Selbstverwirklichung

„Was der Mensch ist, das ist er durch die Sache,
die er zur seinen macht.“
(Karl Jaspers)

Selbstverwirklichung hat zwei Dimensionen: Zum Einen geht es darum, mit sich selbst in Kontakt zu kommen und Zugang zur eigenen inneren Stimme zu finden – wie ich es in den Selbst-Gesprächen beschrieben habe. Zum Anderen meint Selbstverwirklichung Sinn-Erfüllung, also Hingabe an eine andere Person oder eine Aufgabe, die über unser eigenes Leben hinausweist. (Mehr zum Sinn des Lebens)

Selbstverwirklichung meint Sinnerfüllung

Viktor Frankl, ein KZ-Überlebender des Nationalsozialismus und Begründer der Existenzanalyse und Logotherapie, welche sich mit dem Sinn des Lebens beschäftigt, geht davon aus, dass sich der Mensch dann selbst verwirklicht, wenn er den Sinn einer Lebenssituation erfüllt und sich einer Aufgabe mit vollem Einsatz widmet.

„Aber nur in dem Maße, in dem der Mensch Sinn erfüllt,
in dem Maße verwirklicht er auch sich selbst:
Selbstverwirklichung stellt sich dann von selbst ein,
als eine Wirkung der Sinnerfüllung, aber nicht als deren Zweck.
Nur Existenz, die sich selbst transzendiert, kann sich selbst verwirklichen,
während sie, sich selbst bzw. Selbstverwirklichung intendierend, sich selbst nur verfehlen würde. Zum Wesen des Menschen gehört das Hingeordnet-, Ausgerichtetsein,
sei es auf etwas, sei es auf jemand, auf eine Idee oder eine Person!“
(Frankl 1979: S. 225)

Mit „Selbst-Transzendenz“ meint Frankl, dass menschliches Leben über sich hinausgreift – nicht in einen übermenschlichen, übersinnlichen oder jenseitigen Bereich, sondern dass der Mensch sich an etwas ausrichtet, z.B. einer Aufgabe, die größer ist als seine ichbezogenen Bedürfnisse. Dem nicht neurotischen Menschen geht es in Frankls Weltanschauung weniger um sich selbst als um die Sachen und die PartnerInnen draußen in der Welt, „und zwar nicht etwa als mehr oder weniger taugliche Mittel zum Zweck der Bedürfnisbefriedigung, sondern eben um ihrer selbst willen“ (ebd. S. 87). In der Hingabe an eine Aufgabe oder eine andere Person, wie es sich z.B. im Elternsein täglich vollzieht, verwirklicht sich der Mensch selbst.

„Was ich unter Selbst-Transzendenz verstehe, hat nichts mit Jenseits zu tun,
sondern bedeutet, dass der Mensch um so menschlicher ist –
dass er um so mehr er selbst ist, als er sich selbst übersieht und vergisst,
sei es in der Hingabe an eine Aufgabe, an eine Sache oder an einen Partner.“
(ebd. S. 87)

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Selbstverwirklichung bedeutet dann Sinnerfüllung und eben gerade nicht Selbstausdruck und bloße Expression des eigenen Selbst. Denn wenn Selbsterfahrung oder gar Selbstbespiegelung zum Selbstzweck oder Lebensinhalt wird, verliert das Leben – und das weiß ich aus eigener Erfahrung – jeglichen Sinn und damit auch die Möglichkeit, sich selbst zu verwirklichen. Verwirklichen können wir uns nur in der Welt, in unseren Aufgaben und in der Beantwortung der Situationen, die das Leben uns stellt. Wir verwirklichen uns selbst, indem wir das, was wir tun, verantworten und Verantwortung übernehmen – für eine Aufgabe, die größer ist als unser Ich.

Selbstverwirklichung ist also ein Paradoxon.

Zum Einen müssen wir uns selbst kennen lernen, um zu wissen, was wirklich zu uns gehört und was wir nur (an Erwartungen, Vorstellungen, Ansprüchen) übernommen haben – und so unserem Selbst, also unserer inneren ureigenen Stimme begegnen. Zum Anderen müssen wir uns gerade selbst vergessen und übersehen, um uns selbst verwirklichen zu können.

In diesem Sinne:

Sei, wer du bist!

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Literatur: Frankl, Viktor (1979): Der Mensch vor der Frage nach dem Sinn. Eine Auswahl aus dem Gesamtwerk. 29. Auflage. München: Piper.

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Melanie LannerSelbstverwirklichung