Über das Sterben und das Leben

Melanie Lanner Selbstbegegnung

Mein Opa war 18 Jahre alt, als er sich freiwillig im Zweiten Weltkrieg zur Marine gemeldet hat. Die Geschichte, wie sie in meiner Familie erzählt wird, ist, dass er dem Schicksal ausweichen wollte, später als einfacher Fußsoldat zwangsweise eingezogen zu werden und wahrscheinlich unter schrecklichen Bedingungen zu sterben. Vielleicht hatte er auch ein Abenteuer gesucht, wie so viele junge Männer zu dieser Zeit. Ich weiß es nicht. Er hat später nie wieder davon gesprochen.

Als sein Schiff bombardiert wurde, ist der Kamerad neben ihm durch einen Kopfschuss gefallen. Der Soldat daneben meinte zu meinem Großvater, dass dies eine gute Art des Sterbens sei: schnell, plötzlich und ohne Leid. Mein Großvater antwortete, dass er dies nicht will. Er wollte bewusst sterben.

Das Leben und der Tod sind eins

Mein Opa ist aus dem Krieg zurückgekehrt. Er hat in München ein Haus gebaut, vier Kinder bekommen und als Bauingenieur gearbeitet. Doch dann ist er krank geworden und war zehn Jahre lang bettlägerig, bevor er an den Folgen von Parkinson und später Demenz verstorben ist. Er hat sich Zeit gelassen mit dem Sterben. Ich weiß nicht, was er für sich in diesem langen Sterbeprozess gefunden hat. Er war nicht mehr ansprechbar. Aber ich weiß, dass er mir und meiner Familie viele Erkenntnisse über das Sterben geschenkt hat.

Als ich 2007 für drei Monate in Nepal war, hatte ich einen intensiven Traum von meinem Opa. Es war wie ein Gespräch, das ich auch jetzt noch als so real empfinde, als hätten wir wirklich miteinander gesprochen. Mein Opa hat mich auf eine Art Reise mitgenommen – hinter den Schleier des Lebens, in den Tod, mitten hinein in das Sterben. Ich weiß nicht, wie ich es bezeichnen soll. Auf jeden Fall war da keine Angst. Nicht in mir, nicht in meinem Opa. Es war auch kein Aufgehen im Paradies, keine Heimkehr in den Himmel, kein Leben der unsterblichen Seele im Jenseits (und das obwohl mein Opa sehr christlich war). Es war nichts Konkretes, nichts, woran ich mich festhalten könnte, kein Licht, kein Symbol, aber es war friedlich.

Corona, Krise, Sterben

Beim Aufwachen habe ich mit jeder Faser meines Körpers gespürt, dass mein Opa mir ein riesiges Geschenk gemacht hat: Er hat mich über den Tod das Leben gelehrt. Leben heißt zu leben. Doch nicht nur: Als Mensch zu leben, heißt zum Menschen zu reifen, wirklich Mensch zu werden.

Nicht unbewusst zu bleiben, sondern wach, mit allen Sinnen präsent, ganz DA zu sein! – Im Leben und im Sterben.

Danke, Opa!

Melanie LannerÜber das Sterben und das Leben