Wu wei – die Lebenskunst des Daoismus

Melanie Lanner Shiatsu

„Wu-wei bedeutet, nicht selbst handeln zu wollen,
sondern eben der erwähnten Autorität das Handeln, die Entscheidungen zu überlassen.
Gekoppelt mit dieser Bereitschaft,
selber weitgehend die Hand vom Steuer unseres Lebens zu nehmen,
ist die Notwendigkeit, unsere Sinne in immer größerem Maße der Gegenwart zuzuwenden.
Im gleichen Maße, wie wir – statt ständig in Gedanken über Vergangenheit und Zukunft zu kreisen –
unseren Alltag beobachten, ihm unsere Aufmerksamkeit voll zuwenden,
werden sich unser ganzes Leben und unsere Sicht darauf verändern.“
(Fischer 2001: S. 21)

Dass Shiatsu mehr ist als „nur“ die Behandlung auf der Matte, ist mir schon länger bewusst. Für mich ist Shiatsu vor allem auch ein Lebensweg und eine besondere Weltsicht, in welcher alles miteinander verbunden ist: Körper, Geist, Psyche und Seele sowie der Mensch mit dem, was ihn umgibt: die Natur, andere Lebewesen, andere Menschen… Alles ist verbunden, nichts ist getrennt. Shiatsu hat also auch eine spirituelle Komponente, was jedoch nicht heißt, abgehoben zu sein oder sich in einer Religion zu verfestigen. Vielmehr geht es um die Ganzheitlichkeit des Lebens.

Ausgehend von meiner Erfahrung habe ich Lust bekommen, mich tiefergehend mit den Theorien bzw. Weltsichten, die dem Shiatsu zugrundeliegen, zu beschäftigen: dem Taoismus/Daoismus* und dem Zen-Buddhismus. Auf meinem Blog habe ich bereits in Kürze zusammengefasst, was den Daoismus ausmacht und bin insbesondere auf seine Konzepte von YIN und YANG sowie auf die Fünf Elemente eingegangen, die für den praktischen Teil von Shiatsu (also für die Shiatsu-Behandlung) von besonderer Bedeutung sind. Jetzt möchte ich ein bisschen mehr in die Tiefe der Theorie gehen, die mein Herz so tief berührt. Im Besonderen werde ich mich mit dem praktischen Aspekt dieser Theorie beschäftigen, die Theo Fischer als „Lebenskunst des Tao“ bezeichnet hat: mit Wu wei.

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Foto: DaiLuo (CC BY 2.0)

Der Begriff des Wu wei ist mir schon vor Jahren durch einen Bekannten begegnet. Wu wei wird häufig mit „Nicht-Handeln“, „Nicht-Eingreifen“ übersetzt. Da ich seinen Zugang jedoch als Ausrede empfunden habe, sich auf die faule Haut zu legen, keine Entscheidungen zu treffen und in seinem Leben zu versumpfen, habe ich mich damals nicht näher damit beschäftigt. Doch ganz losgelassen hat es mich nicht, vor allem weil ich mich davon angesprochen gefühlt habe, meinem Kontrollbedürfnis etwas entgegen setzen zu können, eben Wu wei: Handeln durch Nicht-Eingreifen, durch Geschehenlassen, denn Wu wei „ist die Fähigkeit, das Steuer des Lebens jener Macht zu überlassen, die eine Dimension von uns selbst ist und die Laotse einst das Tao genannt hat“ (Fischer 2001: S. 7).

Wahrnehmen – Beobachten – Aufmerksamkeit

Mir gefällt insbesondere der in dem Buch vorgestellte Zugang, über ein Problem – welcher Art auch immer – nicht nachzugrübeln, es zu analysieren und nach einer Lösung zu suchen, es aber auch nicht zu verdrängen und die Verantwortung abzugeben, sondern das Problem genau anzusehen (was ja an sich schon oft ein schmerzhafter Prozess ist) und die Lösung dem Tao (ich würde es LEBEN nennen) zu überlassen. Wenn dann ein direktes Eingreifen meinerseits zur Lösung des Problems erforderlich ist, wird meine Intuition eingreifen und mir klare, zweifelsfreie Anweisungen erteilen.

„Sorgen macht sich der Mensch des Tao keine, weil er Probleme sofort nach ihrem Auftauchen seine Aufmerksamkeit zuwendet, statt sie zu verdrängen und ihnen so die Möglichkeit zu geben, dass sie einen andauernden unterschwelligen Druck ausüben. […] Herausforderungen, wie sie auch beschaffen sein mögen, stellen dann keine Bedrohung des inneren Friedens mehr dar, sondern werden als das angesehen, was sie in Wirklichkeit eben sind, Herausforderungen an die uns innewohnenden Möglichkeiten. Und diese Möglichkeiten sind niemals schwächer oder geringer als der Druck, der von außen an uns herantritt.“ (Fischer 2001: S. 59)

Wenn ich es aus dieser Perspektive betrachte, habe ich die meisten Probleme meines Lebens auf diese Art und Weise gelöst – und nicht, indem ich mich unter Druck gesetzt habe und zwanghaft versucht habe, (mit dem Verstand) eine Lösung zu finden. Und du?

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Interessant finde ich hierbei auch den Aspekt, Probleme sofort nach dem Auftauchen zu betrachten, uns also den Keimen einer problematischen Situation direkt zuzuwenden und sie – bildlich gesprochen – auszureißen, bevor sie schon feste Wurzeln und Blüten gebildet haben. Diesen Aspekt im Umgang mit inneren und äußeren Konflikten unterstreicht auch die Jungianische Psychoanalytikerin Marie-Louise von Franz. Dringen wir in die Tiefen der geheimen, leisen Wirkungen jener Keime ein und bringen Bewusstsein in jene Keimtriebe, die aus dem Hintergrund wirkt, können unmögliche Situationen entwirrt und neue Möglichkeiten eröffnet werden (vgl. von Franz 1997: S. 159 und S. 161). Dafür braucht es „nur“ den Mut der aufrichtigen Aufmerksamkeit. Also: Was schwelt in dir? Um welche Keime musst du dich kümmern? Welche Probleme kannst du an der Wurzel packen?

Verbunden mit etwas Größerem

Edward Slingerland (ein US-amerikanischer Sinologe und Kognitionswissenschaftler) bezeichnet Wu wei als “müheloses, spontanes Handeln” und hebt hervor, dass Wu wei die Erfahrung der Verbundenheit mit etwas Größerem voraussetzt.

„Bei uns wird Spontaneität normalerweise mit Individualität assoziiert – man tut einfach, was man will. Wu wei hingegen bedeutet, zu einem Teil von etwas Größerem zu werden, der kosmischen Ordnung, für die das Dao steht.“ (Slingerland 2014: S. 58-59)

Diese Verbindung zu etwas Größerem können wir auch als Gerüst aus Werten bezeichnen. Dich kann hierbei die Frage leiten: „Inwieweit entspricht das, womit du dich gerade beschäftigst, dem, wer du bist und was dir am Herzen liegt?“

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(*) Taoismus und Daoismus bzw. Tao und Dao meinen dasselbe, sind nur verschiedene übersetzte Schreibweisen aus dem Chinesischen.

Literatur: Fischer, Theo (2001): Wu Wei. Die Lebenskunst des Tao. 14. Auflage. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt.

Franz, Marie-Louise von (1997): Das Weibliche im Märchen. 12. Auflage. Leinfelden-Echterdingen: Bonz.

Slingerland, Edward (2014): Wie wir mehr erreichen, wenn wir weniger wollen. Das Wu-Wei-Prinzip. Berlin: Berlin-Verlag.

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