Corona als Aufforderung zu Toleranz und Mitgefühl – mit sich selbst und anderen

Melanie Lanner Selbstbegegnung

Corona, aus einem weiteren oder tieferen Blick betrachtet, bringt das an die Oberfläche, was vorher schon da war – persönlich und gesellschaftlich.

Das merke ich auch in meiner Shiatsu-Praxis: Eine Klientin von mir sehnt sich seit langem nach einer Partnerschaft und Kindern. Sie lebt alleine. Der Lockdown verstärkt ihre Einsamkeit und bringt ihre Sehnsucht, ihre Verzweiflung, ihre Angst ganz deutlich an die Oberfläche. Tränen, viele Tränen.

Eine andere Klientin macht der Kontrollverlust über ihr Leben und das ihrer Kinder zu schaffen. Was ist, wenn ihre Kinder wieder nicht mehr in die Schule gehen können? Wie kann sie ein zweites Mal Homeoffice und Distant Learning unter einen Hut bringen? Wie kann sie ihre ältere Tochter emotional begleiten, die ihre Freundinnen vermisst und in die Schule gehen will? So viel Spannung im Körper, so viel Abwehr, so viel Angst.

Meine persönliche Grenze ist mit den „freiwilligen“ Tests für bestimmte Berufsgruppen erreicht. Aus einer Familie kommend, in der sich physische und sexuelle Gewalt durch die Generationen zieht, ist ein körperlicher Eingriff unter Zwang – und sei es „nur“ sozialem – einfach eine Grenze.

Durch Corona, den Lockdown und die anderen Maßnahmen zur Eindämmung des Virus werden wir oft an unsere wunden Punkte, verletzlichsten Anteile, manchmal auch an unsere Traumata geführt.

Betrachten wir diese herausfordernde Zeit einmal aus dieser Perspektive, kann Corona auch eine Möglichkeit zur Selbsterkenntnis, Bewusstwerdung und schlussendlich Heilung sein.

Was es dafür braucht, ist neben eigener Klarheit Unterstützung. Unterstützung von Menschen, denen wir vertrauen und die für uns da sind. Menschen, die den Mut haben, uns an unsere wunden Punkte zu begleiten. Die unsere damit verbundenen Emotionen aushalten. Die uns eine Hand reichen, um aus dem Loch der Verzweiflung hinausgehen zu können. Denn es ist nicht alles dunkel.

Es gibt ein Licht. Für jeden und jede von uns. Eines dieser Lichter ist Mitgefühl füreinander. Und Mitgefühl mit dir selbst.

Corona ist eine Aufforderung zu einem friedlichen Miteinander

Wir können all den Themen, die uns zumeist auch vor Corona nicht unbekannt waren, mit Mitgefühl begegnen oder mit Abspaltung, Ausgrenzung und Hass – uns selbst und anderen gegenüber. Doch verlieren wir unser Mitgefühl – mit uns selbst und anderen –, verlieren wir auch unsere Menschlichkeit. Denn das, was uns zu Menschen macht, ist unsere Fähigkeit zu Mitgefühl.

Letztens war ich mit meiner Tochter an der Mur spazieren. Ein Mann, Mitte 60, hat ein Pärchen um die 20 beschimpft, die dort gemeinsam joggen waren: „Ihr seid ja nicht alt! Und wegen euch [der Rest war nicht zu verstehen]!“ Ihre Antwort: „Sie sind nicht alt, sondern nur deppert!“ Er mit einer drohenden Gebärde: „Was hast du gesagt?!?“ Sie: „Sie sind nicht alt, sondern nur deppert!“ Er: „Du, Göre, verschwinde!“

Wollen wir so miteinander umgehen? Wollen wir in einer solchen Gesellschaft leben?

Corona ist auch eine stetige Aufforderung zu Respekt und Toleranz. Denn wir haben viel zu verlieren: unsere Menschlichkeit und ein friedliches Miteinander. Ein friedliches Miteinander beruht darauf, anderen mit Respekt zu begegnen. Anderen Meinungen mit Toleranz. Anderen Sichtweisen und Standpunkten mit Verständnis.

Darin liegt auch eine Aufgabe für uns alle in dieser herausfordernden Zeit. Eine ständige, tägliche Aufgabe, eine Aufgabe für diesen einen Moment. Ergreifst du sie?

Es kommt auf dich an.

Auch kollektiv-gesellschaftlich bringt Corona soziale Themen an die Oberfläche, die auch davor schon Teil unserer Welt waren.
Und ich sehe, dass unsere Gesellschaft durch Corona sich immer mehr spaltet, Schuldzuweisungen und Hass wachsen und dass Fronten sich verhärten, wo gar keine sein müssten.

Ich sehe auch viel Schönes, Gutes, Gütiges. Und ich spüre, dass es auf uns alle ankommt. Auf jeden Einzelnen und jede Einzelne von uns. Nicht (nur), ob wir zuhause bleiben, soziale Kontakte reduzieren und so andere schützen. Sondern wie wir miteinander umgehen.
Das ist unsere Verantwortung. Als Menschen. In jeder Tat. In jedem Augenblick.

Es kommt auf dich an.

In diesem Sinne wünsche ich dir eine lichtvolle Adventszeit.

Ich wünsche dir von Herzen viel Kraft für diese herausfordernde Zeit. Ich wünsche dir Zuversicht – in den für dich vielleicht dunklen Momenten. Und ich wünsche dir Menschen, die dir eine Hand reichen, wenn du sie brauchst.

Melanie LannerCorona als Aufforderung zu Toleranz und Mitgefühl – mit sich selbst und anderen