Urvertrauen

„Wenn man der Natur und anderen Menschen nicht trauen kann,
[kann man] sich selbst nicht trauen.
Wer sich selbst nicht trauen kann, kann nicht einmal dem Misstrauen gegen sich selbst trauen,
so dass man ohne dieses grundsätzliche Vertrauen zum ganzen System der Natur
einfach gelähmt ist.“
(Alan Watts)

„Ich kann nicht vertrauen“ oder „Mir fehlt das Urvertrauen“ höre ich oft in meiner Praxis. Ich kenne dieses Gefühl selbst auch. Und ich merke, dass „Urvertrauen“ ein schwieriges Wort ist. Was bedeutet das? Bedeutet das, anderen Menschen zu vertrauen, unserem gesellschaftlichem System, z.B. dass das Gesundheitssystem und dessen ÄrztInnen für uns sorgen werden, oder vertrauen wir dann uns selbst und unseren Fähigkeiten? Bedeutet Urvertrauen, dass wir damit rechnen, dass es das Leben immer positiv mit uns meint, dass alles „gut wird“ und wir keine Schmerzen erleiden (müssen)? Was bedeutet Urvertrauen für dich?

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Und was bedeutet es, das Urvertrauen zu verlieren oder keines entwickelt zu haben? Das ist vielleicht leichter zu beantworten als die Frage nach dem Urvertrauen an sich. Der Gegenpol zum Vertrauen ist das Misstrauen. Und Misstrauen verbündet sich mit Angst. Oder Angst schafft Misstrauen. Wie auch immer: Misstrauen macht uns eng und hart und starr. Wir glauben dann, dass jederzeit etwas Schlimmer passieren oder uns jemand anderes etwas „Böses“ antun könnte. Wir glauben, alles alleine machen und schaffen zu müssen, weil uns ja doch niemand helfen kann und wir uns sowieso niemanden anvertrauen können. Wir verschließen uns aus Angst vor Verletzungen vor tiefgehenden Beziehungen mit anderen. Und wir versuchen, alles zu kontrollieren. Ich denke, du weißt, wovon ich spreche, denn wir alle kennen hin und wieder, häufiger oder weniger häufig, das Gefühl, nicht zu vertrauen oder nicht vom Vertrauen getragen zu werden.

Urvertrauen geht noch etwas tiefer und hat mit einer Lebenshaltung zu tun, also mit der Haltung, mit der wir dem Leben und seinen Herausforderungen begegnen. Ein gänzlicher Verlust des Urvertrauens hat tiefe seelische Traumata, meist in der frühen Kindheit, als Basis. In der Aufarbeitung dieser Traumata braucht es (meist) psychotherapeutische Begleitung. Doch größtenteils – das ist zumindest meine Erfahrung in der Praxis – haben wir nicht gänzlich unser Urvertrauen verloren, sondern sind verletzt worden und deshalb in manchen Lebensbereichen besonders sensibel und verletzbar. Und dann braucht es neben der Bewusstwerdung und Integration der Verletzung auch eine neue Vorstellung vom Urvertrauen.

Denn zumindest ist es meine Erfahrung, dass der Satz „Ich habe kein Urvertrauen“ schon an sich Unsicherheit, wenn nicht sogar eine weitere Verletzung, auslöst. Deshalb habe ich mich irgendwann gefragt, was Urvertrauen für mich eigentlich bedeutet. Für mich bedeutet es nicht, dass ich allen anderen Menschen vertrauen muss, denn manche haben mein Vertrauen nicht verdient. Es bedeutet auch nicht, dass ich unserem gesellschaftlichen System vertrauen muss, denn ich weiß, sollte es so weitergehen, fahren wir gegen eine Wand. Ich vertraue auch nicht darauf, dass Ärzte und Ärztinnen mich heilen, ohne dass ich selbst etwas dazu beitrage. Ich vertraue auch nicht darauf, dass das Universum oder wer auch immer, all meine Wünsche erfüllt, ohne dass ich selbst etwas dafür tue. Urvertrauen bedeutet für mich aber auch nicht, dass ich alles alleine schaffen muss. Und trotzdem spüre ich ein Vertrauen in meine Fähigkeiten und Kompetenzen, mit den Herausforderungen des Lebens umgehen zu können. Ich glaube nicht, dass alles immer gut gehen wird, sich alles positiv entwickeln und mein Leben schmerzfrei verlaufen wird. Aber ich versuche zu vertrauen, dass ich mit den Schmerzen, die das Leben mit sich bringt, umgehen kann.

Ich fürchte nur eines:
meiner Qual nicht würdig zu sein.
(Fjodor M. Dostojewski)

Und ich vertraue der Verwandlungskraft: Nichts bleibt so, wie es ist. Alles verändert sich stetig. Das Leben fließt. Oder mein wichtigstes Mantra, seitdem ich Mama bin: Auch das geht vorbei.

Urvertrauen ist für mich also etwas – wie soll ich es sagen?!? – irgendwie Nüchternes: Es ist nicht alles gut, und es wird nicht alles positiv enden. Und trotzdem vertraue ich, dass ich wie Dostojewski meine Qual tragen kann und mich meinem Leid würdig erweise. Zumindest bitte ich darum!

Was bedeutet Urvertrauen für dich? Wem vertraust du?

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Der Körper an sich ist für mich auch eine Quelle des Vertrauens. Seit Wochen quält er mich (oder quäle ich nicht eher ihn?!?) mit Kopfschmerzen und so starken Rückenschmerzen, dass ich manchmal nicht mehr stehen und sitzen kann. Natürlich will ich, dass die Schmerzen einfach und so schnell wie möglich weg sind und ich weiter meinen Alltag bewältigen kann. Shiatsu lindert zwar die Symptome für einige Zeit (manchmal Tage, manchmal nur Stunden), aber dann kommen die Schmerzen in gleicher Intensität und Qualität wieder. Ich weiß zwar, dass ich wohl etwas in meinem Alltag und im Umgang mit mir selbst ändern muss, aber ich will nicht. Ich habe jetzt keine Zeit, mich damit auseinanderzusetzen, denke ich mir. Und mache weiter wie immer. Die Schmerzen bleiben – bis es mir einfach irgendwann zu einschränkend und zu intensiv wird und ich schon dauernd platze vor lauter Wut, weil ich jetzt seit Wochen immer Schmerzen habe. Gut, ich höre also auf meinen Körper. Ich setze mich hin, spüre wirklich in meinen Körper hinein, atme und lasse die Schmerzen zu. Ich lasse die Anspannung zu, die Verkrampfung, die Starre, die Enge, die flache Atmung. Ich frage meinen Körper, was er braucht. – Und was er sagt, ist richtig! Ich brauche mehr Pausen, weniger Getriebensein in meinen Erledigungen und eine tiefere Atmung. Gut, das stimmt. Das weiß ich auch. Aber warum setze ich es dann nicht um? Ich setze mich wieder hin, spüre in meinen Körper, spüre das Korsett, das sich um meinen Oberkörper zieht, und schreibe Tagebuch. Und dann erkenne ich, dass noch ein großes Thema darunterliegt, dem ich mich annehmen muss: meiner Rolle als Mama oder, noch klarer, meinen Gefühlen, die ich als Mama spüre. Und durch das Bewusstwerden alleine werden die Symptome leichter. Für einige Stunden sind sie sogar ganz weg. Ich weiß also, ich bin auf dem richtigen Weg. Und ich weiß, was zu tun ist. Mein Körper, die Schmerzen sind also meine Gratmesser, wo ich gerade stehe und was ich brauche. Meinem Körper kann ich vertrauen. Er weiß, was ich brauche, was mir guttut und was ich lieber unterlassen sollte – und wenn ich ihm zuhöre, weiß ich es auch.

Eine Möglichkeit, den Botschaften deines Körpers zu lauschen und ihnen vertrauen zu lernen, ist Shiatsu. Neugierig? Dann freue ich mich, wenn du einen Termin vereinbarst!

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Melanie LannerUrvertrauen