Weg-Kreuzungen

Um Verluste zu würdigen, stelle ich dir hier eine Übung vor, für die ich von Clarissa Pinkola Estés „Die Wolfsfrau“ inspirieren lassen habe. Nimm ein Blatt Papier (DIN A3) und zeichne deinen Lebensweg ein, beginnend mit deiner Geburt bis zum heutigen Tag. Und dann zeichne für jeden Verlust, den du erlitten hast, ein Kreuz an deinen Lebensweg und benenne ihn mit einem Wort. Estés nennt diese Kreuze „Descansos“ (Ruhestätten) – wie die Kreuze am Straßenrand im Süden der USA, die Verkehrsunfälle anzeigen – Zeichen für den Verlust der Angehörigen, der ihr ganzes Leben durcheinander bringt und neu in Frage stellt. So wie du auch schon mehrmals im Leben solche Schicksalsschläge erlebt hast (große und kleine), die du jetzt auf deinem Lebensweg einzeichnest und dadurch gebührend würdigst, d.h. ernstnimmst.

„Descansos sind kleine symbolische Denkmäler für alles,
was uns jäh entrissen wurde
und das Leben der Hinterbliebenen auf ewig verändert hat“ (S. 439).

Neben dem Verlust von geliebten Menschen geht es um Richtungen, die du eingeschlagen und nicht weiter verfolgt hast. Um Dinge und Wege, die du begonnen und nicht vollendet hast. Um Hoffnungen, Träume und Sehnsüchte, die sich zerschlagen haben. Um radikale Einschnitte in deinem Leben – welcher Art auch immer. Diese Verluste und Bruchstellen sind wichtig für das Entwickeln der eigenen Identität. Dafür ist es wichtig, diese (persönlichen) Tragödien zu betrauern.

„Descansos sind kleine Gedenkstätten für vergangene psychische Kreuzigungen
und zugleich auch Liebesbeweise für unser Leid“ (S. 440).

So kann Transformation stattfinden – und nicht, indem du erlebtes Leid verdrängst und für zu unwichtig erachtest, z.B. indem du dein Leid mit dem Satz “Andere haben es viel schlimmer als ich” rationalisierst, oder z.B. mit dem Satz „Es ist in Ordnung“ belegst und dir dadurch die Möglichkeit nimmst, wirklich zu fühlen, was du fühlst. Manchmal ist das Trauer, manchmal Wut, manchmal Befreiung, manchmal ein Lachen… Das kannst du vorher nicht wissen. Du kannst nur offen sein, für das, was sich dir zeigen und öffnen will: Wieder ein Stück mehr von dir selbst.

Du kannst, wenn du willst, auch dazuschreiben, welche Verluste du bereits losgelassen hast und welche noch auf Befreiung warten, indem du z.B. „vergeben“ über die bereits verarbeiteten Kreuze schreibst. Wenn du etwas spürst, was du nicht benennen oder vergessen hast, schreibe „vergessen“ darüber.

Wo setzt du deine Kreuze ?

Durch das Aufzeichnen deiner Lebenslinie und der Kreuze auf deinem Lebensweg kannst du die Verluste betrauern und dann loslassen, damit du frei wirst und sich Neues in deinem Leben zeigen kann.

descansosIch zeige dir meinen Lebensweg (schematisch). Lasse dich davon inspirieren, entscheide jedoch selbst, wie es sich für dich am stimmigsten anfühlt, deinen eigenen Lebensweg aufzuzeichnen und die Kreuze zu setzen.

Vielleicht fällt dir beim Betrachten meiner Lebenslinie etwas auf – zumindest mir ist es aufgefallen, als ich die Übung gemacht habe: Es sind ganz schön viele Kreuze! Dennoch hat mich das gar nicht geschreckt, im Gegenteil, es hat mich befreit. Denn all die Kreuze habe ich überlebt – und ich werde noch weitere überleben!

Aus eigener Erfahrung kann ich sagen, wie befreiend die Übung ist, und vor allem klärend… Es tut gut, die Kreuze mal so „feinsäuberlich“ nebeneinander zu sehen, zu wissen und zu spüren: Ich bin trotzdem weitergegangen, ich bin weitergewachsen, ich bin über all den Schmerz hinausgewachsen… Ja, manchmal bin ich genau durch die Verluste weitergewachsen. Mich haben die Verluste nicht zerstört, nein, im Endeffekt sogar bereichert, gestärkt und bekräftigt.

Ich gestehe, dies ist eine zeit- und emotional intensive Übung, aber ich finde, sie lohnt sich. Willst du dieses Wagnis auch eingehen?

Und wenn du magst, freue ich mich, wenn du deine Lebenslinie zur nächsten Shiatsu-Einheit mitbringst. Dann können wir gemeinsam schauen, ob und an welchem Punkt du vielleicht noch Unterstützung brauchst. Was braucht Heilung, Integration, Aufmerksamkeit? Was bist du jetzt bereit loszulassen? Und was kannst du dir aus diesen Erfahrungen mitnehmen? Was sind die Geschenke? All diese Fragen können Ausgangspunkt und damit Thema deiner Körpererfahrung werden. Ich freue mich auf dich und deinen Lebensweg, der wahrscheinlich – wie auch meiner – nicht immer geradlinig verläuft, sondern manchmal vor-und-zurück, zickzack, in eine Sackgasse und wieder aus ihr heraus… Ist das nicht unglaublich spannend?!

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Melanie LannerWeg-Kreuzungen