Wie ich zum Shiatsu gekommen bin

Zum Shiatsu bin ich durch Zufall gekommen – wenn man denn an Zufälle glaubt…

Ich hatte gerade mein erstes Studium (der Soziologie) abgeschlossen und saß an meiner Doktorarbeit. Ich war erfolgreich auf der Uni, habe ein Forschungsstipendium und viel Anerkennung bekommen. Ein akademischer Weg war wie vorgezeichnet.

Für meine Doktorarbeit bin ich für drei Monate nach Nepal gereist, um dort zu forschen und an einem Entwicklungszusammenarbeitsprojekt zum Fairen Handel und zur Permakultur zu arbeiten. Ich glaube, dieser Aufenthalt hat mich mehr geprägt, als ich es anfangs vermutet habe. Oder sagen wir es anders: Er hat mich auf Ebenen geprägt, von denen ich erst später etwas geahnt habe. Denn dass mich die Zeit in Nepal geprägt und tief bewegt hat, stand immer außer Frage. Die Zeit in Nepal hat etwas Verdrängtes und Verborgenes in mir an die Oberfläche gebracht, eine Sehnsucht, die anfangs noch vage war, dann immer konkreter geworden ist: Wenn ich es aller Kürze formulieren sollte, habe ich mich nach mir selbst gesehnt. – Nach meinem ganzen Selbst, das in den Jahren auf der Uni immer einseitiger, in Richtung meines Verstandes, geworden ist. In Nepal habe ich meine Sehnsucht nach Kreativität, Spiritualität, Lebendigkeit und meinem Körper wiedergefunden.

Mein Weg

Foto: Isabel Egger

Dann bin ich nach Graz zurückgekommen – und erst auch einmal in meine alten Strukturen: meine Arbeit im Weltladen, das entwicklungspolitische Engagement und in meinen akademischen Weg auf der Uni. Doch immer lauter ist die Stimme geworden, die meinte, dass mir etwas fehlt… Ich wollte nicht nur in meinem Kopf leben, sondern auch verbunden mit meinem Herz, meiner Seele und meinem Körper meine ganze Lebendigkeit ausschöpfen.

Ich habe angefangen zu suchen – nach etwas, von dem ich anfangs nicht einmal wusste, was es ist. Ich wusste nur, irgendetwas Bedeutendes fehlt… Mit der Zeit ist es konkreter geworden: Ich will mit Menschen arbeiten. Und ich will mich selbst wieder in meiner Ganzheit spüren.

Vielleicht hat auch alles mit dem Tanzen begonnen, das mich seit 2004 – wie ein roter Faden – begleitet. Zumindest ist das Tanzen beziehungsweise das Mich-Selbst-Im-Tanz-Erfahren auch ein wichtiger Puzzlestein, wie ich dazu gekommen bin, dass ich eine ganzheitliche Körperarbeit erlernen will. Erst dachte ich nämlich, ich würde gerne Tanztherapeutin werden und habe die Ausbildung begonnen (und als Tanz- und Ausdruckspädagogin auch erfolgreich abgeschlossen). Doch während der Ausbildung ist mir bewusst geworden, dass Tanzen nicht mein erstes, natürliches Ausdrucksmedium ist, sondern das Schreiben, die Worte…

Trotzdem wollte ich meine Körpererfahrung vertiefen. Ich habe nach etwas gesucht, das sich weniger mit dem Körperausdruck als der Körperwahrnehmung und der Berührung beschäftigt. Wie ich zu dieser Erkenntnis gelangt bin, kann ich nicht genau sagen. Ich glaube, das war meine Intuition, die zu mir gesprochen hat. Ich habe auf sie gehört und wieder begonnen zu suchen…

… Und dann habe ich zufällig einen alten Bekannten von mir in einem Cafe wiedergetroffen, den ich jahrelang davor nicht getroffen hatte. Er meinte, er würde gerade die Shiatsu-Ausbildung machen und „Versuchskaninchen“ suchen. Ich habe ihm sofort zugesagt. Und Shiatsu war (und ist) herrlich für mich!

Lange habe ich gebraucht, um zu erkennen, dass das eigentlich das ist, was ich auch suche. Vorerst habe ich die Behandlungen einfach genossen. – Und sie haben Wirkung gezeigt, was mich tief beeindruckt und bewegt hat! Irgendwie ist es mir dann wie ein Blitz eingeschossen: Das ist ja das, was ich suche. Das will ich auch machen! Das will ich auch lernen.

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Foto: Isabel Egger

Ich habe mich zum Schnupperabend der Shiatsu-Schule Shiatsu-Zentrum Süd angemeldet, der noch in derselben Woche stattgefunden hat. Zwei Wochen später saß ich schon in der Ausbildung. Und das obwohl alle rationalen Argumente dagegen gesprochen haben: Mit meinem Studium, meiner Arbeit, mehreren Zusatzjobs, meinem entwicklungspolitischen Engagement und der Ausbildung zur Tanzpädagogin war ich eigentlich mehr als ausgelastet. Aber irgendwie „musste“ es sein – und zwar JETZT!

Drei Jahre später (so lange dauert die Shiatsu-Ausbildung) stand ich ganz woanders in meinem Leben: Ich habe mein Doktoratsstudium abgebrochen und, damit die Arbeit nicht „umsonst“ war, ein zweites Master-Studium daraus gemacht, nämlich das der Interdisziplinären Geschlechterforschung. Dieses habe ich ebenfalls mit Auszeichnung abgeschlossen. Ich hatte mich von meinem langjährigen Freund getrennt und mich frisch verliebt. Ich habe meinen Job im Weltladen gekündigt, mein entwicklungspolitisches Engagement beendet, eine Psychotherapie begonnen (die mich vier Jahre lang intensiv beschäftigen sollte), meinen Freundeskreis umgestaltet, angefangen zu schreiben und mich vor allem viel, viel, viel mit mir selbst beschäftigt.

Nach Abschluss meines zweiten Studiums war ich „arbeitslos“ (ich mag dieses Wort noch immer nicht!), habe viele Bewerbungen geschrieben, aber irgendwie hat sich nichts ergeben. Und dann war ich „plötzlich“ mit der Shiatsu-Ausbildung fertig, bin ins kalte Wasser gesprungen und habe mich selbständig gemacht. Geholfen hat mir die Sichtweise eines Experten, der meinte, dass es immer ein Sprung ins kalte Wasser ist. Wahrscheinlich war auch der Druck der Arbeitslosigkeit wichtig für mich, um diesen Schritt zu wagen.

Seitdem glaube ich an die Kraft von „Zufällen“… denn Shiatsu ist mir zu-gefallen, und ich habe die Möglichkeit ergriffen.

 

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Melanie LannerWie ich zum Shiatsu gekommen bin