Energetische Körperarbeit

Shiatsu ist eine ganzheitliche Körperarbeit, die Körper, Psyche/Emotionen, Gedanken(-Muster) als Einheit betrachtet und den Mensch in seinen gesamten Lebensprozess und seine Umwelt eingebettet sieht. Shiatsu ist auch eine energetische Körperarbeit. Doch Shiatsu ist keine „klassische“ Energiearbeit – wobei sich natürlich nicht definieren lässt, was Energiearbeit an sich ist, weil es so viele Methoden und Energiekonzepte gibt. Was bedeutet Energie im Shiatsu?

Ki ist Lebenskraft

Die Energie im Shiatsu heißt Ki (japanisch)*. Ki – übersetzt als Lebensenergie oder Lebenskraft – durchfließt unseren gesamten Körper und versorgt ihn mit Energie. Ohne Ki keine Bewegung. Ohne Ki kein Leben. Deshalb begrüßt man sich in Japan auch mit: „O genki des ka?“ bzw. „Wie steht es mit Ihrer Lebenskraft?“ Und Byôki bedeutet krank. Das entsprechende Schriftzeichen steht für ein schwaches Ki, das in Unordnung ist und sich wegen Steifheit nicht bewegen kann. Ki ist also Lebenskraft.

Energiearbeit im Shiatsu bedeutet, den Energiefluss anzuregen, da einer freier, harmonischer Energiefluss die Grundlage von Gesundheit ist. Energiearbeit im Shiatsu bedeutet, dass wir mit der Lebenskraft, die im Körper ist, „arbeiten“. Wir führen keine Energie von außen zu, wie es in manchen Energiearbeiten passiert. Ich agiere als Shiatsu-Praktikerin nicht als „Kanal“ für z.B. eine „göttliche“ Energie. Vielmehr wirke ich durch einen speziellen Fingerdruck auf den Energiefluss im Körper der KlientInnen ein und unterstütze so die Selbstheilungskräfte des Körpers.

Ki ist universale Lebenskraft

Ki durchfließt nicht nur unseren Körper, sondern das ganze Universum. Ki ist die universale Lebenskraft. Sie zirkuliert in der Luft, im Wasser, der Erde, den Pflanzen, Tieren und in unserem menschlichen Körper. Auch Dinge bestehen aus Ki. Das heißt aber auch, dass Ki keine abstrakte Kraft ist, sondern sich in der Materie verkörpert. Das Universum besteht aus Ki, ist Ki, könnten wir auch sagen. Oder das Universum ist eine Ausdrucksform des Ki und Ki eine Ausprägung des Dao, das alles ist.

In der Weltsicht des Daoismus, der dem Shiatsu und der Traditionell Chinesischen Medizin (TCM) zugrunde liegt, ist am Anfang Dao, das All-Eine, All-Umfassende, aber doch Unbeschreibbare. Aus dem Einen entstehen Yin und Yang, eine Spannung und damit Leben. Denn Leben braucht Spannung, Polarität und damit eine Welt der Dualität. Zwischen Yin und Yang beginnt es zu fließen. Das, was fließt, ist Energie, also Ki. Ki ist also die Kraft des Dao.

„Alle Dinge dieses Kosmos sind Qi – ihre Form und Gestalt, ihre Substanz wie ihre Energie.“
(Platsch 2005: S. 3)

Die historisch älteste Vorstellung von einer universalen Energie ist Prana der indischen Tradition, die mehr als 5000 Jahre alt ist. Seit dem 3. Jahrtausend vor Christus gibt es in China den Begriff „Qi“ und seit 1000 v. Chr. ist er in chinesischen Medizinbüchern vermerkt. Das Eine Qi/Ki wird in der TCM in fünf Aspekte bzw. qualitativ spezifische Kräfte gegliedert: die Fünf Elemente oder Wandlungsphasen.

Im Körper fließt das Ki hauptsächlich durch die zwölf Meridiane, die deshalb auch als Hauptenergieleitbahnen bezeichnet werden können. Das Konzept der Meridiane und ihre Verläufe beruhen auf jahrtausendealte Erfahrungen, das heißt, auf einem Spüren, welcher Akupunkturpunkt und welche Linie (also welcher Meridian) auf welches System (z.B. das Verdauungs- oder Atemsystem) wirken. Und noch immer werden die Verläufe und Punkte jedes Jahr durch ein Team von ExpertInnen der TCM verfeinert und differenziert.

Akupunktur

Energiefluss als Grundlage der Gesundheit

Das Ki im menschlichen Körper ist das Reservoir der eigenen Lebenskraft, die Wirkkraft der Organe zur Erfüllung ihrer Funktionen sowie ein feinstoffliches Kommunikationsmedium innerhalb der (Meridian-)Leitbahnen, welche Informationsfunktion, Steuerungsfunktion (Anregung, Kontrolle) und Versorgungsfunktion haben. Außerdem wirkt Ki als Schutzkraft gegen äußere, schädigende Einflüsse und als verbindende Kraft von Geist und Körper (vgl. Itin 2007: S. 109-110).

„Ki steht für lebenswichtige Funktionen wie Nahrung und Nähren, Bewegung und Beziehung, Verbindung und Bindung, Transformation, zyklische Wandlung, Rhythmus, Wärme, Wachstum, Kraft, Lebendigkeit, Anpassungsfähigkeit, Aktivität, Arbeit. Ki hat Bezüge zu den festkörperlichen Aspekten des Körpers (Organe, Knochen, Muskeln, Gewebe, Nerven, Körperflüssigkeiten) und zu den subtilen, psychischen und geistigen Formen (Absichten, Bedürfnisse, Gefühle, Geisteszustände).“
(Itin 2007: S. 108)

Ki durchströmt also unseren Körper und versorgt ihn bis in die Peripherien mit Energie. Das japanische Zeichen „Ki“ setzt sich aus den Symbolen für „Reis“ und „Dampf“ zusammen. „Reis“ steht hier für den materiellen Aspekt von Ki, also für alles, was Materie ist und eine Energieform, die wir durch Materielles, also Nahrung, in uns aufnehmen (können). Unser Energiesystem setzt sich nämlich aus einem angeborenen Ki (Jing), das wir von unseren Eltern vererbt bekommen, sowie Nahrungs- und Luft-Ki, das wir selbst über das Essen und die Atmung aufnehmen, zusammen. Das Zeichen „Dampf“ steht für den immateriellen Aspekt von Ki und damit auch die Energie, die wir durch die Atmung aufnehmen (und wieder abgeben).

Verschiedene Formen von Ki

Wir können es also auch so formulieren, dass Ki sich verschiedenartig manifestieren kann, nämlich irdisch-substanzhaft (Reis), expansiv-dampfförmig (aufsteigender Dampf) und unsichtbar-geistig (aufgestiegener Dampf) bzw. materielle und immaterielle Aspekte hat.

Oder einmal anders betrachtet: Ki verbindet Erde (Reis) und Himmel (Dampf) miteinander, und der Mensch hat seinen Platz zwischen Erde und Himmel, vereint also materielle und geistige Aspekte. Damit ist Ki die Wechselbeziehung zwischen Körper und Geist. Ki ist also weniger eine Substanz, die durch den Körper fließt, um die organischen Funktionen anzutreiben als eine Beschreibung von Ähnlichkeiten zwischen bestimmten körperlichen und geistigen Prozessen (vgl. Palmer 2019: S. 10). Zum Beispiel ist es sowohl ein organischer Prozess, von außen zugeführte Dinge (also Essen) zu verdauen und Nicht-Passendes auszuscheiden, als auch ein emotional-geistiger Prozess.

„Vielleicht sind die Erfahrungen unseres Körpers und diejenigen unseres Geistes nur unterschiedliche Wahrnehmungen der gleichen Sache. Es ist therapeutisch sinnvoll, die Arten von Qi als Abstraktionen dieser tieferen Wirklichkeit zu betrachten, da es somit möglich scheint, physisch mit einem Problem zu arbeiten, das als emotional empfunden wird oder umgekehrt.“
(Palmer 2019: S. 10)

Ki ist also die Kraft, die alles miteinander verbindet.

Oder noch einmal anders: Ki ist auch die Kraft, die alles in Bewegung bringt, die für einen Ausgleich sorgt und sich stetig in verschiedene Formen verwandeln kann. Energie ist also auch ein anderes Wort für Wandlung.

Kokon

Energetische Wahrnehmung im Alltag

Das klingt jetzt alles vielleicht etwas abgehoben und abstrakt, aber energetische Wahrnehmung, wie Shiatsu sie versteht, kennen wir alle auch aus Alltagserfahrungen: Wenn verschiedene Personen einen Raum betreten, löst das unterschiedliche Gefühle in uns aus. Die Atmosphäre, die um eine Person entsteht, können wir als Energie bezeichnen. Räume spüren sich unterschiedlich an. Auch das ist eine Form der energetischen Wahrnehmung. Manchmal spüren wir auch, was eine andere Person fühlt. Das nennen wir dann Resonanz. Oder anders formuliert: Wir nehmen die Energie der Person wahr.

Energiewahrnehmung für zuhause

Eine Möglichkeit, die Lebenskraft Ki wahrzunehmen, ist, den Atemfluss zu beobachten. Lege dich hierfür entspannt auf eine Decke oder Matte auf den Boden. Stelle deine Beine auf oder lege dir ein Kissen unter die Knie. So kann sich dein unterer Rücken entspannen.

Beobachte, wo deine Aufmerksamkeit zuerst im Körper hinfließt. Wie fühlt sich der Bereich an? Empfindest du dort Schmerzen, ein Unwohlsein oder ein besonderes Wohlgefühl, Geborgenheit, Vertrauen? Ist der Bereich warm oder kalt, pulsierend oder eher als wäre er leer? Nimm den Bereich wahr, ohne etwas zu verändern oder zu bewerten.

Dann achte auf deine Atmung in diesem Körperbereich, ohne sie bewusst zu verändern. Atmung ist Energie, ist Ki. Fließt deine Atmung in den speziellen Körperbereich? Wie fließt der Atem – leicht oder schwer, flüssig oder stockend, viel oder wenig…? Beobachte, ohne zu bewerten!

Dann dehne deine Aufmerksamkeit auf deinen ganzen Körper aus. Wie fließt dein Atem? Ist es schwer oder leicht zu atmen? Wo fließt der Atem hin? Überall oder stockt er irgendwo? Beobachte deine Atmung in deinem ganzen Körper, ohne die Atmung bewusst zu verändern oder zu bewerten.

Kommst du an eine Stelle in deinem Körper, wo dein Atem nicht hinfließt, kann dies ein Hinweis auf eine Energie-Blockade sein. Bringe dann gerade dort bewusst deine Aufmerksamkeit und Atmung hin. Hierfür kannst du zum Beispiel auch deine Hand auf den Bereich legen. Wie fühlt es sich an, in diesen Bereich zu atmen? Wie spürt sich der Atem in diesem Bereich deines Körpers an? Was empfindest du dabei? Wie fühlt es sich an? Tauchen Gefühle, Gedanken, Erinnerungen, Assoziationen auf? Nimm all dies wahr, ohne es zu bewerten.

Atme solange in den Bereich, bis sich eine innere Ruhe einstellt. Dann liege noch ein paar Minuten ruhig auf der Decke oder Matte und entspanne dich.

Atmung ist Ki. Nimmst du also deine Atmung in deinem Körper bewusst wahr, verbindest du dich mit deinem Energiefluss, mit Ki. Atmest du in einen zuvor blockierten Körperbereich, kann die Energie wieder frei fließen. Und ein freier Ki-Fluss ist Voraussetzung für Gesundheit.

Pusteblume

Ki in der Shiatsu-Behandlung

In der Shiatsu-Behandlung selbst beschäftigt uns Ki als physische Manifestation in Form von Spannung. Es geht auf der physischen Ebene darum, Spannungen zu lösen und dadurch die Energie wieder ins Fließen zu bringen. Außerdem kann ein Zuviel oder Zuwenig Energie im Körper vorhanden sein (wir sprechen dann von Jitsu- und Kyo-Zuständen). Ki kann auch so ungleich in einzelnen Körperbereichen verteilt sein, dass es zu körperlichen und psychischen Beschwerden kommt. Dann geht es in der Shiatsu-Behandlung um einen Ausgleich der Energien, z.B. zwischen oberer und unterer Körperhälfte. Eine Voraussetzung für Gesundheit ist im Shiatsu nämlich ein angemessen hohes Energievolumen, das natürlich im ganzen Körper verteilt ist.

Über die Behandlung von Meridianen wird in der Shiatsu-Behandlung ebenfalls Ki berührt: Blockaden und Stauungen werden gelöst, sodass die Energie wieder frei im Körper fließen kann und die Meridiane ihre Informations-, Steuerungs- und Versorgungsfunktion übernehmen können. Ziel der Shiatsu-Behandlung auf dieser Ebene ist, bildlich gesprochen, eine kultivierte Flusslandschaft. Shiatsu-PraktikerInnen sind dann LandschaftsgärtnerInnen und unterstützen die natürliche Harmonie des Flusslaufs (vgl. Itin 2007: S. 138). Denn ein freier harmonischer Energiefluss ist im Shiatsu die Grundlage für unsere Gesundheit. Blockaden und Stagnationen im Energiefluss verursachen Beschwerden und Krankheiten.

Der Ki-Fluss wird durch Emotionen, Gedanken(-Muster), Ernährungs- und Atemgewohnheiten, Schlafqualität, Stress, Wetterbedingungen, Tageszeit (Organuhr) und alltägliche Angewohnheiten beeinflusst. Auch dieser umfassende Blick ist Teil von Shiatsu – einer ganzheitlichen, energetischen Körperarbeit.

Neugierig? Dann freue mich, wenn du einen Termin für eine Shiatsu-Behandlung vereinbarst!
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(*) oder auch „Qi“ (chinesisch) geschrieben. Der Begriff „Qi“ findet sich in derselben Bedeutung auch bei den bei uns häufig ausgeübten asiatischen Bewegungs- und Kampfkünsten Qigong und Taijiquan.

Literatur:
Itin, Peter (2007): Shiatsu als Therapie. Norderstedt: Books on demand.

Palmer, Bill (2019): Behinderung ist eine persönliche Fähigkeit. In: Shiatsu Journal 96/2019, S. 9-13.

Platsch, Klaus-Dieter (2005): Die fünf Wandlungsphasen. Das Tor zur chinesischen Medizin. München: Elsevier.

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Melanie LannerEnergetische Körperarbeit