Über das Wollen

Zielen und Wünschen liegt die Kraft des Wollens zugrunde. Über diese habe ich vor allem in Thor Heyerdahls Buch “Kon-Tiki. Ein Floß treibt über den Pazifik” gelernt.

Thor Heyerdahl, ein norwegischer Forschungsreisender, Archäologe, Anthropologe, Ethnologe und Umweltaktivist, segelt 1947 mit einer sechsköpfigen Mannschaft auf Balsaholzflößen 7.000 Kilometer von Peru nach Polynesien und beweist so, dass eine Besiedelung der pazifischen Inseln durch Balsaholzflöße von Südamerika aus und damit durch die indigene Bevölkerung Perus vor der Zeit der Inkas möglich ist.* Um sein Ziel zu erreichen, muss er viele Widerstände überwinden und Herausforderungen meistern – und ich lerne etwas über die Kraft des Wollens.

Die Kraft des Wollens

Zum Einen lerne ich, nicht sofort bei (größeren oder auch schon kleineren) Widerständen aufzugeben, sondern zu vertrauen, dass es immer noch andere Wege und Möglichkeiten gibt. Zum Anderen wird mir bewusst, dass diese Widerstände auch Prüfsteine für mein Wollen sind. Will ich das, was ich tue, wirklich? Lohnt sich der Einsatz? Lohnt sich der Preis, der zu zahlen, das Opfer, das zu geben ist?

DSCN1279

auf 3.000 m in Nepal – die letzten Meter kriechen wir im Dunkeln auf allen Vieren

Ich kenne dieses Wollen, das bereit ist, Widerstände zu überwinden. Während meiner Studienzeit habe ich mich entwicklungspolitisch engagiert und eine eigene Gruppe welt:fairrückt gegründet und geleitet. Ich habe mein Angst überwunden und vor 200 Leuten gesprochen. Ich habe es geschafft, finanzielle Ressourcen für unsere Veranstaltungen und Aktionen zu beschaffen, obwohl ich anfangs keine Ahnung hatte, wie das geht. Ich habe an meinem Weg festgehalten, obwohl meine Familie das für Unsinn – weil unbezahlt – gehalten hat. Ich bin inneren und äußeren Widerständen begegnet, weil ich unbedingt etwas zu mehr Gerechtigkeit in der Welt beitragen wollte. Auch die Shiatsu-Ausbildung hat meinen Willen auf mehreren Ebenen herausgefordert. Oft – auch wenn es rational schwer nachvollziehbar ist – hatte ich das Gefühl, wie eine Kuh zur Schlachtbank geführt zu werden, wenn ich mich auf den Weg zur Ausbildung gemacht habe. Trotzdem habe ich die Ausbildung abgeschlossen – weil ich es wollte. Auch jetzt im Mamasein spüre ich wieder diesen grenzüberschreitenden Willen: Ich will das Beste für meine Tochter. Und das heißt oft, meine eigenen Bedürfnisse hintenanzustellen, jedoch nicht weil es muss (auch wenn es sich manchmal so anfühlt), sondern weil ich es will, weil ich will, dass sie es gut hat. Im Umgang mit mir selbst begegnet mir wieder mein Wille: Ich will ehrlich zu mir selbst sein und keine Lügen leben. Das ist manchmal schmerzhaft, weil ich unangenehme Seiten an mir entdecke, die ich lieber nicht sehen würde, weil ich Des-Illusionierungen und Ent-Täuschungen erfahre, danach jedoch klarer sehe, und weil es oft meinen ganzen Mut braucht, um das, was ich erkannt habe, auch umzusetzen. So unterschiedlich der Inhalt des Wollens also ist, ist es doch dieselbe Kraft. – Eine Kraft, die uns antreibt und Widerstände als zu meisternde Herausforderungen zu betrachten vermag.

Was willst du? – Und bist du bereit, den Preis zu zahlen? Das Opfer zur bringen? Deine Kraft wirklich einzusetzen?

Und ich lerne, dass es auch in Ordnung ist, „nein“ zu sagen. Wenn die Widerstände so groß sind, will ich es nicht (mehr). Dann ist es aber auch nicht so wichtig. Und ich kann es abhaken und loslassen – und dadurch weitergehen.

„Wer a sagt, der muss nicht b sagen. Er kann auch erkennen, dass a falsch war.“
(Berthold Brecht)

Wenn ich mich den – inneren wie äußeren – Widerständen stelle, kann ich also erkennen, wie sehr ich wirklich etwas will, wie stark mein Wille ist und inwiefern mein Wollen wirklich aus mir selbst heraus kommt. Dies knüpft an eine weitere Frage an:

Woher kommt das Wollen?

Warum tue ich das, was ich tue? Will ich es wirklich? Und wenn ich es will, woher kommt der Wille? Was will ich damit bezwecken? Was ist meine Motivation? Da heißt es manchmal, ganz schön ehrlich mit mir selbst zu sein. Agiere ich aus Angst, Geltungsdrang, weil ich gefallen und geliebt werden will und/oder __________ [bitte einsetzen] oder wirklich aus meinem ureigenen Willen? Denn nur wenn es mein wirklicher Wille ist, entfaltet er seine Kraft – und Widerstände können überwunden werden. Ja, dann kann im Widerstand gegen den Widerstand sogar Kraft geschöpft werden. – Und eine Floßfahrt über den Ozean wird möglich.

Literatur: Heyerdahl, Thor (1949): Kon-Tiki. Ein Floß treibt über den Pazifik. Wien: Ullstein.

___

*) Ob die Besiedlung wirklich aus Peru stattgefunden hat, ist fraglich und wissenschaftlich umstritten. Doch diese Diskussion ist hier nicht unser Thema, sondern was ich aus Thor Heyerdahls unterhaltsamer Erzählung seiner Reise gelernt habe.

zum Raum schaffen | Selbstbegegnung | zum Ziele finden

Melanie LannerÜber das Wollen