Was ist Heilung in einer kranken Welt?

Melanie Lanner Shiatsu

Mein Artikel ist im Shiatsu-Journal veröffentlicht worden.

Shiatsu-Journal Heilung Shiatsu

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Was ist Heilung in einer kranken Welt?

Im Shiatsu heilen wir zwar nicht im herkömmlichen medizinischen Sinn. Dennoch ist Shiatsu im weiten Sinn betrachtet eine Heilkunst. Doch was ist Heilung? Und was bedeutet individuelle Heilung in einer kranken Welt?

Gesundheit ist mehr als die Abwesenheit von Krankheit. Also ist auch Heilen – das Begleiten des Heilungsweges wie zum Beispiel im Shiatsu– mehr als Symptombekämpfung. Natürlich geht es in einem ersten Schritt um Symptomlinderung. Durch effektive Shiatsu-Behandlungen und manchmal auch gerade dadurch, dass die Beschwerden in einen größeren (Sinn-)Zusammenhang gestellt werden können. Denn dann können sie angenommen werden – als Ruf, etwas in sich und im eigenen Leben zu verändern.

Manchmal ist nämlich gerade eine Krankheit oder ein Symptom ein Tor zu mehr Gesundheit und in einem umfassenden Sinn zu mehr Heilung. Heilung im Sinne von Ganzwerdung. Heilung im Sinne von Selbsterkenntnis und Bewusstwerdung. Die Krankheit wird zum Aufruf, den eigenen Heilungsweg zu wagen.

Selbsterkenntnis und Bewusstheit führen zu mehr innerem und äußerem Freiraum

Auf diesem Weg der Ganz- und Bewusstwerdung finden wir mehr innere und äußere Freiräume. Denn erst durch Bewusstwerdung habe ich die Wahl, wie ich mich gegenüber äußeren und inneren Gegebenheiten einstelle und wie ich mich bestimmten Situationen gegenüber einstelle.

Dieser Freiraum ermöglicht also Wahlmöglichkeiten – bei Entscheidungen und dabei, wie ich mich in bestimmten Situationen verhalte. Auch im Umgang mit inneren Impulsen (sogenannten Trieben, Komplexen, Archetypen und Begierden) entsteht durch Bewusstwerdung ein innerer Freiraum. Dann bin ich von diesen psychischen Impulsen nicht unbewusst getrieben, sondern kann zu ihnen Stellung beziehen. Ich kann bewusst entscheiden, welchen Impulsen ich (wie) folge und welchen nicht. Heilung bedeutet dann mehr inneren und äußeren Freiraum und mehr Gestaltungsfähigkeit in unserem Leben.

Heilung geht auch über uns selbst hinaus

Durch diesen inneren Freiraum wird es außerdem möglich, unseren eigenen Ich-Standpunkt bewusst zu machen und ihn so zu überwachsen. Dann wird es möglich, den Standpunkt anderer Menschen einzunehmen, Mitgefühl zu entwickeln und sich um andere und um das Allgemeinwohl zu kümmern. Weiter gedacht, ist Heilung also etwas, das unser Ich überschreitet. Denn wirkliche Heilung ist gerade das Aufweichen des eigenen starren Ich-Standpunkts. Als Ich-Standpunkt bezeichne ich einen (inneren) Ort, von dem wir die Welt, unsere Beziehungen, ja alles um uns herum und auch uns selbst aus betrachten.

Mein enger Ich-Standpunkt, der nur meine eigene Perspektive sieht, kann sich durch unseren Heilungsweg weiten. Denn je mehr Heilung ich erfahre, desto weniger muss ich auf meinem statten Ich-Standpunkt verharren. Ja, desto flexibler werde ich in meinem Fühlen, Denken und Handeln. Wenn ich meinen Ich-Standpunkt nicht aus Angst oder Verletzung verteidigen muss, werde ich beweglicher. Ich kann mich flexibler auf die jeweilige Situation einlassen und mich ihr angemessen verhalten. Wenn ich meinen Ich-Standpunkt durch mehr innere Weite nicht zwanghaft verteidigen muss, kann ich mich auch empathisch in andere einfühlen und deren Standpunkt verstehend einnehmen.

Auch Beziehungen können dadurch tiefgehende Heilung erfahren. Und wir sind bereit, andere auf ihrem Heilungsweg zu begleiten.

Befreiung vom eigenen Ich-Standpunkt

Manchmal erfahren wir sogar Momente der Befreiung von unserem Ich-Standpunkt. Dann können wir noch etwas tiefer blickend erkennen, dass es so etwas wie ein getrenntes Ich gar nicht gibt.

Denn je tiefer wir uns selbst erkennen, desto klarer wird, dass es kein vereinzeltes Ich gibt. Was es gibt, ist Verbundensein. Und im Erkennen der Verbundenheit liegt gleichzeitig die tiefste Heilung

Sprechen wir von Shiatsu als Heilkunst, geht Shiatsu also sowohl über Symptomlinderung als auch über die individuelle Person hinaus. An diesem Punkt des Heilungsweges bedeutet Heilung das Eintauchen in eine tiefere Realität als unser Alltagsbewusstsein. In die Realität des Verbundenseins. Denn Verbundenheit ist die Realität, Trennung eine (kollektive) Illusion.

Was bedeutet Heilung in einer kranken Welt?

Wird uns die Verbundenheit als Realität bewusst, stellt sich die Frage nach Heilung noch einmal neu: Was bedeutet individuelle Heilung in einer kranken Welt? Was bedeutet Heilung in einer Welt der Klimakatastrophe? Was heißt individuelle Heilung in einer Welt der globalen ökologischen und sozialen Krise? Wird uns die Verbundenheit als Realität bewusst, dann müssen wir aufwachen und erkennen, dass es keine individuelle Heilung gibt und geben kann.

Unsere Heilkunst kann dann nicht bei einer individuellen Person aufhören. Ja, es geht beim Heilen nicht um das Heilen dieser einen Person. Es geht um die Heilung der Welt.

Wir sind aufgerufen, Heilung von unserer Praxis auch hinaus in die Welt zu tragen!

Trennung ist die Ursache allen Leidens

Heil bedeutet „ganz, vollkommen, vollständig“. Und Heilen heißt, etwas zu verbinden und ganz zu machen. Verbundenheit bedeutet Leben und Trennung Tod. Dort, wo wir verbunden sind, fließt die Energie, ist Leben – im individuellen wie im kollektiven Leben. Die Körperbereiche, die wir von uns abtrennen und deren Themen wir abspalten, sind die, die Schmerzen oder andere Beschwerden verursachen. So ist es auch im kollektiven Leben: Dort, wo die (sozialen) Trennlinien verlaufen, entsteht Leid.

Denn Trennung ist das, was Leiden schafft – kollektiv ebenso wie individuell. Trennung entlang von sozialen Gruppierungen, ausschließenden Gruppenidentitäten und nationalstaatlichen Grenzen. Rassismus, Sexismus und alle anderen Formen von Diskriminierung machen krank. Uns als Betroffene und uns als Gesellschaft. Dass Menschen um ihre bloße Existenz bangen müssen, dass sie Krieg und Gewalt ausgesetzt sind, macht krank. Betroffenen ebenso wie uns als Kollektiv. Mauern, die wir im Inneren und Äußeren gegenüber „den Fremden“ errichten, machen krank. Geflüchtete Menschen und andere soziale AußenseiterInnen ebenso wie unsere Gesellschaft. An dieser Trennung zwischen „Wir“ und „den Anderen“ krankt auch unsere Gesellschaft.

Die Ausbeutung der Natur, der Verlust der Artenvielfalt, der Klimawandel machen krank. Sie zerstören auch unsere eigene Lebensgrundlage. Doch gerade dadurch wird auch deutlich: Alles ist miteinander verbunden. Nichts ist getrennt. Trennung bedeutet Tod, Verbundenheit Heilung.

Unsere Welt ist krank. Und sie braucht Heilung.

Um die Welt zu heilen, braucht es konkrete Taten. Es braucht Menschen, die biologische Landwirtschaft betreiben und die biologisch angebaute Lebensmittel kaufen. Es braucht Menschen, die Bäume pflanzen, Solarenergie nutzen und Humus aufbauen. Zur Heilung der Welt braucht es auch Menschen, die auf die Straße gehen und für eine gerechtere Klimapolitik und gegen den Sozialabbau protestieren. Es braucht Menschen in politischen Entscheidungspositionen, die sich für erneuerbare Energien starkmachen und eine Energiewende herbeiführen. Es braucht politische Entscheidungen, die Flächenversiegelung stoppen, Patente auf Leben verbieten und zur globalen Gerechtigkeit beitragen. Und es braucht all diese konkreten Taten – und noch viele mehr.

Machen auch wir uns dran – mit all unseren Fähigkeiten und Gaben –, die Erde zu unterstützen, sich selbst zu heilen. Bringen wir Heilung auch außerhalb unserer Praxisräume.

Wirken wir in unseren Beziehungen und in all den sozialen Bezügen, in denen wir uns sowieso bewegen (u.a. in unserer Praxisgemeinschaft, in Arbeitsteams, in unserem sozialen Engagement, im Elternbeirat), als Menschen, die Trennung überwinden und Verbindungen schaffen. Verbinden wir in uns bisher getrennte gesellschaftliche Bereiche. Verbinden wir Wissenschaft mit Spiritualität, Wirtschaft mit Heiligung der Natur, Politik mit Selbstentfaltung. Wirken wir aus einem Menschenbild der Verbundenheit. In allem, was wir tun. Darin liegt Heilung.

Über die Autorin:

Melanie Lanner, Diplom-Soziologin und Master in Gender Studies, arbeitet seit 2012 als Shiatsu-Praktikerin und Tanzpädagogin in freier Praxis in Graz. Sie ist Autorin des Buchs Hin zu Fuß, zurück auf Adlerschwingen – „Der Herr der Ringe“ als heldenhafte Selbsterfahrung, das 2018 im Verlag opus magnum erschienen ist, sowie mehrerer Zeitschriftenartikel zu vielfältigen Themen. Besonders interessiert sie sich für die Zusammenhänge von individueller Heilung und der Heilung der Welt.

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