Warum kommt es dann nicht zu einem Systemwandel?

Es scheint auf jedes konkrete Problem unseres Gesellschaftssystems eine Antwort zu geben. Wieso kommt es trotz der vielfältigen Ansätze für gesellschaftliche Alternativen dennoch nicht zu einem umfassenden Systemwandel?

Die kurze Antwort ist: Weil sich unsere Welt um Wirtschaftswachstum und nicht um die Einheit der Menschen und die Verbundenheit mit Tieren, Pflanzen, der Natur und unserer einen Erde zentriert.

Eine neue Mitte für unser Zusammenleben

Wir brauchen also eine neue Mitte für unsere Welt, eine neue Ausrichtung für Politik, Wirtschaft und unser kollektives Zusammenleben. Sprechen wir von einer neuen Mitte unserer Welt, müssen wir die Verbundenheit in Betracht ziehen, ja, sie zur Grundlage unserer Weltsicht und Weltordnung machen.

Systemwandel

Was bedeutet das dann für unser gesellschaftliches System? Dann wird klar, dass weder der Kapitalismus noch der Neoliberalismus funktionieren, weil sie nur für wenige funktionieren und die natürlichen Grundlagen unseres menschlichen Lebens und vieler anderer Lebewesen zerstören. Dann wird auch klar, dass ein politisches System, das dem Wirtschaftswachstum unterworfen ist, nicht funktioniert, da sich das menschliche Miteinander dann um ein Primat zentriert, das selbst an seine Grenzen gestoßen ist und noch dazu das Politische selbst für die eigenen Zwecke funktionalisiert hat.

Das Politische hat dann keine Legitimation mehr aus sich selbst heraus. Nur ob es dem Wirtschaftswachstum, dem Standortvorteil der einzelnen Nationalstaaten und der Wohlstandsförderung weniger dient, entscheidet über den politischen Erfolg und dann aber auch über den Zweck der Politik an sich. Was bleibt dann vom politischen Bereich noch, wenn er den Zweck aus sich selbst heraus verloren hat? Was ist dann Politik, wenn sie nur noch zur Handlangerin der Ökonomie geworden ist – und nicht einmal mehr dazu als Mittel dienen kann, da auch das Wirtschaftswachstum selbst kein kollektives, weil kein zukunftsfähiges Ziel mehr darstellen kann?

Doch wenn Wirtschaft und Politik an ihre Grenzen gekommen sind, brauchen wir einen umfassenden Systemwandel.

Ein globaler Systemwandel: Eine globalisierte Welt braucht ein globales Denken

Es wird auch klar, dass eine Organisation in souveränen Nationalstaaten nicht funktioniert, weil diese nur zu Konkurrenz zwischen nationalstaatlichen Interessen und nicht dazu führt, globalen Problemen wie dem Klimawandel und der globalen Ungleichheit (und mit ihr der Migration und den sozialen und ökologischen Problemen der internationalen Arbeitsteilung) wirklich gemeinsam zu begegnen und in einem konstruktiven Miteinander Lösungen zu finden. Eine globalisierte Welt braucht ein wirklich globales Denken – und dieses Denken ist ein Denken in Verbundenheit, das nicht vor Landesgrenzen Halt macht.

Scheitern zulassen!

Wir befinden uns also in einer Krise der Ökonomie und der Politik. Diese Krise unseres kollektiven Systems hat ein falsches, weil längst überholtes Weltbild zur Basis. Es wird Zeit, dieses zu erneuern und unsere menschliche Welt in einen anderen Grund zu stellen – den der Verbundenheit.

In einem ersten Schritt heißt es hinzuschauen

Wirklich hinzuschauen, um zu erkennen, dass unser wirtschaftliches System und damit unsere kollektive Ausrichtung gescheitert sind. Zu erkennen, dass das Politische an sich gescheitert ist, als es sich für ökonomische Zwecke funktionalisieren lassen hat. Und zu erkennen, dass über Jahrhunderte hinweg gewachsene Strukturen und Institutionen in einer globalisierten Welt nicht mehr tragen. Das Hinschauen tut weh. Wir verlieren dadurch kollektiv unsere Mitte, unsere Ausrichtung, ja, jegliches kollektives Ziel.

Oder anders formuliert: Wir haben diese Mitte längst verloren, seitdem klar ist, dass wir uns an die Grenze unseres Planeten wirtschaften und unser gesellschaftliches System einen Rattenschwanz an Problemen nach sich zieht, an die niemand gedacht hat, als von Fortschritt und Wohlstandsförderung für alle die Rede war. Denn wer glaubt in einer endlichen Welt wirklich noch an den Fortschritt und ein unendliches Wirtschaftswachstum? An exponentielles Wirtschaftswachstum als Wohlstandsförderung für alle? Was gibt es im globalisierten Neoliberalismus noch zu träumen?

Trotzdem haben wir uns unser Scheitern und den Ruf nach einem Systemwandel noch nicht eingestanden. Wir versuchen nach wie vor die Probleme, die unser System erzeugt, genau durch dieses System zu lösen. Das ist, als würden wir Magenschmerzen genau mit den Lebensmitteln kurieren wollen, die erst zu den Magenschmerzen geführt haben. Doch welche andere kollektive Geschichte können wir denn erzählen? Welche anderen kulturellen Güter als die globalisierte Marktwirtschaft teilen wir noch?

Was soll unsere Geschichte sein?

Oder noch einmal anders gesagt: Wirtschaftswachstum hat nie als Mitte unserer Welt getaugt. Zumindest nicht im Sinne der Verbundenheit.

Und ohne Verbundenheit als unser kollektives Zentrum funktionalisieren wir Menschen als Humankapital, Tiere als Fleischlieferanten, Natur als unser Rohstofflager und die Erde als unsere alleinige Dienerin – auch weiterhin für ein „höheres“ Ziel, das da Wirtschaftswachstum, Wohlstandsförderung und nationalstaatlicher Standortwettbewerb heißt. Wollen wir so leben? Soll das die Mitte unserer menschlichen Welt bilden? Welche Geschichte unserer Gesellschaft erzählen wir dann unseren Kindern, unseren Enkelkindern und vielleicht auch unseren Urenkelkindern?

Was sagen wir ihnen, wenn sie fragen, warum wir ihnen durch unser System die Zukunft gestohlen haben? Sagen wir: Wirtschaftswachstum war unser höchstes Ziel, und dafür haben wir den Klimawandel in Kauf genommen, die natürlichen „Ressourcen“ erschöpft, die globale Ungleichheit und mit ihr die internationale Arbeitsteilung genutzt, um möglichst billig Waren zu produzieren, die dann doch zum Großteil nur weggeworfen werden. Wir haben für diesen „höheren“ Zweck die Meere mit Plastik verseucht, Unmengen an Atommüll produziert und fossile Brennstoffe in die Luft geblasen, sodass wir sogar vom Anthropozän sprechen können. Soll das unsere Geschichte sein? Und ist dieser Zweck die Mittel wert?

Fragen wir uns lieber: In welchen Grund stellen wir unsere gemeinsame Welt? Und wie könnte ein Systemwandel im Sinne der Verbundenheit aussehen?

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Melanie LannerWarum kommt es dann nicht zu einem Systemwandel?