Trauern und Loslassen

Traurigkeit ist das Gefühl des Herbstes, wenn die Bäume ihr Blätter fallenlassen, die Emotion des Metall-Elements (siehe Shiatsu im Jahreskreis: der Herbst). Hier beschäftige ich mich mit Traurigkeit in ihrem Aspekt der Trauer als tiefgreifenden Prozess rund um einen Verlust, z.B. wenn wir einen geliebten Menschen durch Tod oder Scheidung verlieren. Manchmal ist die Trauer durch viele Tränen begleitet. Manchmal versiegen sie in lauter Schmerz. Manche Trauer ist laut, manche ganz leise. Manch trauernde Menschen sprechen von ihrem Schmerz, ihrem Verlust und ihren Gefühlen, anderen Menschen stockt der Atem und ihnen versagt die Stimme. Wie Trauer sich zeigt und ausdrückt, ist also verschieden.

Loslassen und Trauern

Trauer geht mit dem Loslassen einher. Und Loslassen wird oft von Trauer begleitet. Trauerprozesse brauchen das Loslassen. Loslassen und Trauer sind also miteinander verbunden. Traurigkeit will, wie jedes Gefühl, vor allem gefühlt werden. Geht es um tiefgehende Trauer, ist dies manchmal nicht so einfach. Zu groß sind der Schmerz und der Verlust. Dann hilft es manchmal, sich Unterstützung zu holen.

Ich möchte dir hier einen Weg vorstellen, mit Trauerprozessen umzugehen. Ich habe aus eigener Erfahrung, aus der Begegnung mit meinen Klientinnen und Klienten sowie in der Auseinandersetzung mit dem Gruppenritual zum Thema „Fehlgeburt“ mit meiner Kollegin Katharina Kolaritsch (mehr zum Gruppenritual findest du hier als pdf) herausgefunden, dass Trauer ein Prozess ist. Ein Prozess, der keinem linearen Muster – also erst Station A, dann B, am Schluss C – verläuft, sondern individuell verschieden und eher zyklisch ist. Bildlich gesprochen, empfinde ich den Trauerprozess eher als Spirale denn als linearen Weg von A nach C über B. Ich komme manchmal wieder zu einem ähnlichen Punkt zurück. Manchmal habe ich das Gefühl, mich im Kreis zu drehen, doch dann biege ich irgendwann von dort wieder ab, in eine andere Richtung, komme zurück, gehe weiter… Und ich merke, irgendwann wird es leichter. Irgendwie geht es weiter, das spüre ich, aber nicht im Sinne eines strukturierten Fahrplans, den ich einhalten könnte. Es gibt Orientierungspunkte, manchmal, und manchmal verläuft die Fahrt querfeldein. Etwas holprig, ich kenne mich nicht aus… Dann erkenne ich etwas wieder. Dann wieder nicht. Aber ich gehe weiter. Ich suche und finde, ich verliere wieder und gehe weiter. Das ist ein etwa mein Trauerprozess. Verwirrend, aber mit etwas Abstand betrachtet, lassen sich Elemente herauskristallisieren, die sich benennen und in gewisser Weise einordnen lassen.

Die Elemente, denen ich in meinem eigenen Trauerprozess und in der Begleitung von anderen Menschen begegnet bin, möchte ich hier vorstellen.

Loslassen und Transformieren

Das erste Element beschäftigt sich mit dem Verlust, mit dem Loslassen der Erfahrung und dadurch der Transformation des Schmerzes. Sobald wir uns bereit fühlen, gehen wir noch einmal zu unserem Verlust (zurück), zu dem, was uns trauern lässt, zu unserem Schmerz. Uns zum Loslassen zu drängen oder damit unter Druck zu setzen (oder von anderen nach dem Motto „Jetzt wäre es aber schon einmal an der Zeit loszulassen!“ setzen zu lassen), bringt nichts, da Loslassen ja gerade bedeutet, den Druck und die Kontrolle aufzugeben und sich dem, was ist und sich zeigen will, anzuvertrauen und hinzugeben. Loslassen geht nur ohne Druck, geht nur aus freien Stücken und wenn „die Zeit reif ist“. Wann dafür der richtige Zeitpunkt ist, entscheiden wir selbst.

Spirale_NaturEs kann sinnvoll sein, sich an dem Punkt mit anderen auszutauschen, z.B. in einer Selbsthilfegruppe, mit vertrauten Menschen oder einer externe Person, die in der Trauerbegleitung Erfahrung hat, wie z.B. einer Psychotherapeutin. Wir haben in unserem Gruppenritual zur „Fehlgeburt“ in einem Gesprächskreis (den sogenannten Circles) gearbeitet, um allen Frauen einen strukturieren und dadurch vertrauensvollen Raum für ihre eigene Geschichte zu geben. In diesem Kreis ist auch der Raum, um alle Gefühle, die sich zeigen wollen, zu fühlen.

Wenn du dich lieber alleine deinem Trauerprozess stellst, hilft es an dem Punkt, das, was da ist, kreativ auszudrücken und damit sichtbar zu machen. Ich bin dann besonders mit (automatischem) Schreiben und Malen beschäftigt, d.h. ich male und schreibe das, was mir einfällt, ohne es zu zensieren. Es ist ja sowieso nicht für andere Augen bestimmt, also kann es aussehen, wie es will. Worte können ungehobelt und verwirrt klingen. Das macht nichts, so fühlen wir uns jetzt, und das Geschriebene ist Ausdruck davon – und kein Kunstwerk, mit dem wir andere beeindrucken wollen. Ich lasse die Kontrolle los und lasse die Worte nach außen fließen und lasse mich malen. So kommen wir mit unserer Erfahrung und allem, was damit zusammenhängt (z.B. Schuldgefühlen, Traurigkeit, einem Gefühl von Befreiung und und und), in Kontakt, denn meist verbinden sich beim Trauern und Loslassen mehrere Gefühle.

Wir brauchen uns nicht auf ein Gefühl festzunageln – „ich darf nur Trauer empfinden“ – sondern viele Gefühle können auftreten, die wir alle liebevoll mit einem „Und“ verbinden: Trauer und Wut und Befreiung und Dankbarkeit. Dieser Prozess kann einige Zeit in Anspruch nehmen. Dabei können wir uns nicht drängen, schneller vorzugehen, oder eine Abkürzung einschlagen. Loslassen braucht seine Zeit, unser Verlust braucht seinen Raum. Das ist normal. Es gibt nicht die richtige Zeit, es gibt nur DEINE.

Wenn wir bereit sind, diesen Verlust wirklich loszulassen und zu transformieren – und wieder gilt, dass hier nur dein eigenes Gefühl zählt! –, können wir uns einen rituellen Rahmen zunutze machen, der uns in einer klaren Struktur sicher eingebettet durch diesen tiefen Prozess trägt. In unserem Gruppenritual zu Fehlgeburten verbrennen wir z.B. rituell all das, was wir nicht mehr weiter mitnehmen wollen. Dafür treffen wir eine klare und bewusste Entscheidung, was wir wirklich loslassen und was wir festhalten wollen. Loslassen bedeutet nämlich nicht, alles loszulassen oder loslassen zu müssen, sondern das, was wir nicht mehr mit uns mittragen wollen. Das, was wir aus der Erfahrung gelernt haben, verbrennen wir zum Beispiel nicht, denn dadurch sind wir ja um eine Lebenserfahrung reicher geworden. Auch ich habe an diesem Punkt meines Trauerprozesses ein Ritual gewählt, um einen bewussten Schlusspunkt hinter meinen tiefen Heilungsprozess zu setzen. Einen bewussten, klaren Punkt. Und so konnte ich ein neues Kapitel aufschlagen. (Wenn du dir Begleitung in deinem Ritual wünschst, freue ich mich, wenn du dich bei mir meldest. Hier findest du mehr Informationen zur Ritualgestaltung.)

Selbstheilung

Das zweite Element des Trauerprozesses ist der Selbstheilung gewidmet. Du kannst nur deinen Weg der Heilung finden und gehen, denn jeder Selbstheilungsweg ist individuell verschieden. Im Gruppenritual zu Fehlgeburten nutzen wir die Kraft der Gruppe von Frauen, die eine ähnliche Erfahrung gemacht haben. Mir haben Shiatsu und Authentischer Tanz geholfen, bei mir anzukommen, mich selbst zu spüren und zu wissen, was mir jetzt guttut und was nicht.

Mir hat es geholfen, (Tagebuch) zu schreiben, kreativ zu gestalten, in die Natur zu gehen, mit vertrauensvollen Menschen zu reden – und vor allem, gut zu mir selbst zu sein. Immer wieder. Kleine Akte der Selbstheilung und Selbstliebe im Alltag, die für mich heilsam sind, z.B. einen selbstgebackenen Kuchen genießen, über den Sonnenuntergang staunen, im Dampfbad alles wegschwitzen… Nur du alleine weißt, was dir in dem Moment guttut und was du brauchst. Deshalb ist diese Zeit eine Zeit, in der es ganz besonders darum geht, in dich hineinzuspüren und darauf zu achten, was dir guttut, und dir das dann auch zu gönnen. Zum Beispiel eine Umarmung von einer Freundin, Halt von deinem Partner oder ein Wochenende nur für dich alleine.

Auch Shiatsu, die Selbst-Begegnung über deinen Körper, ist ein Weg, um deinen inneren Bedürfnissen und dem, was du jetzt brauchst, auf die Spur zu kommen. Shiatsu unterstützt durch den Ausgleich der Energien die Selbstheilungskräfte deines Körpers. Du kannst dir selbst Gutes tun und findest Zeit für DICH. Die Entspannung deines Körpers kann das Loslassen erleichtern. Erfahrungen und ungelöste Emotionen können durch Druck und Bewegung freigesetzt werden, die Energie kommt wieder ins Fließen. Dadurch können ungelöste Erfahrungen und Gefühle bewusst gemacht werden – und sich verändern. Seelische und emotionale Themen werden im Körper gespürt und erfahren, nicht nur gedacht und analysiert. Du findest über deinen Körper einen Zugang zu deiner inneren Stimme. Mehr…

Hast du (über deinen Körper) einen Zugang zu deiner inneren Stimme gefunden, kannst du dich selbst heilen.

Ressourcen

Das dritte Element des Trauerprozesses beschäftigt sich mit unserem weiteren Lebensweg und damit, was wir brauchen, um den zukünftigen Herausforderungen begegnen und an ihnen wachsen zu können. Bei der Erfahrung von Fehlgeburten geht es zum Beispiel darum, wieder Vertrauen in den eigenen Körper und die eigene Schöpfungskraft zu entwickeln. In meinem Trauerprozess geht es um das Vertrauen ins Leben, um die Entwicklung von Urvertrauen und die Erfahrung von mütterlicher, bedingungsloser Liebe. Das Finden von Ressourcen ist ein langer, oftmals mühsamer Weg, aber jeder einzelne Schritt darauf lohnt sich… Mir hat mein spiritueller Weg dabei geholfen, zu erkennen, dass ich in etwas Größeres als ich selbst eingebunden bin, dass ich diesem Größeren, das ich LEBEN nenne, vertrauen kann, dass ich geliebt werde. Es geht hier also um unsere Ressourcen, um das, auf das wir auch in schwierigen Situationen zurückgreifen können. Ich habe zum Beispiel erkannt, dass ich auch in schwierigen Situationen die größeren Zusammenhänge erkennen und daraus Kraft schöpfen kann. Vielleicht haben wir auch aus der Trauererfahrung selbst etwas gelernt. Ich habe zum Beispiel gelernt, Verantwortung für mich selbst, für meine Bedürfnisse und Ziele zu übernehmen, selbst mütterliche Liebe zu verschenken und der Liebe als verwandelnde Kraft zu vertrauen.

Da das, was wir brauchen, individuell verschieden ist, ist es schwierig, hier etwas Allgemeines zu schreiben. Ich glaube, das Vertrauen in uns, unsere Fähigkeiten und Ressourcen, ins Leben und das, was manche „Gott“ nennen, ist ebenso eine Basis wie die Liebe – die Liebe zu uns selbst, zu anderen, zu unserer Mit-Welt. Es geht um etwas, woran wir glauben und dem wir vertrauen können. Etwas, für das es sich lohnt, weiterzugehen und weiterzuleben. Es geht hier viel um den Lebenssinn, um die großen Lebensfragen – die sich so schnell nicht beantworten lassen. Was ich dir hier in dem Rahmen nur mitgeben will und kann, ist, dass es sich lohnt: Es lohnt sich, diese Fragen zu stellen und auf die Suche nach Antworten zu gehen!

Und: Du bist nicht alleine.

Ich wünsche dir vor allem Vertrauen in deinen eigenen (Trauer-)Prozess!

Außerdem schenke ich dir hier eine, wie ich finde, wunderbare Übung zum Loslassen und zur Würdigung unserer Verluste: die Weg-Kreuzungen.

Interessierst du dich näher für diese Zusammenhänge um Loslassen und Trauern, empfehle ich dir das Buch „Vom Trauern und Loslassen“ des Ehepaars Udo Baer und Gabriele Frick-Baer.

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Melanie LannerTrauern und Loslassen