Synchronizität

Wir sagen Zufall und meinen Synchronizität.
(Andreas Tenzer)

Ich liebe schöne, mit Herzblut gestaltete Sachen. Besonders mag ich zurzeit selbstgestaltete Zitate, auch „handlettering“ genannt. Weil meine Schrift absolut unleserlich ist und gerade weil ich riesige Angst davor habe, melde ich mich zum handlettering-Workshop im Oktober an. Am selben Tag bekomme ich ein handlettering-Übungsbuch geschenkt, ohne dass der Schenker wusste, dass ich mich für den Workshop angemeldet habe. Das kennst du bestimmt auch: Du denkst an einen bestimmten Menschen und im nächsten Augenblick ruft er dich an. Dich lässt eine spezielle Frage nicht los und wie durch Zufall sprechen die Menschen am Nebentisch darüber und geben dir ungefragt eine Antwort. Oder du bestellst eine Pizza und genau an dem Tag gibt es genau für diese Pizza eine Ermäßigung. C. G. Jung nennt diese Erfahrungen „Synchronizität“.

Synchronizität bedeutet „Gleichzeitigkeit“, „Gleichsinnigkeit“ oder „sinngemäße Koinzidenz zweier oder mehrerer Ereignisse“ (Jung 1967/1951: §959). Dieses Phänomen beschreibt das Zusammenfallen von inneren Themen mit äußeren Ereignissen. Zum Beispiel taucht der Wunsch in mir auf zu tanzen. Ohne dass ich mit jemanden darüber spreche, erzählt mir eine Freundin am selben Nachmittag von einer Tanzgruppe, zu der ich mich sofort anmelde, weil es sich stimmig anfühlt. Oder ich komme an meinem Buch-Projekt nicht weiter und finde „zufällig“ auf dem Flohmarkt ein Buch mit genau dem Hinweis, den ich brauche, um weiterschreiben zu können. Auch Shiatsu ist auf diese Art und Weise in mein Leben gekommen (siehe Wie ich zum Shiatsu gekommen bin).

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Foto: Hartwig HKD (CC BY-ND 2.0)

Der Blick auf Synchronizitäten schult den Blick auf Zusammenhänge – und damit auch auf die großen Zusammenhänge des Lebens. C. G. Jung sieht die Ursache von Synchronizitäten nämlich darin, dass es eine von Menschen unabhängige Ordnung gibt, einen transzendentalen Sinn, der für diese Synchronizitäten sorgt. – Etwas, das größer und umfassender, wissender und weiser ist als unser Ich-Bewusstsein. C. G. Jung bezeichnet dies als (kollektives) Unbewusstes. Ang Lee und Theodor Seifert, ebenfalls zwei PsychotherapeutInnen nach C. G. Jung, beschreiben Synchronizitäten als „kleine Erleuchtungen“ (Seifert/Seifert 2011: 13). Uns geht ein Licht auf. Wir erkennen, dass wir in etwas Größeres als nur in unser kleines, vereinzeltes, getrenntes Leben eingebunden sind. Dieses Große Ganze, das in der Analytischen Psychologie als „Selbst“ bezeichnet wird, sorgt für uns und schenkt uns Einblicke in dessen umfassende Weisheit, damit wir wissen, was als nächstes zu tun ist – durch Synchronizitäten. Dadurch finden wir ein Gefühl von Sinn, Geborgenheit und Sicherheit in unserem Leben wieder, das wir vielleicht schon lange vermisst haben. Ganz im Sinne von C. G. Jung:

„Wenn ein archetypisches Feld konstelliert wird und das Muster synchronistisch in der Psyche und in der objektiven, nicht-psychischen Welt auftaucht, dann weiß man auf einmal, was es heißt, im Tao zu sein. Was dem Bewusstsein durch solche Erlebnisse offenbar wird, ist grundlegend, es ist ein Blick in die die [sic!] Letzte Wirklichkeit, soweit Menschen sie überhaupt wahrnehmen können. In die archetypische Welt synchronistischer Ereignisse einzutauchen, fühlt sich an wie ein Leben nach dem Willen Gottes.“
(Stein 2015:  255)

Mir hat dieser Blick, der mir erstmals durch das Buch „Der Weg des Künstlers“ von Julia Cameron begegnet ist, geholfen, mich vom Leben getragen zu fühlen, mich trotz Unsicherheit dem Leben anzuvertrauen und zu wissen, dass für mich gesorgt wird, auch wenn ich nicht alles kontrollieren kann.

Um diesen Blickwinkel zu üben, nimm dir am Ende jeder Woche Zeit und schreibe auf, was für Synchronizitäten du erlebt hast. Worin bestand sie? Was hast du erlebt? Lege eine ganze Schatzkiste an synchronistischen Erfahrungen an. Mit der Zeit wirst du merken, dass sie viel häufiger vorkommen als du glaubst! Wie geht es dir mit dieser Erfahrung? Was löst sie in dir aus? Verändert sich auch, wie bei mir, dein Blick auf die Welt und das Leben?

Synchronizität und Shiatsu

Auch im Shiatsu erlebe ich Synchronizitäten. Zum Beispiel lese ich einen Artikel über Shiatsu und Tinnitus – und zur nächsten Einheit bringt der Klient dieses Thema mit. Oder zwei neue Klientinnen haben das gleiche Thema,  weswegen sie zum Shiatsu kommen (ohne dass dies auf meiner Homepage als Schwerpunkt auftaucht). Oder eine Klientin findet in ihrem Alltag keine Ruhe – und genau während ihrer (und zwar nur während ihrer) Behandlung sind die Nachbarn so laut, dass wieder keine Ruhe entsteht. Synchronizitäten können also Themen klarer machen und intensivieren so den Fokus für die Shiatsu-Behandlung.

Neugierig ? Dann freue ich mich, wenn du dich zu einer Behandlung anmeldest.

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Literatur:

Cameron, Julia (1996): Der Weg des Künstlers. Ein spiritueller Pfad zur Aktivierung unserer Kreativität. München: Knaur.

Jung, C. G. (1967/1951): Über Synchronizität. In: Gesammelte Werke, herausgegeben von Marianne Niehus-Jung u.a., Band 8, Zürich: Rascher, S. 579-591 (§959-§987).

Seifert, Ang Lee/Seifert, Theodor (2011): So ein Zufall! Synchronizität und der Sinn von Zufällen. Stuttgart: opus magnum.

Stein, Murray (2015): C. G. Jungs Landkarte der Seele. Eine Einführung. 6. Auflage. Ostfildern: Patmos.

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Melanie LannerSynchronizität