Ganzheitliche Körperarbeit

Was mich am Shiatsu als Heilkunst am meisten anspricht, fasziniert und begeistert, ist der ganzheitliche Zugang. Der Mensch als Ganzheit. Körper-Psyche-Verstand-Geist-Einheit. Verkörpertes Leben (oftmals auch „Embodiment“ genannt). Emotionen drücken sich, bevor sie versprachlicht und meist auch bevor sie bewusst werden, im Körper aus. Wir weinen, wenn wir traurig sind. Beben vor Zorn. Wir erstarren in Angst. Freude lässt unsere Augen leuchten. Auch Gedankenmuster zeigen sich in der Körperhaltung und dem körperlichen Ausdruck.

Langfristige Gefühlszustände und Gedankenformen verfestigen sich manchmal so im Körper, dass wir sie gar nicht mehr alleine auflösen können. Wir sind dadurch in unserer Beweglichkeit und unseren Möglichkeiten eingeschränkt, wir entwickeln Schmerzen und andere körperliche Beschwerden.

Da kommt Shiatsu ins Spiel: Denn über den Körper können wir auch verfestigte Körperausdrücke und damit Emotionen und Gedankenmuster lösen, entspannen, lockern, ins Fließen bringen. So lösen sich durchs Shiatsu auch gehaltene, verfestigte Gefühle und Gedankenmuster.

Foto: Austyn Chapman

Die Wechselwirkung Gefühle-Gedanken-Körper: ein Beispiel

Wie sich Gedanken und Gefühle im Körper ausdrücken und dieser wiederum Gedanken und Gefühle beeinflusst, merke ich auch an mir selbst immer wieder. Ärgere ich mich zum Beispiel über einen Kollegen, ziehe ich meine Stirn etwas zusammen und meine Arme werden fest. Ich könnte schreien, um mich schlagen und auf den Boden stampfen. Das tue ich nicht. Der Energiefluss blockiert. Und an einen wütenden Gedanken hängt sich zugleich der nächste – wie beim dreckigen Geschirr, das sich wundersam vermehrt, wenn wir es nicht sofort in den Geschirrspüler räumen. Schon einmal wütend fallen mir immer noch mehr Situationen auf, die mich wütend machen. Manchmal auch ganz alte Geschichten, die ich dachte, schon längst verarbeiten und losgelassen zu haben. Ich sehe alles durch diese spezielle Wut-Brille. Denn ich bin auch körperlich in meiner Wut-Position. Gehe ich dann zum Shiatsu (oder schaffe ich es auf eine andere Art und Weise, meine Arme zu lockern und meine Stirn zu öffnen) und finde dadurch mehr Beweglichkeit, Entspannung und Weite in meinem Körper, beruhigen sich „fast automatisch“ auch meine Gefühle und Gedanken. Ein angenehmere Zeitgenossin bin ich dadurch auch… und das heißt, dass auch andere Menschen anders auf mich reagieren und ich dann wieder auf sie und sie wieder auf mich…

So geht es mir auch mit anderen Gefühlen und Gedanken. Probiere es doch auch einmal aus! Beobachte, was in deinem Körper passiert, wenn dich ein starkes Gefühl oder ein vereinnahmender Gedanke ergreift. Wie spürt sich dein Körper dabei an? Wie nimmst du deinen Rücken, deinen Nacken, deine Schultern, deinen Kopf wahr? Wie spürst du deinen Bauch? Was tut sich in deinen Armen und Händen, in deinen Beinen und Füßen? Wie ist dein Gesamtgefühl im Körper? Nimm das alles wahr, ohne es zu bewerten. Das ist deine (körperliche) Reaktion auf dieses Gefühl, diesen Gedanken.

Dann kannst du in einem nächsten Schritt versuchen, deine körperliche Reaktion zu verändern, z.B. etwas mehr zu atmen, deine Arme und Beine zu bewegen oder die Schultern ein bisschen mehr sinken zu lassen. Beobachte, was dadurch in dir passiert. Nimmst du auch eine Veränderung in deinen Gefühlen und Gedanken wahr? Wie ist jetzt dein Gesamtempfinden?

Oder du kommst zum Shiatsu und lässt dich dabei kompetent begleiten! 🙂

Foto: Austyn Chapman

Der Mensch in seinem gesamten Lebensumfeld

Ganzheitliche Körperarbeit meint den Menschen in dieser Gesamtheit. Sie meint auch Menschen in ihrem gesamten Lebensumfeld, den Menschen verbunden mit der Natur, den Mensch als spirituelles Wesen. (Mehr zur spirituellen Komponente vom Shiatsu findest du hier.) Lebensumstände formen uns – und damit auch unseren Körper. Erfahrungen, traumatische wie heilsame, prägen uns als ganzen Menschen, also auch unseren Körper und seinen Ausdruck. Im Shiatsu wird immer auch das ganze Lebensumfeld des Menschen in den Fokus genommen.

Es geht in der Shiatsu-Behandlung also auch um die Fragen, wie wir leben, welcher Arbeit wir nachgehen, es geht um unsere Familienverhältnisse, um besondere Herausforderungen der jetzigen Lebensphase, um Schlaf- und Essrhythmen, um Belastungen in der Gegenwart und in der Vergangenheit, um unsere Weltsicht…

Im Shiatsu wollen wir die Ursachen der körperlichen Beschwerden finden und diese gemeinsam beheben. Manchmal geht es darum, einschränkende Gedanken und blockierte Emotionen bewusst zu machen und über die Körperarbeit zu befreien. Um die Ursachen von körperlichen und emotionalen Beschwerden zu verändern, sind meist kleinere oder größere Lebensumstellungen Teil des Prozesses. Was tut mir gut? Was ist heilsam für mich? Was könnte ich in meinem Leben ändern, um noch etwas besser für mich zu sorgen? Was ist der nächste Schritt auf diesem Weg? All dies sind Fragen, die uns in der Shiatsu-Behandlung beschäftigen.

Foto: Austyn Chapman

Ein Beispiel aus meiner Praxis

Ich denke dabei zum Beispiel an Andrea. Andrea, Mitte 20, kommt ganz unruhig und emotional aufgewühlt zum Shiatsu. Sie hat vor einer Woche einen neuen Job begonnen, der sie auf mehreren Ebenen herausfordert. Ihre altbekannten (Gedanken- und Reaktions-)Muster schlagen an: Sie denkt, dass sie inkompetent ist und gar nichts kann. Obwohl das natürlich nicht stimmt – und das weiß sie auch. Ihr ist schon morgens beim Aufstehen übel. Und das auch an einem Tag wie heute, an dem sie frei hat. Ihr Leben hat gerade keinen Rhythmus. Sie träumt sehr intensiv und kommt nicht zur Ruhe. Auch die Körperübungen, die ihr sonst guttun, macht sie gerade nicht. Sie ist mir sich sehr unzufrieden.

Als sie sich auf die Shiatsu-Matte legt und ihren Körper wahrnimmt, spürt sie, dass sie nicht in ihrer Mitte ist. Der ganze Körper ist nach rechts und nach links verschoben – wie ein Jenga-Turm, der kurz vor dem Umkippen ist. So wie ihr Leben ist also auch ihr Körper. Oder anders: Ihr Körper drückt ihr Leben aus. Da gibt es keine Trennung – nicht hier Körper, da Leben. Der Körper ist LEBEN.

Als Andrea mir ihren körperlichen Zustand beschreibt, sehe ich das innere Bild von einem Blitz. Entladung – das spüre ich als Thema. Entladung ist auch das zugrunde liegende Thema der Übelkeit (am Wochenende hatte sie sich auch einmal übergeben.) Ihr ist gerade alles zu viel. Irgendwo muss die ganze Energie hin, sie will sich entladen.

Ihre Beine sind heute „leerer“ und „abwesender“ als sonst. Andrea fehlt gerade die Erdung. Weil die Energie nicht nach unten in den Boden abfließen kann, wandert sie nach oben. Ihr wird übel. Auch als ich ihre Mitte berühre, ihren Bauch, wird ihr übel.

Als ich am Ende der Behandlung die Füße berühre, sehe ich einen Baum im Wind. Er biegt sich – mal nach links, mal nach rechts – doch dank seiner starken Wurzeln und einem zugleich flexiblen und stabilen Stamm wird er nicht umgeworfen. Das Bild berührt Andrea sehr. Ja, so könnte es gehen. Verwurzelung, Erdung ist also ihr Auftrag für die nächsten Tage und Wochen. Gemeinsam erarbeiten wir hierfür Strategien, die sie auch im Alltag umsetzen kann.

Kommt also ein Mensch beispielsweise mit Übelkeit zum Shiatsu, sehe ich nicht nur den Magen und die körperlichen Ursachen der Beschwerdemuster, sondern den Mensch in seiner Gesamtheit: als Körper-Psyche-Verstand-Geist-Einheit, verbunden mit seinem Lebensumfeld, in seinem je eigenen Lebensprozess. Die Frage ist also:

Behandle ich ein Symptom oder über das Symptom den ganzen Menschen?

Neugierig? Dann freue ich mich, wenn du einen Termin vereinbarst!

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Melanie LannerGanzheitliche Körperarbeit