Wie zeigen sich psychische Themen im Körper?

Melanie Lanner Shiatsu

„In jedem Yin liegt der Keim des Yang,
in jeder Schwäche ist auch ihr Potential enthalten,
das sie in eine Stärke umzuwandeln vermag.“
(Joachim Schrievers)

Im letzten Blog-Artikel bin ich auf die Begriffe „Ich“ und „Selbst“ von C. G. Jung eingegangen. Jetzt beschäftige ich mich damit, wie sich psychische Themen im Körper zeigen (können).

Die Polarität von Anspannung und Entspannung ist im Shiatsu von zentraler Bedeutung. Anspannungen, die keine physischen Ursachen haben, sind mehr als bloße Muskelverkrampfungen, die zum Beispiel durch eine „schlechte Haltung“ entstehen. Vielmehr deuten Spannungen an, dass wir versuchen, uns unbewusst vor Erfahrungen, Gefühlen, Erinnerungen oder Anderem, das uns unangenehm ist, zu schützen. Werden im Shiatsu die Spannungen gelöst, löst sich auch dieser Schutz auf und zuvor unbewusste Themen kommen an die Oberfläche und ins Bewusstsein. Gleichzeitig erlangen wir mehr Flexibilität in unserem Verhalten, Denken und Fühlen, sobald unser Körper die Anspannung loslässt und dadurch durchlässiger, weicher, offener wird.

Auch Erschlaffung und Gefühllosigkeit in manchen Körperbereichen oder im ganzen Körper sind ein wichtiger Hinweis auf abgespaltene Gefühle und ungelebte Persönlichkeitsanteile. Oft begegnen sie mir in der Praxis nach physischen und emotionalen Traumata. Nach der Geburt unserer Tochter hatte ich zum Beispiel einen Bereich in der Hüfte nur noch ganz schwammig, wie durch Watte wahrgenommen. Im Shiatsu habe ich die Stelle nicht wirklich gespürt, also nicht so, als würde sie direkt berührt werden können, sondern nur über eine Schutzschicht. Das war auffällig für mich. Deshalb habe ich mich mit meiner Shiatsu-Praktikerin auf diesen Bereich fokussiert und ihn mit Berührungen und Achtsamkeit eingeladen, sich wieder mit dem restlichen Körper zu verbinden und die Watteschutzschicht loszulassen. Begleitet durch Atmung und Aufmerksamkeit ist uns dies gelungen. Darüber bin ich sehr dankbar, vor allem auch, weil ich weiß, dass aus diesen subtilen Körperbotschaften, wenn sie länger nicht beachtet und nicht in den ganzen Körper integriert werden, manifeste körperliche Beschwerden – wie in meinem Fall zum Beispiel Hüftschmerzen – entstehen können.

Der Körper wird also nicht nur durch Erfahrungen in der physischen Welt geprägt (wie zum Beispiel durch das Essen, das wir zu uns nehmen, die Luft, die wir atmen und wie wir uns bewegen), sondern speichert auch Emotionen und Erfahrungen. Dieses Körpergedächtnis wird über Shiatsu angesprochen. Über den Körper können daher auch emotionale und mentale Blockaden angesprochen und befreit werden.

Aufbruch

Wunde Punkte sind dabei oft die, von denen Veränderungen ausgehen, denn viele Beschwerden resultieren aus den Abwehr- und Schutzmechanismen, die wir entwickelt haben, um die wunden Punkte nicht zu spüren und nicht an ihnen berührt zu werden. Werden diese oft unbewussten Mechanismen über die Körperarbeit gelockert, kann Veränderung entstehen – in unserem Leben als ganzer Mensch.

Dafür kannst du dir selbst die Frage stellen, was sich in deinem Leben ändern würde, wenn du dich so entspannt/gelöst/beweglich/energiegeladen/kräftig/ _________________ [bitte einsetzen] fühlst, wie nach einer Shiatsu-Behandlung, in einer Meditation, in einer für dich angenehmen Bewegung oder in einer anderen Situation, in der du dich selbst gut spüren kannst. Was ändert sich durch die veränderte Körperwahrnehmung in dir als ganzer Mensch? Wie würde sich dein Leben ändern, wenn du ihm in einer solchen Haltung begegnest?

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Foto: Lolowaro974(CC BY 2.0)

Unser Schatten

Verdrängte Aspekte unserer selbst bezeichnet C. G. Jung als unseren „Schatten“. Diesen können wir neben der Körperarbeit auch durch unsere Projektionen auf andere auf die Spur kommen: Wer regt dich so richtig auf? Und warum? Über wen ärgerst du dich immer wieder? Und worüber genau? – Und: Was hat das mit dir zu tun? Lebt die Person Aspekte aus, die du dir verwehrst? Zeigt sie dir etwas auf, was du an dir selbst nicht wahrhaben willst?

Diese projizierten Anteile zu sich selbst zurückzunehmen und für sie Verantwortung zu übernehmen, ist ein Weg zur Ganzwerdung und damit zur Heilung.

„Nicht Licht und Schatten vereinigen sich dabei in einem verwaschenen Halbdunkel,
sondern wir erfahren eine Qualität, die von Licht und Schatten nicht berührt wird, den Berg.
Voraussetzung für diese Umwandlung ist, dass wir die in unseren Blockierungen und Problemen steckende Kraft nicht ablehnen und bekämpfen, sondern beginnen, mit ihr zu ‚arbeiten‘, beziehungsweise zu spielen.“
(Joachim Schrievers)

Fuji

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