Reifen und Vollenden

Melanie Lanner Selbstbegegnung

“Was Abschiednehmen wirklich heißt, macht Hermann Weidelener deutlich,
wenn er dazu auffordert, uns stets zu fragen,
ob wir erfüllt haben, was ein Ort von uns verlangte, bevor wir ihn verlassen.
Nur im Bewusstsein dieser Erfüllung können wir uns mit Würde auf den Weg machen.
Sind wir die Erfüllung aber schuldig geblieben, ist unser Weggehen eine Flucht.
Stattdessen neigen wir dazu, von einem Raum zum anderen zu hetzen,
immer von der Hoffnung getrieben,
dort etwas Besseres, Aufregenderes oder Erfreulicheres zu finden.
Schnell reißen wir eine Tür nach der anderen auf, ohne die alten hinter uns zu schließen,
geschweige denn, uns die Frage nach der Erfüllung zu stellen.
Ständig sind wir auf der Flucht vor dem Abschiednehmen,
und in dieser Flucht steckt ein Fluch.”
(Hajo Banzhaf)

Ich liebe es, wenn auf mehreren Ebenen meines Lebens gleichzeitig Prozesse vollziehen, die miteinander im Zusammenhang stehen, die sozusagen ein gemeinsames Dach haben. Das vermittelt mir Sinn und ein Gefühl von Einsicht in die größeren Zusammenhänge des Lebens (siehe auch die Salutogenese und ihr Gefühl der Kohärenz). Das derzeitige Dach fasse ich als Reifen und Vollenden zusammen. Und ich erkenne, dass dem Loslassen das Vollenden vorausgeht, was mir bisher nicht so bewusst war. Ich spüre schon lange das Schwingen zwischen Geburt und Aufbau auf der einen Seite und Loslassen und Sterben auf der anderen Seite. Doch dass dazwischen der Höhepunkt der Vollendung liegt, wird mir erst in meiner jetzigen Lebensphase bewusst.

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Foto: Isabel Garreau-Egger

Das passt auch zu dieser Jahreszeit, dem Frühherbst. Die Natur verschenkt ihre Fülle. Auch die letzten Früchte und Gemüse werden reif zur Ernte. Die Ernte auf allen Ebenen kann eingefahren werden. Vielleicht empfinden wir dafür ein tiefes Gefühl der Dankbarkeit.

Erst nach diesem Feiern des Reichtums wird es Zeit loszulassen – und nicht schon davor… So können wir aus der Fülle heraus loslassen, statt aus einem Gefühl des Mangels und des essentiellen Verlusts.

So geht es mir gerade mit dem Vollenden meiner beruflichen Lebensphase. Alles rundet sich ab und lässt in mir ein Gefühl von Rundsein entstehen. Was vielleicht auch an meinem schon sehr gewachsenen Bauch liegen mag 😉 Bevor ich in Mutterschutz (und Karenz) gehe, nehme ich mir Zeit, die Phase der Vollzeit-Selbständigkeit zu reflektieren und damit zu vollenden: Was habe ich gelernt (manchmal auch durch Enttäuschungen)? Was habe ich mir aufgebaut? Was habe ich erfahren, gespürt, erlebt, integriert? Welche Ernte habe ich eingefahren?

Ich empfinde eine große Dankbarkeit für alle die Erfahrungen, die ich sammeln durfte, für all die wunderbaren Begegnungen mit inspirierenden, einzigartigen und wunderschönen Menschen und natürlich auch für die Geldbasis, die mich die letzten Jahre getragen hat. ICH DANKE DIR!

Ich stelle mir auch grundsätzliche Fragen zu meinem Beruf, meiner Berufung, z.B. Was motiviert mich? Was gibt mir Kraft? Wie will ich in zehn Jahren leben? Wo will ich tätig sein und wo wohnen? Wie stelle ich mir mein Leben (detailliert) vor? Welche Schritte passen zu diesem Ziel in diesem Monat, in diesem Jahr? Was bringt mich in der jetzigen Situation diesem Ziel näher? Was macht mir am meisten Freude an meinem Beruf – und wie kann ich den Aspekt ausbauen? Was macht mir so viel Spaß, dass ich es auch unbezahlt tun würde? Außerdem achte ich auf alle Zeichen, Inputs, inneren und äußeren Bilder, die mir begegnen und mich berühren, bewegen, aufrütteln oder mir unangenehm sind (u.a. Träume, Symbole, Gespräche, Textpassagen in Büchern oder Artikeln, Inspirationen von KollegInnen).

Ich weiß, dass ich jetzt keine Antwort finden muss. Aber es ist wunderbar, diese Übergangszeit bewusst zu nutzen, um die jetzige Lebensphase zu vollenden, ja, um sie auch wirklich wertzuschätzen und gebührend zu feiern. Erst dann bin ich bereit loszulassen – und erst dann noch etwas später, um zu neuen Ufern aufzubrechen.

Was vollendet sich gerade in dir? Was will rund werden, sich abrunden und zur vollen Reife gelangen? Was heißt es zu ehren, zu feiern, wertzuschätzen? Welchen Höhepunkt gilt es wahrzunehmen, bevor Altes, Vollendetes und zu Ende Gegangenes wie die Blätter im Herbst von dir abfallen kann? Wofür bist du dankbar?

Ich freue mich, wenn du mir darüber berichtest – noch bis 1. November in meiner Praxis oder davor und danach per Email!

Melanie LannerReifen und Vollenden