Selbstwertanker

Neben der Erdung ist der Selbstwertanker mein wichtigstes “Werkzeug” im Umgang mit mir selbst, vor allem wenn ich meinem Größenselbst bzw. meinem kindlichen Größenwahn (siehe z.B. “Ich muss die ganze Welt retten!”) oder meinem Minderwertigkeitsgefühlen bzw. meinem Minderwertigkeitskomplex begegne. Wie erschaffst du diesen Selbstwertanker?

Selbstwertanker

Nimm eine dir angenehme und bequeme Körperposition ein. Atme tief ein und aus! Rufe dir Situationen in Erinnerung, in denen du völlig entspannt, innerlich ruhig, in deiner Mitte und ganz bei dir warst. Greife eine Situation heraus und lasse dich ganz davon erfüllen. Wie fühlst du dich in deinem Körper? Was hörst, was riechst, was schmeckst du? Was siehst du, wenn du dich umschaust? Wie ist deine Körperhaltung? Wie fließt dein Atem? Lasse diesen Seinszustand so real wie möglich werden!

Nimm eine Körperhaltung ein, die diesen Zustand verkörpert. Vielleicht ist es auch ein Körperbereich, der dich besonders anspricht, oder eine bestimmte Geste. Berühre diese Körperstelle. Mache diese Geste mehrmals. Und/oder nimm diese Körperhaltung ein. Atme tief und voll!

Während du diese Körperstelle berührst, eine bestimmte Körperhaltung einnimmst und/oder eine spezielle Geste machst, greife ein Bild aus den vorherigen Erinnerungen heraus. – Ein Bild, das du besonders gut visualisieren kannst. Visualisiere dieses Bild, während du diese Stimmung verkörperst.

Dann suche nach einem Satz oder einem Wort, der dich an diesen Zustand erinnert.

Sprich das Wort oder den Satz laut aus, während du die Körperstelle berührst, eine bestimmte Körperhaltung einnimmst und/oder eine spezielle Geste machst, und dir das Bild vor dein geistiges Auge holst.

Wenn du diese drei Dinge gleichzeitig machst, hast du einen Selbstwert-Anker erschaffen. Du kannst ihn jederzeit nutzen, um dich in diesen Zustand zu versetzen. Atme tief in deinen Anker hinein; in dem Wissen, dass er umso stärker wird, je häufiger du ihn nutzt.

Spueren

Umgang mit dem Minderwertigkeits- und Größenselbst

Wirst du mit Minderwertigkeitsgefühlen oder Größenphantasien konfrontiert, hilft dir ebenfalls dein Selbstwertanker. Dein Minderwertigkeitsselbst ist deine minderwertigste Vorstellung von dir selbst; dein Größenselbst die Verkörperung deines Größenwahns. Neben einem im Alltag integrierten Selbstwertanker gilt es, diese innerpsychischen Teile kennen zu lernen und sie dir so bewusst zu machen.

Sorge für einen ruhigen, ungestörten Raum. Nimm ein paar kräftige Atemzüge und komme ganz bei dir an. Spüre, wie du deinen Körper gerade wahrnimmst, welche Gedanken und Gefühle auftauchen. Nimm noch ein paar kräftige Atemzüge. Öffne die Augen und nimm wahr, wie du die Welt um dich herum wahrnimmst. Schließe deine Augen wieder und atme noch ein paar Mal tief ein und aus. Versetze dich mit deinem Selbstwertanker in eine entspannte körperliche und dadurch innere Haltung.

Dein Minderwertigkeitsselbst

Dann lasse diese Haltung los und versetze dich in dein Minderwertigkeitsselbst: Schließe die Augen und erinnere dich an Situationen, in denen du dich besonders ungeliebt, mickrig, dumm, hässlich, falsch, abgelehnt, unverstanden und eben minderwertig gefühlt hast. Dazu fällt dir bestimmt etwas ein. Greife eine Situation heraus, die für dich besonders aussagekräftig ist. Führe sie dir vor Augen! Lasse dich ganz von ihr durchdringen!

Dann nimm wahr, wie sich diese Situation und Haltung in deinem Körper ausdrückt. Welche Haltung nimmst du ein? Wie fühlen sich dein Kopf, dein Hals, dein Nacken, deine Schultern, dein Rücken und dein Oberkörper an? Wie nimmst du deine Arme und Hände wahr? Was spürst du in deinem Bauch und Becken? Was tun deine Beine und Füße in dieser Situation?

Nimm auch deine Umgebung wahr. Was siehst du? Was schmeckst, fühlst, riechst und hörst du? Welche Kleidung trägst du? Und was tust du? Was sagst du? Welche Menschen sind um dich und was tun sie? Welche Gedanken gehen dir durch den Kopf? Und welche Emotionen hast du? Nimm alles wahr, ohne es zu bewerten!

Das ist dein Minderwertigkeitsselbst. Das bist nicht DU! Dennoch ist es wichtig, diesem Teil von dir zu begegnen und dir bewusst zu machen. Erst so kannst du ihn auch in deinem Alltag erkennen und einordnen. Er verliert durch das Bewusstwerden die Macht über dich.  

Nachdem du dein Minderwertigkeitsselbst gut gespürt und kennen gelernt hast, lasse es los und gehe zurück in deinen Selbstwertanker. Bleibe dort solange, bis du dich wieder innerlich stabil und gefestigt fühlst.

Danach nimm dir Zeit, deine Erlebnisse und Erfahrungen zu verarbeiten und aufzuschreiben.

Wenn du spürst, dass du dein Minderwertigkeitsselbst nicht mehr loslassen kannst oder in diesem Prozess auf traumatische Erlebnisse und Themen stößt, mit denen du alleine nicht umgehen kannst, wende dich bitte an einen erfahrenen Psychotherapeut oder an eine erfahrende Psychotherapeutin!

Schatten

Dein Größenselbst

Nach einer Pause ankere wieder in deinem Selbstwert. Komme zur Ruhe und nehme deinen Körper wahr. Dann gehe wie in der Begegnung mit deinem Minderwertigkeitsselbst vor: Lasse die Haltung los und hole dir das aufgeblasenste, überzogenste Bild von dir vor dein inneres Auge, das du dir überhaupt vorstellen kannst. Die Kaiserin von Österreich ist noch zu wenig ;-) Lasse deinem Größenwahn freien Lauf und zensiere dich nicht!

Achte auf alle Details! Welche Kleidung trägst du? In welcher Situation befindest du dich? Was tust du, was sagst du? Sind Menschen in deiner Nähe? Und wie reagieren sie auf dich? Wie sieht dein Körper aus? Wie fühlst du dich in ihm? Welche Gedanken gehen dir durch den Kopf? Welche Gefühle tauchen auf? Nimm alles wahr! Öffne auch kurz die Augen und achte darauf, wie du aus diesem Zustand heraus deine Umgebung wahrnimmst. Schließe deine Augen wieder. Und lasse dir Zeit, dich in diesem Zustand wahrzunehmen. Das ist dein Größenselbst.

Dann lasse dein Größenselbst mit einem kräftigen Ausatmen wieder gehen. Das bist nicht DU! Atme kräftig ein und aus. Schüttle dich, schüttle dein Größenselbst ganz von dir ab! Atme tief ein und aus. Dann ankere wieder in deinem Selbstwert.

Nimm dir Zeit, deine Erkenntnisse zu verarbeiten. Am besten schreibst sie auf oder teilst sie einer Vertrauensperson mit.

Es ist gut, die eigenen Schwachpunkte zu kennen – in diesem Fall dein völlig überzogenes Größenselbst. Dann kann es dich nicht unbewusst “überfallen”. Du weißt, mit wem du es zu tun hast. Dann kannst du Verantwortung dafür übernehmen und wirst nicht von deinem Größenwahn kontrolliert.

Begegnen dir dein Minderwertigkeits- oder Größenselbst im Alltag, kannst du den Selbstwertanker einsetzen, um wieder in deiner Mitte anzukommen.

______

Aus: Starhawk/Valentine, Hilary (2001): Die zwölf wilden Schwäne. Eine Reise ins Reich der Magie. Rituale – Übungen – Ausbildung. Freiburg i. Breisgau: Bauer, S. 94.

zur Erdung |  Selbsterfahrung | zum Umgang mit Gefühlen und Gedanken

Melanie LannerSelbstwertanker