Der Sinn des Lebens

„Gegeben scheint uns überhaupt nur: die Erde, um eine Stelle zu gewähren,
an der wir im Universum unsere Zelte aufschlagen können (also der Raum);
das Leben als die Spanne für unser Verweilen (also die Zeit);
und die ‚Vernunft‘, um erst uns zu leiten, uns hier für eine Weile häuslich einzurichten,
und dann, wenn das Wohnen endlich besorgt ist, im Verwundern zu enden,
dass überhaupt so etwas wie Erde, Universum, Leben und Mensch existieren.
Mehr ‚Zweck‘ dürfte aus der ganzen Veranstaltung beim besten Willen nicht herauszulesen sein.“

(Hannah Arendt)

Der Sinn meines Lebens – der Sinn des Lebens – der Sinn des menschlichen Lebens

Der Sinn des Lebens ist eine Frage, die mich schon seit meiner Jugend beschäftigt – und manchmal hat sie mich auch zum Verzweifeln gebracht. Zwischendrin gab es für mich verschiedene Antworten, die sich dann wieder aufgelöst und/oder erweitert haben. Derzeit stehe ich an einem Punkt, an dem ich meine Erkenntnisse – zumindest mal vorläufig – zusammenfassen kann und mit dir teilen will. Denn mein Onkel hat mir einen wichtigen Hinweis geschenkt, der für mich wie ein fehlendes Puzzlestück war (ohne dass ich wusste, dass mir etwas fehlt). Er hat mich gefragt, ob es mir um den Sinn meines Lebens, des menschlichen Lebens oder des Lebens an sich geht. Woran ich verzweifelt bin, war der Sinn des menschlichen Lebens. Das wusste ich durch die Frage plötzlich. Und es war gut, dies benennen zu können.

Der Sinn meines Lebens

Denn für den Sinn meines Lebens hatte ich schon eine Antwort gefunden, die ich bereits in einem Artikel zusammengefasst habe.

Baby

Daneben gibt es noch Aufgaben, die das Leben mir persönlich stellt. Mir wurde zum Beispiel durch die schwierige Beziehung mit meiner Mutter die Aufgabe gestellt, freiwillig Verantwortung zu übernehmen und selbst Mutter zu werden – ohne all meine Verletzungen aus der Kindheit eins zu eins an meine Tochter weiterzugeben. Auf meinem Weg musste ich mich mit meinen Kontrollmustern, Zwängen und Ängsten ebenso auseinandersetzen wie mit meinem verletzten Frausein, meiner Körperwahrnehmung und meinem Selbstwert. All dies sind persönliche Lebensaufgaben, die Bewusstwerdung und Heilung verlangen. Was sind deine?

Mit unseren persönlichen Lebensaufgaben beschäftige ich mich vor allem in meinem Buch Hin zu Fuß, zurück auf Adlerschwingen – „Der Herr der Ringe“ als heldenhafte Selbsterfahrung. Denn uns allen werden Lebensaufgaben gestellt oder mitgegeben, die wir uns nicht selbst aussuchen und die wir nicht verschuldet haben, für die wir aber trotzdem verantwortlich sind, so wie der Hobbit Frodo für den Einen Ring Saurons und damit des Schicksals von ganz Mittelerde. Diese Lebensaufgaben freiwillig anzunehmen, macht uns zu Helden und Heldinnen unseres Lebens – und damit zu gereiften, erwachsenen Menschen. Die Lebensaufgaben sind individuell verschieden, jedoch stehen sie meist mit unserem Mutter- und Vaterkomplex, mit frühkindlichen Prägungen und anderen prägenden Erfahrungen unserer Vergangenheit in Zusammenhang. Diese Lebensthemen brauchen Bewusstheit und Heilung. Uns die Themen und dadurch meist auch unangenehmen Anteilen unserer selbst bewusst zu werden, alte Verletzungen aufzuarbeiten und dadurch mehr inneren Freiraum, also Heilung, zu finden, und bisher unbekannte Potentiale zu entdecken und zu leben, ist unser persönlicher Sinn. Was sind deine persönlichen Lebensaufgaben? Was braucht in dir Heilung und Bewusstwerdung? Wagst du deine HeldInnenreise und nimmst deine Lebensaufgabe(n) an? Dann ist mein Buch ein idealer Wegbegleiter. 

Meine Aufgabe als Shiatsu-Praktikerin liegt ebenfalls häufig darin, Bewusstwerdungs- und Ganzwerdungsprozesse zu begleiten. Neugierig? Dann freue ich mich, wenn du einen Termin für eine Shiatsu-Behandlung vereinbarst!

Der Sinn des Lebens

Neben dem Sinn meines Lebens ist auch der Sinn des Lebens selbst für mich auch schon länger beantwortbar: Leben lebt. Zum Leben gehört auch der Tod, denn der Tod ist die Voraussetzung für neues Leben. Leben lebt sich in einem stetigen, zyklischen Kreislauf. Punkt. Leben ist also etwas Neutrales, Wertfreies, also etwas jenseits von gut oder böse, von richtig oder falsch und von jeglicher zweckgerichteten Entwicklung.

Der Sinn des Lebens steht also im Zusammenhang mit unserer Weltsicht und unserer Sicht auf das Leben. Was ist Leben für dich? Leben ist stetige Veränderung, Verwandlung, ein immerwährender Prozess. Ein Prozess, in dem eines ins andere übergeht, in dem es nicht einmal wirklich getrennte Formen gibt, sondern alles fließt und ineinander übergeht. Aus der Sicht des Lebens gibt es auch keinen Tod, sondern etwas nimmt Form an bzw. Energie verdichtet sich und dann zerfällt es wieder – in die Bestandteile, aus denen wir alle seit dem Beginn des Universums zusammengesetzt sind und bis zum Ende zusammengesetzt sein werden. Aus dem Leben an sich lässt sich für mich kein Sinn herauslesen, denn Leben lebt einfach. Doch darin liegt auch die für mich sinnstiftende Erkenntnis, dass wir all mehr sind als vereinzelte, getrennte, sterbliche Ichs, nämlich der stetige Lebensprozess selbst. Wie siehst du den Sinn des Lebens an sich?

Graeser_Zen

Der Sinn des menschlichen Lebens

Aber was ist nur der Sinn des menschlichen Lebens? Und gibt es so etwas überhaupt? Das ist eine Frage, auf die ich lange keine Antwort gefunden habe – wobei ich sie ohne den Input meines Onkels auch gar nicht so klar habe stellen können. Als ich die Frage dann stellen konnte, ist mir bewusst geworden, dass mit dieser Frage auch die Frage nach meinem Menschenbild gestellt wurde. Denn wenn ich den Sinn des menschlichen Lebens erörtern will, muss ich erst einmal wissen, was/wer der Mensch überhaupt ist und was sein Platz in der Welt und im stetigen Lebensprozess ist.

Der Mensch in seiner Ganzheit

Im Shiatsu wird der Mensch in seiner Ganzheit gesehen, also als Einheit von Körper, Gedanken(-Mustern) und Emotionen/Psyche, der Mensch in seiner umfassenden Lebenssituation, eingebunden in das Große Ganze, in seinem ganzen Lebensprozess.1 Das heißt, bei all den Fragen rund um den Sinn des (menschlichen) Lebens bist du als ganzer Mensch gefragt.

Der Mensch oder die Menschen?

Erweitern wir unseren Horizont, wird klar, dass es den Menschen gar nicht gibt, sondern nur die Menschen, also Menschen in ihrer Pluralität (wie Hannah Arendt es nennt) oder, sagen wir, in ihrer Verschiedenheit. Hannah Arendt, eine großartige und vielseitige Philosophin, sieht die Aufgabe jedes Einzelnen darin, das je Eigene in die gemeinsame Welt einzubringen, dadurch etwas Neues in der (menschlichen) Welt zu schaffen, gemeinsam zu handeln und die menschliche Welt zu gestalten.2 Was kannst und willst du in unsere gemeinsame (menschliche) Welt einbringen?

Der Mensch – ein zu Bewusstsein begabtes Wesen

Was die Gattung Mensch von anderen Lebewesen unterscheidet, ist das Bewusstseinsvermögen, sich also z.B. fragen zu können, warum ich tue, was ich tue, und wer es ist, der hier denkt und handelt. Bewusstheit schafft die Freiheit der Wahl, was ich in mir und in meinem Leben kultiviere und was nicht, welche Samen ich in meinem (Um-)Feld säe, und die Möglichkeit, in Freiheit miteinander zu handeln.

Bewusstheit ist auch die Freiheit zu entscheiden, wie ich mit Situationen umgehe (auf die ich manchmal keinen Einfluss habe) und die Möglichkeit, einer Situation entsprechend zu handeln und nicht nur unbewusst, also in gelernter und durch die Vergangenheit geprägter Weise, oder instinktiv reagieren zu können. Durch Bewusstheit haben wir die Wahl, uns jederzeit in einer Situation so oder anders zu verhalten.

„Die letzte der menschlichen Freiheiten besteht in der Wahl der Einstellung zu den Dingen.“
(Viktor Frankl)

Bewusstsein ist auch die Voraussetzung, uns staunend umzublicken, im Verwundern innezuhalten und so Ehrfurcht zu entwickeln – vor etwas, das unser persönliches Leben und unser vereinzeltes Ich überschreitet. Könnte es also ein Sinn des menschlichen Lebens sein, Bewusstheit zu entwickeln und aus dieser aus Bewusstheit gewachsenen Freiheit und dem Staunen an einer gemeinsamen Welt zu wirken?

Bewusstheit

Der Mensch – ein zum Sinn begabtes Wesen

Aus dieser Freiheit des Menschen leitet Viktor Frankl, der nach seinem Überleben der Konzentrationslager im Nationalsozialismus die Existenzanalyse3 entwickelt hat, den Willen zum Sinn4 ab. Frankl nennt Menschen als zum Sinn begabte Wesen. Im Gegensatz zu anderen Lebewesen fragen Menschen nach dem Sinn ihres Daseins und verfügen durch ihr Bewusstsein über die Wahlmöglichkeit, in verschiedener Weise einer Situation zu antworten. Menschen verfügen nach Frankl über einen Willen zum Sinn, der ein „Ringen um bestmögliche Sinnerfüllung seines Daseins“ darstellt (Frankl 1971: S. 73) Sinn kann nicht gegeben oder erzeugt, aber in jeder Situation gefunden werden:

„Sinn ist also jeweils der konkrete Sinn einer konkreten Situation.
Er ist jeweils ‚die Forderung der Stunde‘.
Sie aber ist jeweils an eine konkrete Person adressiert. […]
Es gibt keine Situation, in der das Leben aufhören würde, uns eine Sinnmöglichkeit anzubieten.“
(Frankl 1971: S. 29)

Auf der Suche nach dem Sinn leitet uns unser Gewissen. Es ist unser Sinn-Organ, um in jeder einzelnen Situation die innewohnende Forderung herauszuhören, d.h. „die 10.000 Gebote zu vernehmen, die in den 10.000 Situationen verschlüsselt sind, mit denen ihn sein Leben konfrontiert“ (ebd. S. 28-29).

Es geht also nicht nur darum, den Sinn zu finden, sondern auch ihn zu erfüllen bzw. zu verwirklichen. Was erfordert die Situation von dir? Welchen Sinn gilt es für dich hier und jetzt zu verwirklichen?

Der Mensch – ein zutiefst interdependentes Wesen

Zoomen wir gedanklich noch weiter heraus und verlassen unseren anthropozentrischen Standpunkt, dann wird klar, dass sich das Leben nicht um den oder die Menschen dreht, sondern dass das Leben sich selbst zum Zentrum hat. Dann wird auch klar, wie abhängig wir Menschen sind. Wir sind in unserem Überleben abhängig von anderen Menschen, von Tieren, Pflanzen, unserer Um- bzw. Mitwelt, von unserer Einen Erde und ihren Lebensbedingungen, der Sonne, dem Mond, dem Universum… Wir sind zutiefst abhängige, bedingte oder interdependente Wesen. Dann wird auch klar, dass Trennung bzw. Souveränität Illusion ist.5

Das menschliche Leben aus der Perspektive des LEBENS zu betrachten, bedeutet also, den Anthropozentrismus aufzugeben. Dann wird auch klar, dass wir als einzelne Menschen und als Gattung Mensch Gast auf Erden sind. Wenn du als Mensch also Gast auf dieser Einen Erde bist, wie wirkst du dann aus diesem Bewusstheit heraus in unserer interdependenten Welt?

Fußspuren

Wirkst du aus dem Bewusstsein der Verbundenheit heraus, aus Respekt und Dankbarkeit, kannst du deinen Sinn erfüllen. Denn deinen (persönlichen) Sinn zu finden, ist nur der erste Schritt. Um dich selbst zu verwirklichen, musst du ihn auch erfüllen.

In diesem Sinne:

Sei, wer du bist!

___

(1) „Lebensprozess“ bedeutet auch, dass der Mensch im Shiatsu nicht als statisch, sondern in einem stetigen Wandlungsprozess wahrgenommen wird. So wie Geburt-Wachstum-Fülle-Sterben-Tod-Geburt die natürlichen Kreisläufe kennzeichnet, ist auch unser individuelles Leben einer stetigen Veränderung

(2) Diese Fähigkeit des Menschen nennt Hannah Arendt „Gebürtlichkeit“. Im Gestalten unserer gemeinsamen Welt erfahren wir öffentliche Freiheit und öffentliches Glück, die sich nicht durch innere Freiheit und persönliches Glück kompensieren lassen. In diesem Sinne definiert Hannah Arendt den Menschen als politisches Wesen.

(3) Die Existenzanalyse nach Viktor Frankl beschäftigt sich mit der Frage nach dem Sinn unseres Lebens. Sinn befähigt uns dazu, auch mit schwierigen Situationen in unserem Leben umzugehen: „[…] dass der Mensch, wenn er an Leib und Seele gesund bleiben will, vor allem des einen bedürfe: eines angemessenen Lebensziels, einer ihm angepassten Aufgabe im Dasein, mit einem Wort, dass das Leben an ihn ständig Forderungen stelle, freilich solche, denen er gewachsen ist“ (Frankl 1971: S. 162).

(4) Dadurch ergänzt er Freuds Willen zur Lust und Adlers Willen zur Macht um den menschlichen Willen zum Sinn.

(5) Souveränität bedeutet jedoch nicht Freiheit. Wir können frei sein, ohne souverän zu sein. Als Menschen in Pluralität und Verbundenheit können wir jedoch nicht souverän, also vollständig unabhängig, sein. Souveränität in einer verbundenen Welt ist immer Illusion.

Literatur:

Frankl, Viktor E. (1971): Der Mensch auf der Suche nach Sinn. Psychotherapie für Laien. Freiburg im Breisgau: Herder.

Sehr lesenswert ist auch Frankls Buch: Frankl, Viktor E. (2007): … trotzdem Ja zum Leben sagen – Ein Psychologe erlebt das Konzentrationslager. München: Dtv.

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Melanie LannerDer Sinn des Lebens