Macht-Ohnmacht

Macht-Ohnmacht ist eine zentrale Polarität in meinem Leben, das heißt, viele meiner Themen finden entlang dieses Erfahrungs-Kontinuums statt. Auch begegnet es mir immer wieder in meiner Praxis. Deshalb will ich hier meine Gedanken und Erfahrungen mit dir teilen.

Macht-Ohnmacht ist mehr als ein Gefühl. Oftmals sind es real erlebte Erfahrungen, wenn Menschen zum Beispiel für das, wer sie sind, oder für ihre Meinungen, Religion, Sexualität etc. verfolgt werden. Auch Kinder sind den Eltern und anderen Bezugspersonen machtlos ausgeliefert. Macht-Ohnmacht hat also eine gesellschaftliche und eine Beziehungskomponente. Doch dies sind nicht die Aspekte, mit denen ich mich hier befassen will, sondern mit einem Gefühl von Ohnmacht, das mir in vielen Gesprächen mit Menschen und in meiner Praxis begegnet: „Ich kann doch nichts an meinem Leben ändern!”, “Was kann ich denn tun?!” und “Es ist halt so.“ Auch ich kenne dieses Ohnmachtsgefühl. Ich glaube auch, dass dies ein systemisch und strukturell erzeugtes Gefühl ist. Ich glaube nur einfach nicht, dass wir alle wirklich machtlos sind! Über manche Dinge und Situationen haben wir Macht, über andere nicht. Darauf, dass und wann wir sterben, haben wir zum Beispiel keinen Einfluss. Doch in unserem Leben haben wir oftmals mehr Gestaltungsmacht als wir selbst glauben. Nämlich dann, wenn wir das, was wir in unserem Leben sowieso tun, nach unseren Vorstellungen gestalten. Dann ist es möglich, an einer neuen Welt zu bauen: der individuellen und der kollektiven.

Das Drama-Dreieck – Heraus aus der Ohnmachtshaltung!

Um einer inneren Ohnmachtshaltung zu begegnen und sie aufzulösen, kannst du dich mit folgender Übung beschäftigen, die sich aus dem Dramadreieck der Transaktionsanalyse ableitet. Dem Dramadreieck liegt die Sichtweise zugrunde, dass die Rollen “Opfer”, “Täter/in” und “Retter/in” in vielen Lebenssituationen „gespielt“ werden und dass alle zu Ohnmacht und Unfreiheit (im Inneren und im Äußeren) führen. Um aus diesen Rollen heraussteigen zu können, ist es wichtig, sie uns bewusst zu machen und die Geschenke, die sich aus ihnen ergeben, anzunehmen. Erst dann können wir frei von ihnen werden. (Darüber hinaus wird in diesem Zugang davon ausgegangen, dass diese drei Rollen oftmals gemeinsam auftreten und sich auch in einer Situationen zwischen zwei oder mehr Menschen wechselseitig verschieben können.)

Um diese Rollen und ihren Geschenken auf die Spur zu kommen, schreibe „Opfer“, „Täter” bzw. „Täterin“ und „Retter” bzw. „Retterin“ jeweils auf einen Zettel. Lege die drei Zettel als Dreieck im Raum verteilt auf. Dann gehe in eine Rolle, die dich gerade am meisten anspricht, indem du dich an den Platz im Raum mit dem jeweiligen Zettel stellst. Spüre, wie es sich anfühlt, diese Rolle auszufüllen. Benenne laut, was du an diesem Platz, das heißt, in dieser Rolle, denkst, fühlst, in deinem Körper wahrnimmst, was dir an Bildern und Erinnerungen, Assoziationen und Symbolen einfällt. Du kannst auch eine Vertrauensperson bitten, dich dabei zu begleiten und das, was du sagst, mitzuschreiben. Nimm wahr, was diese Position in dir auslöst, ohne es zu bewerten!

Dann frage dich, was diese Position für Geschenke für dich bereithält. Was kannst du dir aus dieser Rolle mitnehmen? Was schenkt sie dir? Welche Vorteile verschafft sie dir? Benenne auch dies so konkret wie möglich!

Geschenk

Nimm in einem nächsten Schritt die Geschenke beim Einatmen in dir auf und lasse beim Ausatmen die Rolle los. Spüre diesen wechselseitigen Energiefluss! Einatmen. Ausatmen. Beim Ausatmen lässt du die Rolle mehr und mehr los, während du beim Einatmen ihre Geschenke in dir aufnimmst. […]

Wenn der Energiefluss zur Ruhe gekommen ist, steige bewusst aus der Position heraus, strecke und dehne dich. Schüttle deinen Körper aus. Wenn du magst, kannst du deine Erfahrungen kurz zusammenfassend notieren.

Mache eine Pause – und wenn du dich bereit fühlst, begebe dich in die zweite Position. Gehe wie oben besprochen vor. […] Nimm danach die dritte Position ein und deren Geschenke an. Stelle dich am Schluss in die Mitte des Drama-Dreiecks. Benenne auch hier, was du von dieser Position loslassen und was du einladen willst, z.B. willst du die beklemmende Enge dieser Position loslassen, während du den Schutz und die Geborgenheit weiter mitnehmen willst. Einatmen. Ausatmen. […]

Wenn du bereit bist, trete auch aus dieser Position heraus und nimm dir Zeit, die Erlebnisse zu verarbeiten. Wenn du magst, kannst du dich mit der begleitenden Vertrauensperson austauschen und/oder wichtige Erkenntnisse schriftlich festhalten.

In einem nächsten Schritt geht es darum, diese Erfahrungen in deinem Alltag zu integrieren und anzuwenden. Das bedeutet auch, die Schätze, die sich aus diesen Positionen ergeben, als Geschenk an die Welt einzubringen. Wenn du zum Beispiel gelernt hast, als Retterin Verantwortung für andere zu übernehmen, übernimm sie in einer Weise, die für dich gesund und stimmig ist, z.B. in einem helfenden, begleitenden Beruf, als Mutter oder Vater oder in einem freiwilligen Projekt. Übernimm gleichzeitig Verantwortung für dich, also dafür, was dir guttut und was nicht, wo deine Grenzen liegen und was du gerne und frei geben kannst und willst.

So erwächst aus der Ohnmachtshaltung deine ureigenste Gestaltungsmacht.

zum Umgang mit Gefühlen und Gedanken | Grundlegendes | zum Sinn des Lebens

Melanie LannerMacht-Ohnmacht