Wirtschaften, engagiert. Soziale Gerechtigkeit war mir der wichtigste Wert. Ich habe mich nicht nur engagiert, sondern diese Form von Gerechtigkeit auch gelebt – soweit es mir möglich war. Aber ich habe mich auch immer mehr angetrieben, bin immer dogmatischer geworden – mit mir und anderen –, bis ich richtig streng gelebt und geurteilt habe und mir auch viel von dem, was mir guttut, verboten habe. Ich bin ins Extrem gegangen; wie so oft in meinem Leben. Und wie so oft im Leben kam dann der Umschwung.

Das Pendel hat „plötzlich“ in eine andere Richtung ausgeschlagen, sodass wieder mehr Gleichgewicht entstehen konnte. Meine Aufmerksamkeit hat sich von außen, also die Gestaltung der äußeren Lebensbedingungen und das Interesse an den äußeren Erscheinungen des (Wirtschafts-)Lebens nach innen gerichtet – ja, ausschließlich nach innen. Ich habe aufgehört, mich entwicklungspolitisch zu engagieren, ja überhaupt mich ins äußere Leben einzubringen. Ich habe mich komplett zurückgezogen (auch aus meinem Freundeskreis und dem beruflichen Leben) und war mit meinem eigenen Selbstheilungs- und Therapieweg beschäftigt. Heilung meiner Vergangenheit war für mich das Thema dieser Phase.

Doch irgendwann war auch diese Phase vorbei. Und seitdem hat mich die Frage beschäftigt, was denn jetzt der Sinn meines Lebens ist. Was ist das Dach, das alles, was ich in meinem Leben tue oder nicht tue, vereint? Für was lebe ich überhaupt (noch)? Ich habe keine Antwort gefunden – jahrelang nicht, und auch jetzt noch nicht. Immer quälender ist für mich dieser Zustand geworden, so haltlos… bis ich diesen Satz gelesen habe. Wieso nur dem Leben einen Sinn aufzwingen?!? Ist das Leben nicht viel bunter als das?!?

Bilder

Foto: gnuckx (CC BY 2.0)

Ich finde im Mamasein Sinn darin, meine Tochter in den ersten entscheidenden Schritten ihres Lebens, so gut ich kann, zu unterstützen. Das erste Lebensjahr ist so prägend für sie. Ich habe als Mutter also eine große Verantwortung. Und darin auch einen Sinn. Ich finde einen Sinn, Menschen im Shiatsu in ihrem eigenen Prozess zu begleiten und auf der körperlichen Ebene zu unterstützen. Ich finde einen Sinn im Schreiben und darin, mich über Worte auszudrücken und meine Erfahrungen zu teilen. Ich finde einen Sinn darin, eine wahrhaftige, heißt ehrliche und authentische, Ehe mit meinem Mann zu leben, gemeinsam das Leben zu gestalten und zusammen mehr von mir zu entfalten als alleine. Ich finde Sinn darin, regionale, saisonale, fair gehandelte, ökologische Produkte zu genießen, ressourcenschonend und achtsam mit meiner Mitwelt umzugehen, auf eine gute Nachbarschaft zu achten und Verantwortung für das Leben vor meiner Haustür zu übernehmen. Ich finde einen Sinn darin, einen Baum zu betrachten, ein von Menschen geschaffenes Kunstwerk, das mich berührt, wahrzunehmen, meinen Körper zu spüren, gutes Essen zu genießen. Ich finde einen Sinn in Symbolen, Träumen und anderen Zeichen, die mir das Leben schenkt, sodass ich meinen Prozess in einem größeren Zusammenhang wahrnehmen kann. Ich finde im LEBEN an sich einen Sinn…

Ich finde einen Sinn darin, mich immer wieder neu auszuprobieren, Erfahrungen zu machen, mich selbst immer wieder in neuen Facetten kennen zu lernen und zu entfalten, „[…] denn es war stets mein unerschütterlicher Vorsatz gewesen, so viele Erfahrungen zu sammeln wie möglich” (Banana Yoshimoto).

Und was ist dein (bunter) Sinn?

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Literatur: Yoshimoto, Banana (2010): Mein Körper weiß alles. 13 Geschichten. Zürich: Diogenes.

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