Tyrannei der Intimität

Melanie Lanner Gesellschaft

Schon einen Tag, nachdem mein Mann wieder mit dem Arbeiten begonnen hat, fühle ich mich in die Tyrannei der Intimität versetzt. Und ich erinnere mich an das Buch von Richard Sennett mit dem gleichnamigen Titel, das ich letztes Jahr gelesen habe. Etwas, das nach Corona-Krise und der Einschränkung des öffentlichen Lebens klingt, liegt viel tiefer in unserer Geschichte begründet: im Verlust des Öffentlichen. Und diesem Verlust und der damit verbundenen Tyrannei der Intimität geht Sennett schon 1977 auf die Spur. Was ist Öffentlichkeit und wie hat sie sich historisch entwickelt, sind für ihn die Leitfragen in seinem Buch.

Was ist Öffentlichkeit

Öffentlichkeit als Begegnungsraum mit „dem Fremden“

Der öffentliche Raum wurde bei den Römern res publica genannt. Ein Raum, der durch Beziehungen und wechselseitige Verpflichtungen zwischen Menschen bestimmt war, die nicht durch familiäre oder andere persönliche Bande miteinander verknüpft waren. Vielmehr war dieser öffentliche Raum auch der Raum, „den Fremden“ zu begegnen und mit ihnen im Austausch zu stehen. Die Öffentlichkeit bezeichnet also das, was ein Gemeinwesen verbindet – manchmal auch „Masse“ oder „Volk“ genannt –, im Unterschied zu Familien- und Freundschaftsbeziehungen.

Seit dem Tod von Augustus erleben die Römer das öffentliche Leben jedoch nur noch als lästige, formale Pflicht. Es zieht sie kollektiv nach innen – und damit auch ins Christentum und dessen religiöse Verinnerlichung. Der Umgang mit „den Fremden“, der Fremde selbst wird als bedrohlich erlebt. Dadurch verliert die res publica mehr und mehr an Bedeutung. Das Christentum fördert diese Hinwendung nach innen – in der Suche nach dem eigenen Seelenheil.

Öffentlicher Raum in der Aufklärung

So entwickelt sich dann auch erst im 18. Jahrhundert wieder ein öffentlicher Raum, der die Begegnung unter Fremden möglich macht. Zu dieser Zeit wachsen die Städte durch Zuwanderung vom Land, und es entstehen neue Räume des öffentlichen Lebens. Es ist die Zeit der Kaffeehäuser, der öffentlichen Parks sowie der Theater- und Opernhäuser. Um mit Fremden im öffentlichen Raum angemessen umgehen zu können, deren familiären Stand man nicht mehr nachvollziehen konnte, und eine soziale Ordnung in der städtischen Situation herzustellen, haben sich neue Kleidungs- und Sprachvorschriften gebildet. Diese haben auch den öffentlichen Raum so strukturiert, dass eine Begegnung zwischen Unbekannten möglich, ja als lustvoll erlebt wurde. Ein anschauliches Bild für diese Zeit liefert zum Beispiel Jane Austen in ihren Romanen. Mehr…

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