Geschichten und Archetypen

Geschichten sind “Vorlagen für eine Heilung der Seele,
überliefert von Europas weisen Ahnfrauen und Heilerinnen.
Als die alten erdverbundenen Kulturen Europas zerstört wurden,
blieben diese Geschichten erhalten.”
(Starhawk/Hilary Valentine)

Geschichten “arbeiten” ähnlich wie Träume mit archetypischen Symbolen. Sie drücken bildhaft das aus, was uns als Menschen beschäftigt und können uns so mit unserer inneren Weisheit verbinden. Geschichten berühren unseren tiefen Kern, können uns wachrütteln und Möglichkeiten anbieten, “der Welt da draußen” zu begegnen.

Geschichten erzählen auch deine Lebensgeschichte…

Spannend finde ich es auch, Filme unter dem Gesichtspunkt der Identifizierung anzuschauen. Dafür eignen sich besonders Filme, die ein Märchen oder einen (modernen) Mythos erzählen, wie z.B. „Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“, oder einen märchenhaften Charakter haben, wie z.B. der Film „Stardust“ (nach einem Buch von Neil Gaiman), oder selbst eine mythische Welt erschaffen wie z.B. „Der Herr der Ringe“. Auch Filme oder Fernsehserien, die eine Figuren-Entwicklung beinhalten, finde ich spannend, z.B. „Star Wars“ als Heldenreise zu betrachten. Wie entwickelt sich Luke Skywalker von einem „einfachen Bauernjungen“ zum mächtigen Jedi? Was sind die Aufgaben, denen er sich auf seinem Weg stellen muss und an denen er reift? Diese Herausforderungen lassen den Held einer Heldengeschichte erst zum Held werden. Und wir erfahren, wie wir selbst zu HeldInnen reifen können.

Achte beim nächsten Film, den du schaust, oder bei nächsten Buch, das du  liest, darauf, mit wem oder was du dich identifizierst. Wer oder was erzeugt in dir die größte Resonanz? Das können Personen, einzelne Verhaltensweisen, Stimmungen oder Gegenstände sein. Welche Stelle im Film/Buch berührt dich am meisten? Was fühlst du? Welche Aspekte sind dir vertraut? Welche fremd? Welche machen dich neugierig? Welche machen dir Angst? Wen magst du besonders und in welcher Szene? Und wen lehnst du ab? Was macht diese Figur, wenn du sie ablehnst? Was verkörpert sie? …

Diese Auseinandersetzung kann ganz spielerisch sein und eröffnet neue Horizonte. Ich bin zum Beispiel drauf gekommen, dass ich Frauenfiguren mag, die stark und verletzlich sind, wie Éowyn in “Der Herr der Ringe”. Interessant finde ich die Auseinandersetzung mit der dunklen Seite der Macht und dem Umgang damit wie z.B. bei “Star Wars”. Ich lerne. Macht ist nicht per se schlecht, sondern es geht darum, wie und für was wir sie einsetzen. Ich lerne, dass es um meine Motivation geht und um einen verantwortungsvollen Umgang. Ich lerne dadurch, mein Handeln zu hinterfragen und mein Verhalten zu reflektieren. Ich liebe Geschichten, in denen Helden und Heldinnen wachsen und sich entwickeln. Das macht mir Mut und Hoffnung.

Geschichten, ob in Filmen oder Büchern, bieten eine spannende Entdeckungsreise ins eigene Innere.

Spannend finde ich es auch, mich mit anderen Menschen darüber auszutauschen, z.B. mit meinem Mann, Freunden und Freundinnen. So eröffnen sich immer neue Aspekte einer Figur oder Situation. Du kannst deine Erkenntnisse auch in deinem Tagebuch festhalten.

Gerne kannst du eine Geschichte, die dich gerade berührt, in die nächste Shiatsu-Behandlung mitbringen. Dann erfährst du sie in deinem Körper. Geschichten lassen dich eintauchen in andere Rollen, eröffnen dir neue Sichtweisen und neue Handlungsmöglichkeiten erschließen sich. Durch Berührung, Druck und Bewegung und deine Körperwahrnehmung verankern sich deine neu gewonnenen Erkenntnisse in deinem Körper. Du gewinnst durch die Geschichte und die Körpererfahrung mehr Klarheit, neue Perspektiven, eine Orientierung und Anregungen für deinen LebenswegNeugierig? Dann freue ich mich, wenn du einen Termin vereinbarst.

Nymphenburg

Foto: Melanie Lanner

Psychologische Märchenanalyse

Die psychologische Märchenanalyse (die insbesondere in der Analytischen Psychologie nach C.G. Jung eine große Rolle spielt) hat es sich zur Aufgabe gemacht, den symbolischen Gehalt von Märchen und Mythen psychologisch zu deuten. Märchen und Mythen sprechen von Lebensthemen, die uns als Menschen gemeinsam sind, wie z.B. von Leben und Tod, von Liebe und Sexualität und von der Reifung vom Kind zu erwachsenen Menschen. Die Quelle von Märchen liegt im Unbewussten (entweder direkt aus Träumen oder aus schöpferischen Wachphantasien geboren), weswegen viele Märchen mit einem Satz enden, die das „Erwachen“ ausdrücken, z.B. „der Hahn krähte Kikeriki, der Morgen ist da, und meine Geschichte ist aus. Es geht also nicht um gewöhnliche menschliche Gestalten und Schicksale, sondern um die großen Lebensfragen.

Märchen schenken Einblick in die kompensatorische Funktion des Unbewussten, z.B. zu vorherrschenden religiösen und gesellschaftlichen Vorstellungen. Wird zum Beispiel die instinktive Verhaltensweise wie im Christentum ausgeklammert, finden sich Erzählungen von genau diesem Inhalt in den sogenannten Volksmärchen. Und auch wir persönlich fühlen uns oftmals von Geschichten angezogen, die etwas kompensieren, was in unserem Leben nicht wirksam ist.

Was sind die drei Lieblingsmärchen deiner Kindheit? Was haben sie zum Thema? Was verbindet diese drei Geschichten? Was unterscheidet sie? Und was kannst du für dich daraus lernen betrachtest du sie unter diesem psychologischen Blickwinkel? Wie stehst du jetzt zu diesen Geschichten? Berühren sie dich noch immer? Oder wurden sie von anderen Geschichten abgelöst? Durch welche? Was haben diese zum Thema, und was bedeutet das für dich?

Archetypen – als kollektive innerpsychische Aspekte

Märchen und Mythen sprechen von symbolischen Gestalten, nicht von gewöhnlichen Menschen. Diese Gestalten werden in der psychologischen Märchendeutung als “Archetypen” bezeichnet. Dabei werden die einzelnen Figuren in Märchen und Mythen als innerpsychische Anteile betrachtet.

Archetypen bewegen sich auf der kollektiven Ebene des Unbewussten und sind universale, zeitlose, zur Idee gewordene Gestaltungen. Sie sind ein „angeborenes Potential von Vorstellungs-, Denk- oder Verhaltensmustern, die sich bei den Menschen aller Zeiten und überall auf der Welt finden“ (Stein 2015: 258). C. G. Jung bezeichnet sie als „archaische Überreste“, die aus dem kollektiven Unbewussten stammen und die Essenz aller Religionen, Mythologien, Legenden und Märchen bilden. Im individuellen Bewusstsein machen sie sich als Träume und Visionen bemerkbar.

Darüber hinaus sind Archetypen keine statischen Muster, sondern dynamische Faktoren, die manchmal umfassende Veränderungen im Leben einleiten, indem sie (innere und äußere) Umstände konstellieren, die zu unserer Wandlung führen – aber nur dann, wenn die Archetypen kein bloßes Bild, sondern emotional aufgeladen sind und uns berühren. C. G. Jung geht davon aus, dass allen größeren inneren und äußeren Wandlungen und menschlichen Impulsen, wie zum Beispiel religiösen Vorstellungen sowie wissenschaftlichen, philosophischen und moralischen Entwicklungen, das Wirken von Archetypen zugrunde liegt. Archetypische Figuren in Märchen und Mythen sind zum Beispiel der Held, der König und die Königin, der Zauberer und die Hexe.

Du kannst auch darauf achten, von welchen Archetypen du dich in Filmen und Büchern angesprochen fühlst! Was macht sie aus? Wie alt sind sie? Welche Eigenschaften verkörpern sie? Was verbindet sie miteinander? Und was wollen sie dir für dein Leben mitgeben? Und dann kannst über eine Imagination oder das dialogische Schreiben mit ihnen in Kontakt gehen. Für das dialogische Schreiben teile ein Blatt Papier in zwei Spalten. In der einen Spalte notierst du deine Fragen, in der zweiten Spalte die Antworten, indem du schreibst ohne nachzudenken. So kannst du einer inneren weisen Frau Fragen zu Lebensentscheidungen stellen. Oder du fragst deinen inneren König, was er zu einer bestimmten Situation zu sagen hat. Ich spreche auf diese Weise auch mit meinem Animus (meinem inneren männlichen Anteil) und meinem inneren Kind, mit verschiedenen Traumfiguren oder Symbolen.

Interessierst du dich näher für dieses Thema, kann ich dir mein eigenes Buch nur wärmstens empfehlen! :-)

Tolkiens “Der Herr der Ringe” psychologisch gedeutet!

buchflyerIn meinem Buch Hin zu Fuß – zurück auf Adlerschwingen – “Der Herr der Ringe” als heldenhafte Selbsterfahrung deute ich Tolkiens Weltbestseller psychologisch als modernen Mythos und Heldengeschichte. Ich beschäftige mich sowohl mit den Reisestationen der Hobbits und den zugehörigen innerspsychischen Entwicklungsthemen als auch mit den Figuren als archetypischen Kräften, die auch in unserer Psyche zu Bewusstsein gelangen wollen. Bewusstwerdung bedeutet in diesem Zusammenhang Ganzwerdung. Der HeldInnenweg beschreibt also auch einen ganzheitlichen Heilungsweg. Auf unserer HeldInnenreise geht es insbesondere um die Begegnung mit dem eigenen Schatten und mit bislang im Verborgenen liegenden inneren Ressourcen.

Die Analytische Psychologie nach C. G. Jung dient als theoretischer Rahmen dieses Buchs. Übungen zur Selbsterfahrung, die überwiegend aus der ganzheitlichen Körperarbeit kommen, begleiten deinen eigenen HeldInnenweg in praktischer Weise.

Neugierig? Dann kannst du hier das Buch direkt bestellen!

Preis: 19,90 € (in Österreich wegen Unterschied in der MwSt. 20,50 €) – Broschiert: 448 Seiten
Verlag: Opus Magnum, 2018
ISBN-13: 978-3-95612-018-3

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Literatur: Franz, Marie-Louise von (1997): Das Weibliche im Märchen. 12. Auflage. Leinfelden-Echterdingen: Bonz.

Stein, Murray (2015): C. G. Jungs Landkarte der Seele. Eine Einführung. 6. Auflage. Ostfildern: Patmos.

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