Was ist Heilung?

Melanie Lanner Shiatsu

Corona wirft eine zentrale Frage auch meiner Arbeit als Shiatsu-Praktikerin neu auf: Was ist Heilung?

Gesundheit ist mehr als die Abwesenheit von Krankheit. Also ist auch Heilen – das Begleiten des Heilungsweges – mehr als Symptombekämpfung. Natürlich geht es in einem ersten Schritt um Symptomlinderung. Durch effektive Behandlungsmethoden und manchmal auch gerade dadurch, dass die Beschwerden in einen größeren (Sinn-)Zusammenhang gestellt werden können. Denn dann können sie angenommen werden – als Ruf, etwas in sich und im eigenen Leben zu verändern.

Manchmal ist nämlich gerade eine Krankheit oder ein Symptom ein Tor zu mehr Gesundheit und in einem umfassenden Sinn zu mehr Heilung. Heilung im Sinne von Ganzwerdung. Heilung im Sinne von Selbsterkenntnis und Bewusstwerdung. Die Krankheit wird zum Aufruf, den eigenen Heilungsweg zu wagen.

Was ist Heilung

Selbsterkenntnis und Bewusstheit führen zu mehr innerem und äußerem Freiraum

Auf diesem Weg der Ganz- und Bewusstwerdung finden wir mehr innere und äußere Freiräume. Denn erst durch Bewusstwerdung habe ich die Wahl, wie ich mich gegenüber äußeren und inneren Gegebenheiten einstelle und wie ich mich bestimmten Situationen gegenüber einstelle. Dieser Freiraum ermöglicht also Wahlmöglichkeiten – bei Entscheidungen und dabei, wie ich mich in bestimmten Situationen verhalte. Auch im Umgang mit inneren Impulsen (sogenannten Trieben, Komplexen, Archetypen und Begierden) entsteht durch Bewusstwerdung ein innerer Freiraum. Dann bin ich von diesen psychischen Impulsen nicht unbewusst getrieben, sondern kann zu ihnen Stellung beziehen. Ich kann bewusst entscheiden, welchen Impulsen ich (wie) folge und welchen nicht.

Heilung bedeutet dann mehr inneren und äußeren Freiraum und mehr Gestaltungsfähigkeit in unserem Leben. Mehr…

Melanie LannerWas ist Heilung?

Was ist Macht?

Melanie Lanner Gesellschaft

An die Frage, was Politik ist, knüpft auch die Frage: Was ist Macht? Eine weitere Frage, auf die Hannah Arendt eine interessante Antwort findet.

Hannah Arendt 1924 Was ist Macht

Hannah Arendt 1924

Wer hat Macht? Ist Macht etwas, das man haben kann? Was ist überhaupt Macht und wie entsteht sie? Dies sind leitende Fragen für Hannah Arendt, die sich in ihrem Lebenswerk mit den grundlegenden Fragen der Politiktheorie beschäftigt. So wie sie für die Begriffe der Arbeit, Politik und Freiheit, mit denen ich mich in anderen Artikeln beschäftigt habe, eine ganz eigene Antwort findet. So ist es auch mit dem Begriff der Macht. Denn Macht ist nichts, was man haben kann, sondern entsteht zwischen Menschen, die gemeinsam handeln. Mehr…

Melanie LannerWas ist Macht?

Was ist Freiheit?

Melanie Lanner Gesellschaft

Die Corona-Krise wirft viele grundlegende Fragen auf: Damit, was Arbeit und was Politik sind, habe ich mich bereits beschäftigt. Doch die massiven Einschränkungen des öffentlichen Lebens und der bürgerlichen Grundrechte werfen auch die Frage noch einmal neu auf: Was ist Freiheit? Eine Frage, mit der sich auch Hannah Arendt beschäftigt – und für die sie, wie ich finde, eine spannende Antwort findet.

Was ist Freiheit

Foto: Trending Topics 2019 (CC BY 2.0)

Was ist Freiheit?

Hannah Arendt. Was Freiheit ist, stellt sich nicht nur angesichts massiver Einschränkungen von bürgerlichen Rechten in Zeiten der Corona-Krise. Es ist auch eine Frage, für die Hannah Arendt eine vielleicht ungewöhnliche Antwort findet.

Was Freiheit ist, fragt Hannah Arendt, die in ihrem umfassenden Gesamtwerk den Begriffen wie Arbeit, Öffentlichkeit und Politik auf den Grund geht. Und dabei geht es ihr um mehr als um die Befreiung von Herrschaft und um bürgerliche Rechte. Freiheit heißt für Hannah Arendt öffentliche Freiheit.

In ihrer Definition von Freiheit bezieht Hannah Arendt sich auf die griechische Polis. Freiheit ist im antiken Griechenland kein menschliches Naturrecht, sondern eine durch Gesetz veranlasstes. Die Bürger, die nicht der Notwendigkeit der Lebensversorgung unterworfen sind, können auf dem Boden der Polis unter Gleichen frei miteinander agieren. (Im privaten Leben des Haushalts gibt es diesen Freiraum nicht. Denn der Haushalt des antiken Griechenland ist durch Herrschaft geprägt.) Frei war, wer zu diesem öffentlichen Raum zugelassen war, und unfrei, wer davon ausgeschlossen wurde. Freiheit bedeutet in einem antik-griechischen Verständnis also Freisein von der Herrschaft anderer und von dem Zwang zur Lebensversorgung.

Tiefer in die Frage, was Freiheit ist, steigt Hannah Arendt in ihrem 1963 erschienenen Werk „Über die Revolution“ ein. In diesem Werk, das auf einer Vorlesungsreihe beruht, setzt sie sich insbesondere mit der Französischen und der Amerikanischen Revolution auseinander. Beide sieht sie unter gänzlich unterschiedlichen Voraussetzungen, geschichtlichen Entwicklungen und Auswirkungen. In diesem Rahmen führt es zu weit, näher darauf einzugehen. Doch was für uns hier von Bedeutung ist, ist, dass Hannah Arendt Freiheit in diesem Zusammenhang definiert.

Denn Freiheit bedeutet für Hannah Arendt neben Herrschaftsfreiheit und Befreiung vom Zwang der Daseinsvorsorge öffentliche Freiheit. Die Freiheit, den öffentlichen Raum (mit) zu gestalten und sich an den Regierungsgeschäften zu beteiligen. Mehr…

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Was ist Politik?

Melanie Lanner Gesellschaft

Neben der Frage, was Arbeit ist, widmet Hannah Arendt ihr Gesamtwerk hauptsächlich der Frage: Was ist Politik? Eine Frage, die sich uns nicht nur durch Corona und die politischen Maßnahmen dagegen immer dringlicher stellt. Deshalb setze ich mich hier ein weiteres Mal mit Hannah Arendt, einer großartigen politischen Theoretikerin, auseinander.

Hannah Arendt 1933 Was ist Politik

Hannah Arendt 1933

Was ist Politik?

Die Frage, was Politik ist, zieht sich durch Hannah Arendts Gesamtwerk. Doch obwohl sie sich als politische Theoretikerin sieht, ist ihr geplantes „Politikbüchlein“ nie fertiggestellt worden. Allerdings beschäftigt sie sich in ihrem 1970 erschienenen Werk „Macht und Gewalt“, in dem sie sich mit der Studierendenbewegung der 1968er auseinandersetzt, neben der klaren Differenzierung zwischen Macht und Gewalt auch mit ihrem Politikverständnis. „Was ist Politik?“ ist auch der Titel eines Werkes, das posthum von Ursula Ludz herausgegeben wurde. Dieses beruht auf bisher unveröffentlichten Fragmenten aus dem Nachlass der Jahre 1950 bis 1959.

Ausgangspunkt der Auseinandersetzung mit verschiedenen Themen ist für Hannah Arendt immer eine grundsätzliche Frage, in diesem Fall: Was ist eigentlich Politik? Und dabei beginnt sie mit den Grundelementen: Das Politische entsteht zwischen Menschen, nicht im Menschen – und zwar zwischen Menschen in ihrer Verschiedenheit. Die Verschiedenheit bezeichnet Arendt als „Pluralität“, ein wichtiger Bestandteil ihrer gesamten Weltanschauung. Denn für sie gibt es nicht den Menschen, sondern nur die Menschen.

Politik ist für Hannah Arendt das, wie Menschen in ihrer Verschiedenheit ihre gemeinsame Welt gestalten. Und in Anlehnung an die griechische Polis und ihr Weltverständnis ist Politik das, was das einzelne menschliche Leben überdauern kann. Denn die (politische) Welt ist das große Kunstwerk der Menschen.

Im Politischen geht es also nicht primär ums Überleben als Individuum oder als Gattung, sondern um das Zusammenleben und -handeln der Menschen (siehe dazu auch meinen Artikel zur Arbeit). Politik ist der gemeinsame Raum der Menschen – und ist klar vom Raum des singulär verstandenen Individuums oder der persönlichen Innenwelt abgegrenzt. Mehr…

Melanie LannerWas ist Politik?

Was ist Arbeit?

Melanie Lanner Gesellschaft

Weil ich gerade wegen den Corona-Maßnahmen nicht arbeiten darf, habe ich Zeit nachzudenken. Im Speziellen beschäftigt mich – aus gegebenem Anlass und überhaupt – die Frage, was Arbeit überhaupt ist. Auch Hannah Arendt stellt sich diese Frage. Und weil ich ein großer Fan von ihr bin und fast alle ihre Werke verschlungen habe, habe ich noch einmal zusammengefasst, was Arbeit für sie ist.

Diesen Artikel habe ich auch auf „Der Freitag” im Community-Bereich veröffentlicht. Willst du den Text direkt auf meiner Homepage lesen? Dann findest du ihn hier.

Hannah Arendt Was ist Arbeit

Foto: Ryohei Noda (CC BY 2.0)

Was ist Arbeit?

Hannah Arendt. Hannah Arendt stellt sich die Frage, was Arbeit ist. Eine Frage, die nicht nur in Zeiten der Corona-Krise und wachsender Arbeitslosigkeit von Bedeutung ist.

Was Arbeit ist, fragt Hannah Arendt, die in ihrem umfassenden Gesamtwerk den Begriffen wie Arbeit, Öffentlichkeit, Politik und Freiheit auf den Grund geht. Arbeit, also vor allem bezahlte Lohnarbeit wie wir sie heute verstehen, hat es in dieser Form nicht schon immer gegeben. Hannah Arendt geht in ihrem philosophischem Hauptwerk „Vita activa oder Vom tätigen Leben“ der Frage nach, wie sich Arbeit historisch entwickelt hat. Und sie beginnt dabei in der griechischen Antike.

Hannah Arendt – eine politische Theoretikerin

Hannah Arendt, die sich selbst als politische Theoretikerin bezeichnet, wird 1906 in Linden (einem heutigen Stadtteil von Hannover) geboren. Sie studiert u.a. bei Karl Jaspers und Martin Heidegger Philosophie, wird Heideggers Geliebte und beginnt 1929 als 23-Jährige ihre Habilitation. Doch dann nimmt ihr persönliches und das gesellschaftliche Leben einen anderen Lauf. Als Jüdin flüchtet sie 1933 nach Paris. Als Frankreich von Deutschland besetzt wird, kann Arendt 1941 gemeinsam mit ihrem zweiten Ehemann und ihrer Mutter über Lissabon in die USA fliehen, wo sie jedoch erst 1951 die Staatsbürgerschaft erhält. Die Zeit der Staatenlosigkeit hat sie sehr geprägt. Berühmt wird Hannah Arendt durch ihre Aufzeichnungen des Eichmann-Prozesses, in welchen sie von der „Banalität des Bösen“ spricht. Ihr bekanntestes Buch ist „Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft“. In diesem beschäftigt sie sich mit dem Totalitarismus als neuer Herrschaftsform.

Was ist Arbeit?

In ihrem philosophischen Hauptwerk „Vita activa“, das sie 1958 in englischer Sprache in den USA veröffentlicht, unterscheidet Hannah Arendt zwischen Arbeiten, Herstellen und Handeln. Alle drei verbindet, dass sie in Abgrenzung zur Kontemplation aktive Tätigkeiten sind. Deshalb der Name ihres Werkes. Mehr…

Melanie LannerWas ist Arbeit?

Visionen aus der Corona-Krise

Melanie Lanner Gesellschaft

Das Wege-Magazin, das ich sehr schätze und seit Jahren lesen, hat in ihrem Newsletter an all ihre KundInnen aufgerufen, sich Gedanken zur Corona-Krise zu machen und ihnen für ihren Blog zu schicken. Auch mein Beitrag wurde dort veröffentlicht:

28. März 2020

Mag. Melanie Lanner, Graz

Was wir aus der Corona-Krise gesellschaftlich lernen können

Abseits von finanziellen Sorgen, die mich als Kleinst-EPU und Mutter einer kleinen Tochter besonders treffen, empfinde ich die Corona-Krise auch als spannendes gesellschaftliches „Experiment”:

Vogelgezwitscher weckt mich, kein Autolärm. Weniger Autos, Industrieabgase und kaum noch Flugverkehr, machen unsere Luft messbar sauberer. In den Kanälen von Venedig schwimmen wieder Fische. Obdachlosen werden freie Betten in Hotels angeboten. Nachbarschaftsinitiativen blühen auf. Aufeinander zu schauen, wird wichtiger als die persönliche Bequemlichkeit.

Corona-Krise und ihre Chancen

Berufsgruppen, die sonst kaum jemand beachtet, betreten plötzlich die gesellschaftliche Bühne. Menschen an der Supermarktkasse, 24-Stunden-Pfleger, Erntehelfer und die Müllabfuhr werden zu Helden und Heldinnen des Alltags.

Wir erkennen kollektiv, dass ein Weniger an Konsum nicht gleichzusetzen ist mit einem Verlust an Lebensqualität. Auch regionales Wirtschaften bekommt gesellschaftliche Bedeutung. Denn woher kommen unsere Lebensmittel, die Medikamente und die Schutzausrüstung, die wir so dringend benötigen?

Auch die Politik zeigt ein anderes Gesicht als das, das ich kenne. Nämlich das von Verantwortung und Dienst am Gemeinwohl – und nicht von Orientierung an den nächsten Wahlergebnissen und Stimmenfang durch Populismus.

Eine solche Welt, die fast schon visionär anmutet, ist also möglich.

Und ich frage mich: Werden und wollen wir auch nach der Corona-Krise in einer solchen Welt leben? Und welche konkreten Schritte braucht es dazu, jenseits eines Ausnahmezustands?

Zum Wege-Blog mit vielen anderen Beiträgen…

Melanie LannerVisionen aus der Corona-Krise

Krise als Neuorientierung

Melanie Lanner Texte

Weil es wichtig ist, gerade in Zeiten der Krise, auch an eine Zeit danach zu denken, habe ich einen weiteren Artikel im Community-Bereich der Wochen-Zeitung „Der Freitag” veröffentlicht: meine Vision für eine Zeit nach der Corona-Krise.

Die Krise als Neuorientierung

Eine Vision für eine Zeit nach der Corona-Krise

Ich habe die Vision von einem Land, in dem wir durch Vogelgezwitscher und nicht durch Autolärm geweckt werden. Von einem Land, in dem die Luft, die wir atmen, wieder sauber und nicht von Smog geschwängert ist. Von einem Land, in dem Fische in die Kanäle der Städte zurückkehren. Ich habe die Vision von einem Land mit weniger Flugzeugen und mehr freiem Himmel, auf dem nur die Wolken ziehen, ohne Kerosin auszuschütten. Mehr…

Melanie LannerKrise als Neuorientierung

Willi – meine erste Geschichte – als E-Book

Melanie Lanner Texte

Vor fast zehn Jahren habe ich eine, ja meine erste Geschichte geschrieben. Jetzt, dank der Corona-Maßnahmen, hatte ich Zeit, sie zu überarbeiten und in E-Book-Form zu bringen. Ich möchte dir diese Geschichte gerne schenken, denn sie handelt von der Liebe.

Und was ist gerade in dieser Zeit wichtiger als Liebe, Zusammenhalt und Wertschätzung?

Gleich vorweg: Es ist eine sehr, sehr persönliche Geschichte über meinen Opa 🙂

Willi, meine erste Geschichte, als E-Book

Ein kleiner Vorgeschmack

Ich wollte nicht seine Geschichte hören, ich wollte meine finden. Das war der Grund meiner Reise. Einer Reise, für die es keinen Zweck gab, außer der Reise selbst. Ich wusste nichts von Tschechien, mich verband nichts mit dem Land, außer der Lücke in der Geschichte meiner Familie.

Am nächsten Tag ging ich noch ein Mal zum verlassenen Haus meiner Familie zurück. Dieses Mal ging ich alleine. Ich klopfte an die Kellertür. Lange tat sich nichts. Ich hörte nichts aus dem Inneren. Ich wartete geduldig, denn ich wusste, dass es länger dauern würde, bis sich mir die Tür öffnen würde. Auch klopfte ich kein zweites Mal. Ich war mir sicher, dass mein Klopfen gehört worden war.

Langsam, sachte, vorsichtig öffnete sich die Tür. Ich wusste nicht, wie viel Zeit vergangen war. „Komm herein“, bat mich leise die Stimme des Mannes, den ich im Dunkeln nicht sehen konnte.

Ich trat in die Dunkelheit des Kellers. Die ersten Minuten sah ich nichts. Ich stand einfach da und spürte die Präsenz des Mannes neben mir. Keiner von uns sagte ein Wort. Erst als sich meine Augen an die Dunkelheit gewöhnt hatten, konnte ich schemenhaft die Umrisse des Mannes erkennen. Er schien mit dem Hintergrund zu verschmelzen.

Du willst mehr?

Hier hast du die Möglichkeit, die Geschichte in verschiedenen Formaten als E-Book herunterzuladen:

Download als .ePubDownload als .mobiDownload als .pdf

Ich freue mich über Feedback und konstruktive Kritik!

Melanie LannerWilli – meine erste Geschichte – als E-Book

Über das Sterben und das Leben

Melanie Lanner Selbstbegegnung

Mein Opa war 18 Jahre alt, als er sich freiwillig im Zweiten Weltkrieg zur Marine gemeldet hat. Die Geschichte, wie sie in meiner Familie erzählt wird, ist, dass er dem Schicksal ausweichen wollte, später als einfacher Fußsoldat zwangsweise eingezogen zu werden und wahrscheinlich unter schrecklichen Bedingungen zu sterben. Vielleicht hatte er auch ein Abenteuer gesucht, wie so viele junge Männer zu dieser Zeit. Ich weiß es nicht. Er hat später nie wieder davon gesprochen.

Als sein Schiff bombardiert wurde, ist der Kamerad neben ihm durch einen Kopfschuss gefallen. Der Soldat daneben meinte zu meinem Großvater, dass dies eine gute Art des Sterbens sei: schnell, plötzlich und ohne Leid. Mein Großvater antwortete, dass er dies nicht will. Er wollte bewusst sterben.

Das Leben und der Tod sind eins

Mein Opa ist aus dem Krieg zurückgekehrt. Er hat in München ein Haus gebaut, vier Kinder bekommen und als Bauingenieur gearbeitet. Doch dann ist er krank geworden und war zehn Jahre lang bettlägerig, bevor er an den Folgen von Parkinson und später Demenz verstorben ist. Er hat sich Zeit gelassen mit dem Sterben. Ich weiß nicht, was er für sich in diesem langen Sterbeprozess gefunden hat. Er war nicht mehr ansprechbar. Aber ich weiß, dass er mir und meiner Familie viele Erkenntnisse über das Sterben geschenkt hat.

Als ich 2007 für drei Monate in Nepal war, hatte ich einen intensiven Traum von meinem Opa. Es war wie ein Gespräch, das ich auch jetzt noch als so real empfinde, als hätten wir wirklich miteinander gesprochen. Mein Opa hat mich auf eine Art Reise mitgenommen – hinter den Schleier des Lebens, in den Tod, mitten hinein in das Sterben. Ich weiß nicht, wie ich es bezeichnen soll. Auf jeden Fall war da keine Angst. Nicht in mir, nicht in meinem Opa. Es war auch kein Aufgehen im Paradies, keine Heimkehr in den Himmel, kein Leben der unsterblichen Seele im Jenseits (und das obwohl mein Opa sehr christlich war). Es war nichts Konkretes, nichts, woran ich mich festhalten könnte, kein Licht, kein Symbol, aber es war friedlich.

Corona, Krise, Sterben

Beim Aufwachen habe ich mit jeder Faser meines Körpers gespürt, dass mein Opa mir ein riesiges Geschenk gemacht hat: Er hat mich über den Tod das Leben gelehrt. Leben heißt zu leben. Doch nicht nur: Als Mensch zu leben, heißt zum Menschen zu reifen, wirklich Mensch zu werden.

Nicht unbewusst zu bleiben, sondern wach, mit allen Sinnen präsent, ganz DA zu sein! – Im Leben und im Sterben.

Danke, Opa!

Melanie LannerÜber das Sterben und das Leben

Artikel auf „Der Freitag” veröffentlicht

Melanie Lanner Gesellschaft

Ich habe einen Artikel zur Menschlichkeit in der Krise auf der Community-Seite der Wochenzeitung „Der Freitag” veröffentlicht. Ich freue mich über Kommentare! Hier findest du ihn zum direkt Lesen:

Solidarity by Kandukuru Nagarjun (CC BY 2.0)

Das Wichtigste ist die Menschlichkeit

Gerade jetzt in der Corona-Krise und den Maßnahmen zur Eindämmung des Virus wird deutlich, was für alle Zeiten gilt: Am wichtigsten ist die Menschlichkeit.

Ja, es ist wichtig, was politisch entschieden wird und welche konkrete Maßnahmen gesetzt werden, sodass sowohl das Gesundheits- als auch das Wirtschaftssystem am Leben gehalten werden (und mich trifft dies als Kleinst-EPU und Angehörige einer Risikogruppe ganz persönlich). All dies ist wichtig. Und es ist wichtig, wie diese Entscheidungen getroffen werden, wie sie umgesetzt werden, und vor allem wie wir in solchen Zeiten (und in allen Zeiten) als Menschen miteinander umgehen. Das Was und das Wie müssen sich ergänzen, damit es nach der Corona-Krise eine wirkliche Zukunft geben kann, die diesen Namen verdient. Mehr…

Melanie LannerArtikel auf „Der Freitag” veröffentlicht