Angst

Angst ist gut. Wir brauchen sie, um uns zu schützen und gut auf uns aufzupassen. Ich bin froh, dass meine Tochter Angst vor Autos hat, vorsichtig mit fremden Hunden ist und unbekannten Menschen mit einer gewissen Scheu begegnet.

Angst sichert unser Überleben

Wir brauchen Angst, um unser Leben zu schützen. Unser Leben ist wertvoll. Ängste werden nur dann problematisch, wenn sie in Lebensbereiche und Situationen überschwappen, die „eigentlich“ nicht ängstigend sind, oder wenn sie unsere ganze Gefühlslandschaft überschwemmen. Ängste neigen dazu auszuufern, sodass wir schnell nichts anderes mehr als Angst spüren. Das tun sie, weil es bei Angst um unser Überleben geht. Weil Angst unser Überleben sichern will. Deshalb brauchen wir dieses unbeliebte Gefühl.

Wir haben keine Angst, die Angst hat uns – die problematische Seite der Angst

Ängste werden dann problematisch, wenn sie erstarren (und nicht mehr frei fließen, wie wir im Shiatsu sagen) und wenn sie zu einer Lebenshaltung werden. Gesunde Reaktionen auf Angst sind Kampf, Flucht und Verstecken. All dies sind mögliche Strategien, mit ängstigenden Situationen umzugehen. Strategien, die uns aktiv werden lassen und unser Leben bewahren. Erstarrt die Angst in uns, erstarren auch wir – wie wir in der Körperarbeit sagen würden, in unseren Mustern –, und wir können uns weder wehren noch weglaufen oder uns zurückziehen. Wir werden handlungsunfähig und ohnmächtig. Wir erstarren in unserem Muster. Dann haben wir keine Angst mehr, die Angst hat uns.

Angst-vor-der-Angst

Manchmal hemmen uns Ängste auch, Entscheidungen zu treffen und den nächsten Schritt zu setzen. Wir verharren vor der (vermeintlichen) Hürde wie ein scheuendes Pferd – doch nur wenn wir unsere Ängste wegschieben und sie nicht zulassen. Dabei verharren wir in der Angst-vor-der-Angst. Lassen wir unsere Ängste zu, können sie sogar ein wichtiger Wegweiser sein, wohin es als nächstes in unserem Leben geht oder gehen könnte. Ängste begleiten nämlich Wachstumsschritte. Sie kommen auf, wenn wir gewohnte Pfade verlassen und etwas Neues wagen. Angst ist also eine schlechte Ratgeberin, aber ein wichtiger Richtungsweiser. Und ich habe es mir zur Gewohnheit gemacht, in solchen Situationen Anlauf zu nehmen, also in Bewegung zu kommen, um nicht in der Angst-vor-der-Angst steckenzubleiben, und über die Hürde der Ängste hinwegzuspringen. Sanft bin ich zwar meist nicht gelandet, dafür aber in einem neuen Lebensabschnitt.

„Wer Veränderungen will, wer von etwas Altem zu etwas Neuem möchte,
muss Ängste in Kauf nehmen,
muss ihnen ins Gesicht schauen, muss durch sie hindurch.“
(Udo Baer und Gabriele Frick-Baer)

Angst

Werden Ängste festgehalten, führen sie zu Verhärtungen und Starre im Körper

Im Shiatsu ist der Zugang zur Angst ein neutraler. Das heißt, Angst wird wie jede andere Emotion auch als neutrale Lebensenergie betrachtet. Angst soll im Körper fließen und sich nicht festsetzen oder manchmal über Jahre festgehalten werden. Werden Ängste festgehalten, entstehen Verhärtungen und Verpanzerungen im Körper. Wir blockieren den freien Fluss unserer Lebensenergie und halten diese in bestimmten Körperbereichen fest (oftmals in Nacken, Schultern und im oberen Rücken sowie im Brustkorb und im Becken). Dadurch steht uns diese Energie aber auch nicht mehr zur Verfügung, und wir leben auf Sparflamme. Wir haben keinen Zugang mehr zu diesen verpanzerten und verschlossenen Körperbereichen. Manchmal entstehen dann dort körperliche Symptome und Schmerzen.

Kann im Shiatsu über einen speziellen Druck auf bestimmte Körperbereiche die Verhärtung gelöst und die Verpanzerung gelockert werden, finden wir Verbindung mit diesen vormals abgespaltenen Körperbereichen und ihren zugehörigen Themen. Manchmal spüren wir dann Ängste, die uns zuvor (manchmal) gar nicht bewusst waren. Können wir sie im geschützten Rahmen der Shiatsu-Behandlung zulassen, kann die zugrunde liegende ängstigende Situation befreit werden: Dann finden wir auch wieder Zugang zu unserem Körper und unserer Lebensenergie. Die zuvor festgehaltene Energie wird freigesetzt und steht uns für das, was uns wichtig ist, für unsere Ziele und für die Bewältigung unseres Alltags zur Verfügung.

Angst führt zu einem erhöhten Erregungsniveau

Darüber hinaus führt ein dauerhafter Angstzustand zu einem erhöhten Erregungsniveau und dadurch zu Anspannungen im Körper und einer permanenten Alarmbereitschaft, die sich manchmal als Allergien, Migräne und Panikattacken äußert. Kann im Shiatsu durch sedierenden und rhythmischen Druck das Erregungsniveau gemildert werden, kann sich der Körper und mit ihm die Gefühle und die Gedanken mehr entspannen. Ängsten können wir somit auch auf indirektem Weg begegnen. Denn ein niedrigeres Erregungsniveau führt auch zu weniger Angst.

Experimentiere mit Engen und Weiten

Wir ziehen uns zusammen, um uns zu schützen. (So wie wir auch auf Kälte reagieren, weswegen Ängste im Shiatsu dem Winter und dem Element „Wasser” zugeordnet werden.) Ein Zugang im Shiatsu, den du auch für dich zuhause ausprobieren kannst, ist das Spiel zwischen Weiten und Engen.

Lege dich hierfür bequem auf eine Decke oder Matte auf den Boden. Atme mehrmals tief ein und tief aus. Und dann ziehe dich mit dem nächsten Ausatmen ganz fest zusammen. Du kannst dafür deine Beine heben und Richtung Brust bringen und deine Arme über der Brust verschränken oder um die Beine schlingen. Rolle dich wie eine enge Kugel zusammen. Ziehe dich ganz fest zusammen. Spüre, wie sich diese Haltung für dich anfühlt. Nimm dich selbst in dieser Enge für ein paar Atemzüge wahr. […]

Und dann öffne dich mit dem Einatmen wieder. Strecke deine Arme weit nach außen und deine Beine auch weit aus. Spüre dich jetzt in der Weite. Nimm wieder ein paar Atemzüge wahr, wie du dich in dieser weiten Position fühlst. […] Und dann komme in eine Position, die für dich angenehm ist. Lasse dir Zeit, deine Erfahrung zu verarbeiten. Wenn du magst, kannst du die Übung mehrmals wiederholen. Natürlich kannst du das Engen und Weiten auch im Stehen oder Sitzen ausprobieren.

Nimm dir danach Zeit, deine Erfahrungen zu verarbeiten. Du kannst sie auch in deinem Tagebuch festhalten. Achte dann auch in deinem Alltag auf deine Körperhaltung: Wann machst du dich eng? Wann machst du dich weit? Dies können auch wichtige Hinweise auf deine Gefühle, besonders auf Ängste, und deine Reaktion auf diese Gefühle sein. Frage dich auch, was sich für dich in dieser Situation gerade gut anfühlt – und nimm diese Körperposition dann ein. Experimentiere ein bisschen mit Enge und Weite!

Strecken

Was ist der Gegenpol zur Angst?

Eine weitere Möglichkeit, dich deiner Angst anzunähern, ist über ihren Gegenpol. Was ist für dich das Gegenteil von Angst? Dann gestalte diesen Gegenpol mit kreativen Materialien. Du kannst dieses Gegen-Gefühl entweder malen, tanzen oder singen. Oder du bastelst eine Collage, fotografierst, nähst es, gestaltest es mit Ton. Deiner Phantasien sind keine Grenzen gesetzt!

Wichtig ist nur, dass du nicht in eine bewertende Haltung kommst! Es ist nicht wichtig, ob dein „Kunstwerk“ besonders schön wird. Es ist wichtig, dass es dein Gefühl für dich gut ausdrückt.

Wenn du deinen Gegenpol fertig gestaltet hast, nimm es in die Hand und spüre, was es in dir auslöst! Manchmal braucht es nämlich erst den Gegenpol, um uns von dieser sicheren Basis aus dem unangenehmen Gefühl der Angst annähern zu können und zu erkennen, dass es auch etwas außerhalb der Angst gibt. Was ist dein sicherer Boden, dein Gegenpol zur Angst? Was kannst du deinen Ängsten entgegensetzen?

Akzeptanz ist der erste Schritt

Weitere Möglichkeiten, deinen Ängsten zu begegnen, stellen Udo Frick und Gabriele Frick-Baer in ihrem Buch, das Teil ihrer „Bibliothek der Gefühle“ ist, vor. Um es kurz zusammenzufassen: Der erste Schritt ist es, die Angst und deine Reaktion auf sie zu akzeptieren. Dies entspricht im Shiatsu der Auseinandersetzung mit unseren Mustern. Um zu akzeptieren, wie wir Angst haben, hilft es, biografische Fragen zu stellen: „Wie ist meine Angst entstanden? Welche Wurzeln, welche Quellen hat sie in meiner Geschichte? Wann hat sie einmal Sinn gemacht? Wie reagiere ich auf meine Angst? Was habe ich dazu von meiner Familie und in meiner Kindheit gelernt?“

Konkretisiere deine diffusen Ängste!

Der zweite Schritt ist das Konkretisieren von diffusen Ängsten. Ängste tauchen nämlich meist in unklarer, also diffuser Form auf. Wir können nicht genau sagen, was uns wirklich ängstigt und wovor wir uns fürchten. Wir spüren „nur“: Da ist Angst. Und dieses Spüren ist sehr wertvoll, weil es der erste Schritt in der Bewusstwerdung ist. Der zweite Schritt ist das Konkretisieren. Auch dies ist Teil des begleitenden Gesprächs im Shiatsu.

Hast du Interesse, dich im Rahmen einer Shiatsu-Behandlung mit deinen Ängsten zu beschäftigen? Dann freue ich mich, wenn du dich bei mir meldest, um einen Termin zu vereinbaren.
___

Literatur: Baer, Udo/Frick-Baer, Gabriele (2009): Gefühlslandschaft Angst. Weinheim/Basel: Beltz.

zum Loslassen und TrauernGefühle | zu Selbst-Gespräche

Melanie LannerAngst