Stress lass nach!

Melanie Lanner Selbstbegegnung

Eigentlich wollte ich den Blogartikel schon viel früher schreiben. Eigentlich wollte ich auch mein Buch längst überarbeitet haben. Eigentlich wollte ich die Vorweihnachtszeit dieses Jahr wirklich genießen und mich nicht von dem allgemeinen und meinem eigenen Stress (zum Jahresende) anstecken lassen. Bei so viel „eigentlich“ zeigt sich schon, dass ich meinen eigenen Wünschen und Ansprüchen nicht entsprochen habe und nicht entspreche. Doch zumindest aus meinem selbstgemachten Stress habe ich einen Ausweg gefunden. Zum Einen habe ich erkannt, dass es eigentlich – und da ist schon wieder dieses Wort :-)um nichts geht, dass es nicht schlimm ist, wenn ich manches nicht schaffe, und dass auch nicht mein ganzes Selbstbild in Frage gestellt werden muss, wenn ich meinen eigenen Ansprüchen nicht genüge.

Zum Anderen habe ich mir bewusst gemacht, was Stress für mich ist. Schnell sagen wir ja „Ich stehe unter Stress“, „Ich bin gestresst“, „es ist gerade eine stressige Zeit“… Aber was bedeutet das eigentlich? Ich habe für mich erkannt, dass ich nicht durch viele Aufgaben gestresst bin, sondern dadurch, dass ich nicht im Moment bleibe, also immer schon drei Schritte vorausdenke. Dann bin ich weder mit meinen Gedanken präsent bei dem, was ich gerade mache, noch präsent in meinem Körper. Vielmehr habe ich das Gefühl, dass ich meinen Körper vorwärtspeitsche, damit er meinem Geist folgen kann, der eben immer schon drei Schritte weiter weg ist. So treibe ich mich an, verspanne mich im ganzen Körper und kann den Augenblick gar nicht mehr wahrnehmen. Ich fahre meine Sinne herunter, esse nicht in Ruhe, mache einfach gar nichts in Ruhe. Ich ziehe mich „noch schnell“ an, erledige noch „schnell“ etwas zwischendurch, bevor ich gehe. Wenn ich meine Tochter von der Tagesmutter abhole, „habe ich keine Zeit“, dass sie beim Heimkommen zehn Minuten im Garten spielt. Ich „muss“ ja noch fertig kochen. Das vermeintliche „Müssen”, „keine Zeit zu haben“ und immer mit dem Kopf vorauszudenken erzeugen meinen Stress. Das ist (mein) Stress.

Esel

Foto: Jürgen Schiller García (CC BY 2.0)

Als ich das erkannt habe, konnte ich wieder mehr im Augenblick ankommen. Dafür versuche ich, ganz bei dem zu bleiben, was in dem Moment ansteht. Gerade schreibe ich meinen Newsletter. Ich denke nicht daran, dass das Bett noch bezogen werden muss, dass wir in zwanzig Minuten bei unserer Nachbarin eingeladen sind und dass ich eigentlich schon längst eine Email beantworten müsste. Was bringt das auch? Ich kann sowieso nur eines davon machen. Also heißt es, Prioritäten zu setzen und dann bei dem zu bleiben, wofür ich mich entschieden habe.

Auch die Atmung hilft mir, im Moment anzukommen. Vor allem das Ausatmen. Denn wenn ich gestresst bin, atme ich nicht mehr aus. Also bewusst ausatmen! Das Einatmen kommt dann ganz von alleine.

Dann sind noch meine Sinneswahrnehmungen, die mich mit dem gegenwärtigen Augenblick verbinden. Wenn ich jetzt also auf meine Tochter warte, bevor wir gemeinsam mit dem Fahrrad nach Hause fahren, öffne ich meine Sinne für das, was mich umgibt. Ich spüre den Boden unter meinen Füßen, erfreue ich mich an den täglich wechselnden Farben der Mur (dem Fluss durch Graz), höre ich mit den Ohren meiner Tochter die Krähen, die deren Krächzen so gerne imitiert. Auch das Essen schmeckt mir wieder viel besser, wenn ich es nicht einfach nur zur Nahrungszufuhr hinunterschlinge. Und einmal an einem Föhn-Tag habe ich sogar die Wüstenluft gerochen. Was nimmst du gerade in diesem Moment wahr?

Durch das Ankommen im Augenblick hat mein Stress merklich nachgelassen. Und zu meiner Verwunderung schaffe ich es, genauso viele Aufgabe zu bewältigen, wie zuvor. Nur habe ich jetzt das Gefühl, die Welle zu reiten, und nicht mehr von ihr davongespült zu werden. Meine Verspannungen haben merklich nachgelassen und die Migräne, die mich zum Umdenken und Andershandeln aufgefordert hat, ist auch wieder verschwunden.

Jetzt kann ich also hoffentlich doch noch die letzte Woche vor Weihnachten genießen und besinnlich(er) begehen!

Und das wünsche ich auch dir: Eine besinnliche, genussvolle, stressfreie Vorweihnachtszeit, erholsame Feiertage und einen Jahreswechsel, der dich an all das erinnert, was für dich wirklich wesentlich ist.

Melanie LannerStress lass nach!