Meridiane

Die Lebenskraft Ki fließt im menschlichen Körper durch die Meridiane der Traditionell Chinesischen Medizin (TCM) und manifestiert sich im Körper ebenso wie in psychischen Prozessen. Der chinesische Begriff für Meridian lautet „Jing-Luo“. „Jing“ ist die Bezeichnung für einen Seidenfaden und ein genereller Begriff für „durchgehend“. „Luo“ ist etwas, das verbindet und integriert. Ein Meridian ist somit zunächst eine durchgehende Verbindung. Durch diese verbindende Funktion können Meridiane als Energieleitbahnen betrachtet werden, welche Informations-, Steuerungs- und Versorgungsfunktion haben. Auf ihnen liegen die Akupunkturpunkte, die auch im Shiatsu stimuliert werden, um den Energiefluss anzuregen.

Gesundheit bedeutet im Shiatsu einen ausreichenden und freien Fluss der Lebensenergie durch die Meridiane und damit im ganzen Körper.

Meridiane können auch als energetisches Netzwerk des Körpers – ähnlich den Wasserstraßen auf der Erde oder den Adern eines Blattes – betrachtet werden. In diesem Aspekt entsprechen sie in der westlichen Medizin unserem Blutkreislauf und dem regulierenden Hormonsystem.

Ins Französische wurde „Jing-Luo“ in Anlehnung an die Längengrade, also Meridiane der Erde im 17. Jahrhundert als „Meridian“ übersetzt. Doch passender erscheint die Übersetzung „Leitbahnen“, da in der Vorstellung der Traditionell Chinesischen Medizin (TCM) durch diese Leitbahnen Energie (Qi/Ki) und Blut fließt. Diese Leitbahnen sind in einem Netzwerk verflochten, sodass jede Stelle im Körper mit jeder anderen Stelle verbunden ist. Die Verästelung des Meridiansystems erreicht so in immer feineren Verzweigungen auch jede Zelle des Körpers. Außerdem verbinden Meridiane den Körper mit seiner Umwelt, indem es besonders an den Akupunkturpunkten zu einem Austausch zwischen innen und außen kommt.

Meridiane TCM Shiatsu Globus

Die zwölf Meridiane sind Funktionssysteme

Historisch zum ersten Mal wurden die Jing-Luo im 1. oder 2. Jahrhundert v. Chr. im Huang-ti-nei-ching („Des Gelben Kaisers innerer Klassiker“), einem Klassiker der TCM, beschreiben. Es gibt im Shiatsu zwölf Hauptmeridiane, die (bis auf einen) je einem Organ und dessen Funktion zugeordnet werden und durch den ganzen Körper – unserem Blutkreislauf entsprechend – verlaufen: Lunge und Dickdarm, Magen und Milz-Bauchspeicheldrüse, Herz und Dünndarm, Blase und Niere, Herzbeutel sowie Gallenblase und Leber. Der Dreifache Erwärmer entspricht keinem Organ in der westlichen Medizin. Er erfüllt unter Anderem die Aufgabe, auf ein Energiegleichgewicht aller Körperbereiche zu achten.

Doch die Meridian-Qualitäten entsprechen nicht (nur) den (westlichen) anatomisch-morphologischen Organfunktionen, sondern ganzen Systemen, wie z.B. die Lunge dem Atemsystem und die Milz gemeinsam mit der Bauchspeicheldrüse und dem Magen dem Verdauungssystem. Diese Organsysteme bzw. Funktionskreise sind wiederum mit Muskulatur, Bindegewebe und Nervensystem in ihrem Umkreis verbunden. Außerdem werden ihnen je spezifische emotionale und mentale Themen zugeordnet.

Meridiane haben eine körperliche und eine geistige Dimension

Je zwei Meridiane, die sich gegenseitig in ihren Funktionen unterstützen, bilden ein Geschwisterpaar. Lunge und Dickdarm bilden ein solches Paar und haben zum Beispiel die Funktion des Aufnehmens (Einatmen) und Abgebens (Ausatmen und Ausscheiden).

„Ich denke, dass diese Wechselbeziehung zwischen Körper und Geist,
die wahre Bedeutung dessen ist, was die chinesische Medizin Qi nennt.
Dies wird oft als ‚Energie‘ übersetzt, aber das gibt den Eindruck,
dass es eine Substanz gibt, die durch den Körper fließt,
welche die Funktionalität des Organismus antreibt.
Ich ziehe es vor, es als eine Beschreibung von Ähnlichkeiten
zwischen bestimmten körperlichen und geistigen Prozessen zu sehen,
die darauf hindeuten, dass diese Prozesse gemeinsam erschaffen werden.“
(Palmer 2019: S. 10)

Die zwölf Meridiane meinen also zwölf verschiedene Energie- bzw. Ki-Qualitäten im Körper sowie deren zugehörigen Funktionskreise. Fließt die Energie frei in den Meridianen, sind wir gesund. Blockaden und Stagnationen von Ki (in den Meridianen) führen zu körperlichen und emotionalen Beschwerden.

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Akupunkturpunkte – Verbindung zwischen innen und außen

Auf den Meridianen liegen die Akupunkturpunkte. Akupunkturpunkte sind Körperstellen, an denen die Meridiane und ihre besondere Ki-Qualität an die Oberfläche kommen und deshalb durch Druck (im Shiatsu oder der Akupressur) oder Nadelstiche (in der Akupunktur) besonders beeinflussbar sind. „Shu xue“, das chinesische Wort für Akupunkturpunkt, bedeutet in etwa „Körper-Transport-(oder Kommunikations-)Loch“, da an diesen Punkten einem Loch ähnlich die Verbindung zwischen innen und außen verstärkt ist. Deshalb können auch Einflüsse von außen wie Wind, Kälte und Hitze am leichtesten an den Akupunkturpunkten in den Körper eindringen und diesen schwächen. Auch als diagnostisches Mittel können die Akupunkturpunkte in der TCM genutzt werden, wenn zum Beispiel Druckschmerz oder Hautveränderungen an bestimmten Akupunkturpunkten auftreten.

Wurde Ötzi akupunktiert?

Ötzi ist eine Gletschermumie der späten Jungsteinzeit bzw. Kupfersteinzeit, die 1991 in Südtirol gefunden und geborgen wurde. Sein Todeszeitpunkt wird auf 3.359-3.105 v. Chr. geschätzt. An der Mumie wurden 61 blauschwarze Tätowierungen gefunden, bei denen Kohlenstaub in kleine punktförmige Wunden eingerieben wurde. Manche ForscherInnen haben Übereinstimmungen mit klassischen Akupunkturpunkten und Meridianverläufen festgestellt. Und die behandelten Punkte entsprechen auch aus heutiger Sicht dem diagnostizierten Beschwerdebild von Ötzi, wie z.B. rheumatischen Wirbelsäulenbeschwerden und akuten Magenproblemen aufgrund von Peitschenwürmern und Gallensteinen. Mit Holzkohle akupunktiert wurde an lokalen Punkten, aber auch an Fern- und Alarmpunkten. Existieren Frühformen der Akupunktur also schon seit mehr als 5.000 Jahren?1

Akupunktur Meridiane TCM Shiatsu

Verlauf der Meridiane und frühkindliche Entwicklung

Wie die Meridiane im Körper verlaufen, ist Ergebnis jahrhundertelanger praktischer Erforschung. Bill Palmer, ein Gründer der englischen Shiatsu Society UK, hat darüber hinaus herausgefunden, dass die Meridianverläufe der frühkindlichen motorischen Entwicklung (dem Aufstützen auf dem Boden, dem Rollen und Krabbeln) entsprechen. Diese Ganzkörperbewegungen kommen nicht alle auf einmal vor, sondern breiten sich erst mit der Zeit über den ganzen Körper aus – und die Leitbahn, anhand der sich der ganze Bewegungsablauf entwickelt, folgt den traditionellen Meridianverläufen. Außerdem stimmen die Charaktereigenschaften, die sich in den Bewegungsphasen entwickeln, mit der geistigen Qualität des jeweiligen Meridians überein (Palmer 2019: S. 10).

„Diese Meridiane sind angeborene Leitbahnen durch den Körper oder eine angeborene Verschaltung im motorischen Kortex, welche aufzeigen, wie man Teile des Körpers verbindet, um diese archetypischen Bewegungen auszuführen. Durch diesen Prozess entwickeln sich Babys sowohl geistig als auch körperlich und der rote Faden in der besonderen Körper-Geist-Fähigkeit, welche sie lernen, nennen wir Qi des Meridians.“
(Palmer 2019: 12)

Obwohl Meridiane und deren Verläufe mit naturwissenschaftlichen Methoden nach wie vor nicht nachgewiesen werden können, hat ihre Behandlung eine lange Tradition. Eine Tradition mit erstaunlicher Wirkung bei körperlichen und emotionalen Beschwerden.

Meridiane und Akupunkturpunkte im Shiatsu

Auch im Shiatsu behandeln wir bei körperlichen und emotionalen Beschwerden unterstützend die zugehörigen Meridiane und Akupunkturpunkte. Doch anders als die Akupunktur verzichten wir auf invasive Nadeln und nehmen neben der Behandlung von spezifischen Akupunktur-Punkten den ganzen Meridian als Ausdruck einer bestimmten Ki-Qualität und als Verbindungslinie zum ganzen Menschen in den Fokus unserer Behandlung.

Fließt Ki frei und harmonisch in all unseren Meridianen, sind und bleiben wir gesund. Dürfen sich alle Aspekte der Lebensenergie Ki in unserem Leben ausdrücken, erfahren wir Ganzwerdung, also Heilung. Zu beobachten und im Körper zu spüren, welche Lebens-, also Ki-Aspekte fließen und sich im Leben ausdrücken dürfen und welche unterdrückt und blockiert, ist ebenfalls Teil der Shiatsu-Behandlung.

Neugierig? Dann freue ich mich, wenn du einen Termin für eine Shiatsu-Behandlung vereinbarst.

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(1) L. Dorfer, M. Moser, F. Bahr, K. Spindler, E. Egarter-Vigl, S. Giull‘n, G. Dohr, T. Kenner: A medical report from the stone age?. In: The Lancet. 354, Nr. 9183, September 1999, S. 1023–1025 bzw. https://www.akupunktur.de/akupunktur/themen/oetzi-akupunktur/a-medical-report-from-the-stone-age.html

Literatur: 

Palmer, Bill (2019): Behinderung ist eine persönliche Fähigkeit. In: Shiatsu Journal 96/2019, S. 9-13.
Rappenecker, Wilfried: Ein Meridian – Was ist das? (pdf)

zur Lebenskraft Ki| Hintergrundinformationen | zu Shiatsu und Atmung

Melanie LannerMeridiane