Sei, wer du bist!

Wozu soll ich mich auf mich selbst besinnen,
wozu meinen besonderen Weg erzählen,
wozu mein Wesen zur Einheit bringen?
Die Antwort lautet:
Nicht um meinetwillen.

Bei sich beginnen, aber nicht bei sich enden;
von sich ausgehen, aber nicht auf sich abzielen;
sich erfassen, aber sich nicht mit sich befassen.

(Martin Buber)

… Und am Ende schließt sich der Kreis …

Denn „Sei, wer du bist!“ umfasst zwei Themen, die mich seit meiner Jugend beschäftigen: Die Frage „Wer bin ich?“ und die Aufforderung „Sei!“ – also Fragen rund um Identität und Selbstverwirklichung.

Wer bin ich?

Über die Jahre kommt mir die Frage „Wer bin ich?“, die mir zum ersten Mal mit 16 Jahren begegnet ist, wie ein Kōan vor. Kōans sind kurze Anekdoten oder Denkübungen aus dem Zen-Buddhismus, die jedoch gerade das rationale-analytische Denken in eine Sackgasse führen und dadurch überschreiten sollen, um in einen Bereich vorzudringen, der nicht mehr durch den Verstand erfasst werden kann.* Meistens sind sie paradox, unverständlich und sinnlos. Eines meiner Lieblingskōans ist:

Und als man Meister Tung-shan fragte: „Was ist der Buddha?“,
antwortete er: „Drei Pfund Flachs.“

Die Frage „Wer bin ich?“ stellt sich für mich auch immer mehr als unbeantwortbar heraus – zumindest im herkömmlichen Sinn einer festlegbaren, definierbaren Identität. Denn was oder wer ist das Ich? Oder anders: Wer bin ich, dem all das geschieht?

Identität – was ist das?

Fangen wir einmal mit meiner Identität an. Was lässt sich da über mich aussagen? Ich lese gerne, liebe schreiben und gehe gerne in der Natur spazieren. Mich beschäftigt die Frage nach dem Sinn des Lebens ebenso wie die Frage nach der Gestaltung unserer Einen Welt. Ich bin Mutter einer Tochter, verheiratet, Soziologin, Shiatsu-Praktikerin und Autorin. Geboren bin ich in München, lebe aber fast schon gleich lange in Graz und bin hier verwurzelt. Ich mag lieber Tee als Kaffee. Mein Lieblingstier ist der Esel. Mich stören laute Geräusche, ich kann keine Bohrmaschine betätigen und habe kein technisches Verständnis. Aber auch wenn ich diesen Katalog fortsetze, wird sie nicht meine individuelle Persönlichkeit beschreiben. Denn all diese Eigenschaften und Vorlieben teile ich auch mit anderen Menschen, d.h. diese Eigenschaften sind gerade eben nicht persönlich und individuell verschieden. Oder um es psychoanalytisch zu formulieren: Das Ego ist der normalste Komplex des Menschen. Es ist eben nicht persönlich, sondern allgemeinmenschlich. Ist die Identität also eine Sammlung meiner Eigenschaften, Tätigkeiten und Vorlieben?

Klar sehe ich, wenn ich mich mit anderen vergleiche, individuelle Unterschiede: Ich bin zum Beispiel extravertierter als meine Schwester, emotionaler als viele meiner Uni-Kollegen und neugieriger als meine Nachbarin. Aber bin ich deshalb extravertiert, emotional und neugierig? So ganz kann das auch nicht stimmen, denn ich bin auch introvertierter als meine Freundin, emotional gefasster als die Mutter meiner Freundin und weniger neugierig als meine Tochter. Wie lässt sich dann also meine Identität festlegen? Und wer oder was ist dann aber mein Ich, wenn es sich nur relational zu anderen beschreiben lässt?

Außerdem ist Identität wie alles im Leben nichts Statisches, sondern von stetigen Veränderungen begriffen. Als Teenagerin habe ich mich vor allem für Mode, Schminke, Partys und Jungs interessiert. Mein Selbstwert war daran geknüpft, wie viele Jungs mich schon geküsst haben. Während der Studienzeit habe ich mich in Vielem ausprobiert und neu entdeckt – und dann wieder neu entdeckt und wieder neu entdeckt… Identität verwandelt sich durch Erfahrungen, die wir machen, durch neue Sichtweisen, die wir gewinnen, durch Begegnungen mit Menschen, durch Schicksalsschläge und Krisen. Doch wenn sich unsere Identität stetig wandelt, was sagt dann eine Ich-Identität überhaupt aus? 

„Wenn ihr alle eure Gedanken ‚wegnehmt‘ und alle eure Konzepte ‚entfernt‘,
was würde euch dann über das eigene Selbst klar werden? Was würde übrig bleiben?“
(Yamada Roshi, zitiert nach Wartenweiler 2010: S. 157)

Foto: lab604 (CC BY-SA 2.0)

Foto: lab604 (CC BY-SA 2.0)

Selbstverwirklichung

Wenn ich jetzt aber nicht einmal meine Identität und mein Ich festlegen kann, wie soll ich mich dann selbst verwirklichen? Wie ist dann in diesem Zusammenhang die Aufforderung „Sei!“ zu verstehen?

Wenn wir aus der Des-Illusionierung der individuellen Identität ableiten, dass unsere Aufgabe darin besteht, das Ich aufzulösen – wie dies in vielen spirituellen Richtungen geschieht –, ist dies ebenso eine Illusion oder ein leeres Konzept wie das Ich an sich. Denn wer ist es, der das Ich auflöst? Wer ist es, der das Ich loslässt?

Stellen wir die Frage nach dem Ich und dessen Relativierung jedoch anders, wird vielleicht klarer, worum es bei „Sei, wer du bist!“ geht: Wenn sich das Ich als Illusion herausstellt und dadurch „auflöst“, bleibt die Frage, worin bzw. in was es sich auflöst. Dann bedeutet Selbstverwirklichung das Auflösen in etwas Größerem als der eigenen Identität und der Identifikation mit unserem Ich. Selbstverwirklichung bedeutet dann Hingabe an eine Aufgabe, die über das eigene vereinzelte, getrennte, sterbliche Ich hinausgreift. Oder in den Worten von Viktor Frankl:

„Und erst in der Hingabe an eine Sache gestalten wir die eigene Person.
Nicht durch Selbstbetrachtung oder gar Selbstbespiegelung,
nicht durch Kreisenlassen des Denkens um unsere Angst werden wir frei von der Angst,
sondern durch Selbstpreisgabe, durch das Sich-Ausliefern und Sich-Hingeben
an eine solcher würdiger Sache.“
(Frankl 1971: S. 163-164)

Sei, wer du bist!

Sei, wer du bist! bedeutet also gerade keinen Weg der Entwicklung der Persönlichkeit und der „authentischen“ Verwirklichung des Ich, sondern Selbst-Preisgabe und Aufgehen in einer größeren Aufgabe.

„Je mehr er aufgeht in seiner Aufgabe, je mehr er hingegeben ist an seinen Partner,
um so mehr ist er Mensch, um so mehr wird er er selbst.
Sich selbst zu verwirklichen kann er also eigentlich nur in dem Maße,
in dem er sich selbst vergisst, in dem er sich selbst übersieht.“
(Frankl, 1971, S. 14-15)

Ich-Relativierung als Basis von Mitgefühl

Sei, wer du bist! bedeutet das Lösen der Identifikation mit unserem Ich. Lösen wir die Identifizierung mit unserem Ich, handeln wir nicht mehr unseren eigenen egoistischen Bedürfnissen, Wünschen und Vorstellungen, also vom Standpunkt unseres Ich, heraus, sondern der Situation entsprechend und angemessen. „Was erfordert die Situation, in der du gerade bist, von dir?“ ist dann deine Leitfrage, die es in jedem Moment neu zu beantworten gilt.

Löst sich die Identifizierung mit deinem Ich, wirst du ein Mensch unter Menschen, ein Lebewesen unter Lebewesen, ein Gast unter Gästen auf Erden. (Mehr dazu in meinem Artikel zum Sinn des Lebens)

Ich-Relativierung und damit ein Gefühl der Verbundenheit sind auch die Basis von (tätigem) Mitgefühl, im Buddhismus Karuna genannt. Karuna meint, unser Herz zu öffnen und anderen zu helfen, das Leid anderer Lebewesen zu lindern und/oder einem Größeren Ganzen als unseren egozentrischen Bedürfnissen zu dienen. Was kannst du tun, damit es anderen (in deinem Umfeld) besser geht? Was erfordert die Situation von dir? Wie kannst du (am besten) dienen?

Ein Teil meiner Aufgabe ist es, meine Erfahrungen der Heilung, der ganzheitlichen Gesundheit und der Selbsterfahrung, die zu mehr Bewusstheit und Ganzwerdung führt, zu teilen und als Shiatsu-Praktikerin Menschen in ihrem eigenen Prozess zu sich selbst zu begleiten. Dafür und darüber habe ich auch ein Buch geschrieben und veröffentlicht – und mir dadurch einen meiner wichtigsten Lebensträume erfüllt. Und was ist deine Aufgabe? 

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(*) Im Zen-Buddhismus werden sie als Meditationsobjekte genutzt. Ziel ist die Erkenntnis der Nutzlosigkeit von Konzepten und Bezeichnungen.

Literatur:

Frankl, Viktor E. (1971): Der Mensch auf der Suche nach Sinn. Psychotherapie für Laien. Freiburg im Breisgau: Herder.

Wartenweiler, Dieter (2010): Der wahre Mensch ohne Rang und Namen. Zen im Westen. Ostfildern: Patmos.

Melanie LannerSei, wer du bist!