Traditionell Chinesische Medizin

Shiatsu hat seine theoretische Basis im Daoismus/Taoismus und im Zen-Buddhismus. Auf dem Daoismus beruht die Traditionell Chinesische Medizin (TCM) und ihre Vorstellung der universalen Lebensenergie Ki, von Yin und Yang und der Fünf Elemente, worauf ich hier näher eingehe.

Yin und Yang

„Was geschieht in unseren Körpern, damit wir am Leben bleiben?
Wir atmen ein und wir atmen aus; die Herzklappen öffnen sich und schließen sich;
Nervenimpulse kontrahieren und entspannen unsere Muskeln,
damit wir unseren Körper bewegen können; die zusammenziehende und ausdehnende Bewegung der Peristaltik schiebt den Speisebrei durch den Dickdarm;
die Amplitude der Gehirnwellen oszilliert zwischen niedrig und hoch
und lenkt unseren denkenden Verstand.
Alles in uns hat diesen Zwei-Wege-Rhythmus, der das den Gezeiten ähnliche Muster der Natur:
Ebbe und Flut, Tag und Nacht usw. widerspiegelt.
Es ist alles ein Teil des Musters des Lebens.“
(Simon Fall)

Das universale Eine Ki – im Daoismus „Dao“ genannt – trennt sich bei der Entstehung der Welt in zwei Teile: Yin und Yang. Aus dem Spiel dieser wechselseitigen Pole entsteht Leben. Leben braucht Dualität, diese Spannung. Ohne polare Spannung gäbe es kein Leben. Das gesamte Universum ist aus dem Wechselspiel dieser beiden Kräfte geschaffen und von ihm bedingt.

Dualität gibt es auch im hellenistischen, im jüdischen und christlichen Denken, jedoch beschreiben Yin und Yang das universelle Gesetz des ewigen Wandels, keine statischen und weder klar voneinander getrennte, gegensätzliche Zustände noch absolute Begriffe. Vielmehr sind sie im dynamischen Wandel sich ergänzende Aspekte. Yin bedingt Yang, und ohne Yang existiert kein Yin. Alle Dinge und Erscheinungen tragen auch ihr Gegenteil in sich und bilden mit diesem eine Einheit. Und am Höhepunkt ihrer Existenz wandeln sie sich stets in ihr Gegenteil. Oder wie es bei Rumi, einem islamischen Sufi, heißt:

„Wo immer Schmerz ist, dort geht die Medizin hin.
Wo immer Armut ist, dort geht die Hilfe hin.“

Das Taiji-Symbol

Das Konzept von Yin und Yang wird zum ersten Mal im I Ging, dem Buch der Wandlungen, erwähnt, welches 4.000 Jahre alt ist. Im Westen ist es besonders durch das Taiji-Symbol bekannt geworden:

Yin Yang TCM Taiji

In einem Kreis liegen die beiden Pole Yin (schwarze Fläche) und Yang (weiße Fläche), die sich gegenseitig bedingen und die immer wieder ineinander übergehen. Dort wo Yang am größten ist (das Weiße oben im Bild), entspringt schon das neue Yin. Am höchsten Punkt des Yin (das Schwarze unten im Bild), liegt das neue Yang. So gehen Yin und Yang stetig auseinander hervor und beeinflussen sich wechselseitig. Yin kann nur wachsen, wenn Yang abnimmt. Und Yang kann nur zunehmen, wenn Yin vergeht. Yin und Yang sind also keine starren Zustände oder Zuschreibungen, sondern ein dynamischer Prozess.

Nichts ist nur Yin oder nur Yang.

Die kleinen Punkte in der jeweiligen Gegenfarbe sagen aus, dass in jedem Yang auch ein Yin und in jedem Yin auch ein Yang verborgen liegt. Nichts ist nur Yin oder nur Yang. Der dunkelste, kälteste Teil der Nacht ist schon der Beginn des neuen Morgenrots. – Und so ist es auch in unserem Leben: In der größten Verzweiflung liegt die Hoffnung auf einen Neubeginn. Oder auf körperlich-energetischer Ebene: Wenn in einem Bereich Energiemangel herrscht, liegt darin auch eine verborgene Stärke (von uns) verborgen. Es gibt kein Yin ohne Yang, und kein Yang ohne Yin. Was passiert, wenn du dein Leben einmal aus dieser Perspektive betrachtest?

Yin und Yang sind im Taiji-Symbol in einen Kreis eingebettet, der im Daoismus „Dao“ genannt wird, das Allumfassende, über das nichts ausgesagt, was dennoch erfahren werden kann. Dao ist das Verbundensein jenseits der Dualität (von Yin und Yang) bzw. das, was beide einschließt und über das es hinausreicht. In der dualistischen Welt der Erde, (in unserem individuellen Leben also, wenn wir geboren werden), trennen sich die komplementären Energien Yin und Yang und erzeugen Spannung. Zwischen ihnen fließt die Lebenskraft Ki. So erzeugen Yin und Yang die Fünf Elemente und mit ihnen die „zehntausend Dinge“ der erscheinenden Welt. Der Kreis verweist außerdem darauf, dass auch scheinbare Gegensätze (wie z.B. Licht und Schatten, Tag und Nacht) aus demselben Urgrund hervorgehen.

Yin Yang TCM Taiji

Yin und Yang sind komplementäre Polaritäten.

Yin und Yang ergänzen, bedingen und kontrollieren einander. Das Verschwinden des Einen würde das Verschwinden des Anderen bedeuten, da beides Teil desselben Systems sind, wie positiv und negativ gepolte Elektrizität, die erst den elektrischen Strom erzeugt (vgl. Watts 1983: S. 44). Die Vorstellung von Yin und Yang ist also kein „gewöhnlicher Dualismus, sondern eine explizite Zweiheit, die eine implizite Einheit zum Ausdruck bringt“ (ebd. S. 52).

Dabei wird keines wichtiger oder besser als das andere bewertet. Vielmehr geht es darum zu erkennen, dass das Spiel dieser Polaritäten erst das Leben hervorbringt. Alles entsteht aus dem Spiel von Yin und Yang – aus dem Wechsel von Tag und Nacht, Licht und Schatten, Aktivität und Passivität, Wachstum und Zerfall… Das Universum ist stetig diesem dualen Wandel unterworfen – so auch der menschliche Körper. Erst aus dem dualen Spiel entsteht das Leben.

Zuordnungen zu Yin und Yang in der TCM

Das chinesische Symbol für Yin bedeutet die schattige Seite eines Hügels, die für Yang die sonnige Seite. Die Yin und Yang zugeschriebenen Lebensaspekte sind aus Naturbeobachtungen abgeleitet: Dass die Sonne am Himmel steht, wird mit Aktivität assoziiert. Yang ist also eine aktive (Energie-)Qualität. Nach Sonnenuntergang wird es ruhig, und wir entspannen uns. Yin wird somit mit Ruhe in Zusammenhang gebracht. Sonnenschein ist warm, trocken und hell, also hat auch Yang diese Eigenschaften. Nach Sonnenuntergang, also in der Yin-Zeit, wird es kühl, feucht und dunkel. Der Tag und der Himmel gehören zum Yang. Nacht und (Kühle der) Erde sind Yin (vgl. Fall 2000: S. 46-49). Das heißt, die Zuordnung verschiedener Lebensaspekte zu Yin und Yang haben sich aus Naturphänomenen ergeben. Hier findest du eine kleine Zusammenfassung ihrer Entsprechungen aus der TCM, die auch fürs Shiatsu im Besonderen relevant sind:

Yin Yang
Vorderseite Rückseite
innen (z.B. Organe) außen (z.B. Haut)
tiefgehend oberflächlich
unten oben
absteigend aufsteigend
kalt, kühl warm, heiß
trocken nass
passiv aktiv
schlaff starr
langsam schnell
leise laut
unbewusst bewusst
Gedanken Gefühle
Mangel/Leere Fülle/Übermaß
chronische Symptome und Beschwerden akute Symptome und Beschwerden
Substanz Energie
Blut KI
Unterkörper, Beine, Füße, Becken Oberkörper, Kopf

Yin und Yang in unserem Körper

Yin und Yang finden sich auch in unserem Körper – ähnlich dem Parasympathikus und Sympathikus der westlichen Medizin. Ruhe und Aktivität, Entspannung und Anspannung, innen und außen sind zum Beispiel Polaritäten, die unseren Körper betreffen. Erwärmen, Bewegen, Umwandeln, Zurückhalten und Schützen sind die Hauptfunktionen des Yang im menschlichen Organismus. Kühlen, Befeuchten, Ernähren und Beruhigen sind die Hauptfunktionen des Yin. (Mehr dazu auf der Seite von shiatsu-austria…)

Yin- und Yang-Meridiane

Die TCM unterscheidet Yin- und Yang-Meridiane, die jeweils ein Geschwisterpaar bilden, z.B. ist der Magen das Yang- und Milz-Bauchspeicheldrüse das Yin-Organ unseres Verdauungssystems. Yin-Organe sind die sechs Speicherorgane Lunge, Milz-Bauchspeicheldrüse, Herz, Niere, Herzkreislauf und Leber. Sie dienen der Bildung, Umwandlung, Speicherung, Freisetzung und Regulation der Körpersubstanzen. Die sechs Yang-Organe sind die Hohlorgane Dickdarm, Magen, Dünndarm, Blase und die Gallenblase, die für die Zwischenaufnahme, Weiterleitung und Ausscheidung verantwortlich sind, sowie der Dreifache Erwärmer, der für Regulation der verschiedenen Körperbereiche zuständig ist.

Auch im Körper wird der relationale Bezug von Yin und Yang deutlich: der Brustkorb ist zum Beispiel in Bezug auf den Rücken Yin, weil an der Körpervorderseite gelegen, in Bezug auf den Bauch jedoch Yang, weil er weiter oben im Körper liegt. Der Brustkorb ist also weder Yin noch Yang, sondern Yin und Yang beschreiben wechselseitige Beziehungen und einen sich gegenseitig bedingenden Prozess.

Gesundheit bedeutet einen Ausgleich zwischen Yin und Yang.

Gesundheit bedeutet aus der Perspektive der TCM, einen harmonischen Ausgleich zwischen Yin und Yang und einen fließenden Übergang der verschiedenen (Entwicklungs- oder Lebens-)Phasen. Als Beispiel: Gehen wir in unserem Beruf hauptsächlich einer sitzenden Tätigkeit nach, fehlt uns als Ausgleich das Yang in Form von Bewegung. Haben wir in diesem Beruf hohe Anforderungen zu erfüllen (was einem Yang-Zustand entspricht), brauchen wir als Ausgleich auch den Aspekt des Yin: Ruhe, Abschalten, Entspannen. Schon alleine an diesem Beispiel, welches die Lebensrealität vieler meiner KlientInnen darstellt, wird deutlich, dass Yin und Yang nur in Bezug aufeinander existieren. Denn als Ausgleich zu einem anstrengenden, fordernden Beruf im Büro, z.B. im mittleren Management, braucht es sowohl einen Yin- als auch einen Yang-Ausgleich – eben in verschiedenen Aspekten.

Yin Yang TCM Taiji

Das Gleichgewicht (wieder) finden

Was es als Ausgleich braucht, um gesund zu bleiben oder wieder zu werden, ist individuell verschieden. Dennoch hat es sich bewährt, das eigene Leben (oder als Shiatsu-Praktikerin das Leben meiner KlientInnen) unter dem Blickwinkel von Yin und Yang zu betrachten. Manchmal ergeben sich dadurch leicht umsetzbare und alltagstaugliche Möglichkeiten und Strategien, um mehr ins Gleichgewicht zu kommen. Und Gleichgewicht bedeutet in diesem Zusammenhang, einen Ausgleich zu den alltäglichen Gewohnheiten zu schaffen.

„Energetische Ausgeglichenheit ist also kein statischer Zustand ohne Spannung,
sondern der permanente Ausgleich durchgehend vorhandener Spannungsfelder.
Das eigentliche Problem für uns ist nicht das Spannungsfeld,
sondern unsere mangelnde Fähigkeit, es zwischen den beiden Polen fließen zu lassen.
Je weniger uns dies gelingt, desto mehr versuchen wir, Spannungen zu vermeiden,
mitunter auch dadurch, dass wir einen Pol des Spannungsfeldes ausblenden
und so zu einer die Wirklichkeit verzerrenden Scheinharmonie finden.
Damit fällt zwar die Spannung aus unserem Wahrnehmungsfeld,
jedoch nicht aus unserem Leben.“
(Schrievers 2004: 406)

Ausgleich heißt also nicht, ohne Spannung zu leben, sondern inmitten der Spannung ausgeglichen, also in der eigenen Mitte zu bleiben. Völlige Ausgeglichenheit zwischen Yin und Yang ist nicht möglich. Das würde ihr Ende und damit auch unseren Tod bedeuten. Und auch relative Ausgeglichenheit ist immer nur in kurzen Momenten möglich. Denn das Leben fordert uns stetig heraus, uns an andere Bedingungen und Situationen anzupassen, immer wieder neue Herausforderungen zu bestehen und stets wechselnde Emotionen zu verarbeiten. Auch unser Körper muss sich immer wieder neu regulieren. Ausgleich von Yin und Yang bedeutet also „inmitten des Spannungsfeldes entspannen und unsere Leitbahnen durchlässig machen“ (ebd. S. 405).

Wie du selbst in deinem alltäglichen Leben für einen Ausgleich der Pole sorgst, erfährst du in meinem Artikel über Shiatsu – ein Leben in der Polarität.

Yin Yang TCM Taiji

Yin und Yang in der Shiatsu-Behandlung

Ziel der Shiatsu-Behandlung ist es, einen Ausgleich zwischen Yang und Yin zu finden. Wird in unserem Berufsalltag zum Beispiel mehr der Yang-Anteil gelebt, geht es darum, den Yin-Anteil zu stärken. Haben wir einen Beruf, in dem wir uns viel bewegen oder viel Verantwortung tragen oder unter großem (Zeit-)Druck stehen, wird vor allem der Yang-Part von uns gefordert. Dann geht es in der Shiatsu-Behandlung ums Loslassen und Entspannen. Wir lassen uns tief in die Matte hinein sinken und können loslassen. Der Druck von außen hilft, den inneren Druck loszulassen und uns fallenzulassen. Ich brauche neben meinem Beruf als Shiatsu-Praktikerin, der eher meinen Yin-Anteil fordert, einen anderen Ausgleich: die geistige Beschäftigung. In der Shiatsu-Behandlung geht es dann darum, die fehlende bzw. schwächere Energiequalität zum Beispiel durch tonisierenden oder sedierenden Druck, durch Dehnungen und Streckungen und andere aktivierende oder entspannende Techniken, wie zum Beispiel Atemübungen, zu aktivieren.

Auf körperlich-energetischer Ebene wird der Yin-Zustand „Kyo“ (Energieleere) und der Yang-Zustand „Jitsu“ (Energiefülle) genannt. Für einen Ausgleich geht es dann darum zu spüren, wo im Körper – in einzelnen Körperbereichen oder (Teilen von) Meridianen – (zu) viel und wo (zu) wenig Energie vorhanden ist.

Körperliche Symptome von Yin- und Yang-Zuständen

Viel Energie manifestiert sich zum Beispiel als Schwitzen, Erröten der Haut, Fieber, Entzündungen (Temperatur); Schwellungen, Aufgedunsenheit, Blähungen (Volumen); Bluthochdruck, schneller Puls, laute Stimme, Aktivismus, expressive Gestik, Bewegungsdrang, Emotionalität, Spannung von Haut und Gewebe (Druck); zusammengezogene, verspannte Muskeln (Dichte). Meistens haben Jitsu-Zuständen ein Kyo, also energieschwache, erschöpfte Zonen (z.B. schwache Mitte oder Beine), zur Ursache (vgl. Itin 2007: S. 124). Deshalb geht es in der Shiatsu-Behandlung um das Finden von Kyo- und Jitsu-Zuständen im Körper und einen Ausgleich davon.

„Gesundheit ist gegeben, wenn der Körper gleichmäßig mit angemessen viel Energie versorgt ist.
Energetisches Ungleichgewicht und fehlendes Pulsieren
führen zu Beschwerden und Krankheiten.“
(ebd. S. 168)

Durch speziellen Druck und verbindende Berührung kann ein Ausgleich zwischen den Körperbereichen und Meridianen unterstützt werden, sodass der Körper wieder mehr ins Gleichgewicht kommt. Und Gleichgewicht bedeutet Gesundheit und ganzheitliches Wohlbefinden.

Außerdem geht es um die Frage, wie der fehlende oder weniger gelebte Pol ins Leben integriert werden kann. Meistens sind es Kleinigkeiten, die schon viel bewegen, wie zum Beispiel zum Runterkommen ein Fußbad oder zum Aktivieren ein fünf-minütiges freies Tanzen.

Oft braucht es nicht viel, es braucht nur Bewusstheit und den Willen, alle Aspekte des Lebens zu leben – und zu genießen.

Neugierig? Dann freue ich mich, wenn du einen Termin für eine Shiatsu-Behandlung vereinbarst!

Yin Yang TCM Taiji

Die Fünf Elemente

Wenn sich das Dao in Yin und Yang teilt, entsteht die Welt – eine duale Welt. Und aus Yin und Yang entstehen die Fünf Elemente Holz, Feuer, Erde, Metall und Wasser und aus ihnen alle bestehenden Erscheinungen der Welt.

„Nach der klassischen chinesischen Theorie entstand die Welt
aus einem gewaltigen Feuerball, der sich abkühlte.
Im Laufe dieses Prozesses verfestigte sich die Erde zu Mineralien und edlen Erzen (Metall),
die das Wasser durchdrangen und seine lebenspendende Kraft vermehrten.
Wasser förderte die Vermehrung von pflanzlichem Material (Holz),
das unter Erzeugung von Feuer verbrannte;
hieraus entstand weitere Asche (Erde), die sich zu Metall verfestigte.
Das Metall befruchtete wiederum das Wasser…“
(Jason Elias/Katherine Ketcham)

In der TCM sind die Fünf Elemente verschiedene Aspekte des Lebens bzw. der allumfassenden Einen Lebensenergie Qi*. Jedem einzelnen Element wird eine bestimmte Energiequalität zugeschrieben: Das Wasser verkörpert gleich der Ursuppe, aus der sich alle Lebewesen entwickelt haben, den Ursprung allen Lebens. Wasser ist Anfang und Ende des Lebens zugleich. Dem Holz entspricht die Kraft des Samens, der im Frühling aus der Erde heraus in Richtung Sonne stößt. Das Feuer lodert nach oben und außen und ist das nach Beziehung strebende Element, das dem Lagerfeuer gleich Gemeinschaft schafft. Das Element „Erde“ schenkt wie der Boden unter unseren Füßen Stabilität und einen Ruhepol in der eigenen Mitte. Metalle, die wertvollsten Stoffe der Erde, bereichern das Leben um spirituelle und philosophische Fragen und Lebensaspekte.

Holz, Feuer, Erde, Metall, Wasser

Die Fünf Elemente als Lebensauftrag

Alle Fünf Elemente sind auch in jedem Menschen vorhanden, jedoch in verschiedenen Zusammensetzungen. Die individuelle Zusammensetzung der Fünf Elemente prägt, wie wir Situationen wahrnehmen und verarbeiten, wie wir mit Herausforderungen umgehen und wie wir unser Leben gestalten. Unser Leben unseren Stärken und Schwächen entlang der Fünf Elemente gemäß zu gestalten, ist die Lebenskunst, wie sie die TCM versteht.

Ein Beispiel aus meiner Praxis

Irene, Mitte 50, kommt zum ersten Mal zu mir zum Shiatsu, weil sie „nervlich angespannt“ ist, unter Konzentrationsschwierigkeiten leidet und nicht durchschlafen kann. Irene ist nach so vielen Jahrzehnten im Berufsleben noch immer begeisterte Lehrerin. Der Beruf ist herausfordernd, aber sie liebt ihn, besonders ihre neue Leidenschaft: die Mediation. Dort kann sie ihre sozialen und emotionalen Kompetenzen einbringen. – Und es funktioniert, sie strahlt. Irene ist Feuer pur. Leuchtende Augen, charismatische Ausstrahlung, viel sprühende Energie. Ich frage sie nach ihren Regenerationsquellen, und sie zählt mir mehrere auf, die sie regelmäßig nutzt. Ich bin beruhigt, denn Feuer braucht Nahrung, um zu brennen, und Ruhepole, um nicht auszubrennen. Für diese Nahrung und Regeneration sorgt Irene durch ihre Kraftquellen.

Woher kommen dann ihre nervöse Anspannung, ihre Konzentrationsstörungen, ihre Durchschlafprobleme? In der Shiatsu-Behandlung selbst ist auf körperlich-energetischer Ebene kein größeres Ungleichgewicht, keine Energieblockade oder Stagnation, keine Verspannung oder Verkrampfung, keine energieleeren oder abgespaltenen Bereiche festzustellen… gar nichts Auffälliges. Es geht ihr gut, ist mein Gefühl. Doch woher kommen dann diese Feuer-Symptome?

Energie will sich entfalten.

Ich erinnere mich, dass sie mir erzählt hat, dass sie gerade privat im Umbruch ist. Ihre Kinder sind ausgezogen, und sie räumt die Wohnung um und sich einen eigenen Schlafbereich ein. Energie ist dadurch freigeworden – und die will irgendwo hin. Und wenn Energie keinen Kanal findet, dann fließt sie irgendwo hin. Sie zerstreut sich oder macht uns, wie es bei der Feuer-Energie häufig der Fall ist, unruhig. Irene hat „einfach“ zu viel nicht-kanalisierte Feuer-Energie, die ihren Ausdruck finden will. Deshalb ist sie unruhig und nervös und kann nicht durchschlafen.

Als ich ihr nach der Shiatsu-Behandlung von meinen Eindrücken und meiner Einschätzung erzähle, lacht sie. Das Gleiche hatte ihr die TCM-Ärztin gesagt, die sie ein paar Tage zuvor aufgesucht hat. Sie solle ihre sozialen und emotionalen Fähigkeiten in der Mediation in der Schule mehr ausbauen, war ihre Empfehlung. Dann würden die Symptome sich legen. Und das ist auch meine Empfehlung.

Denn Shiatsu meinte genauso wie die Traditionell Chinesische Medizin den ganzen Menschen und sieht körperliche und emotionale Symptome als Ausdruck der Lebensenergie selbst, die „weiß“, wohin sie fließen will, wenn wir sie nur lassen…

Die Fünf Elemente als Wandlungsphasen

Die Fünf Elemente sind also weniger statische Gegebenheiten als Wandlungsprozesse: Holz nähert das Feuer, damit es brennen kann. Feuer bereitet den Boden der Erde, denken wir an den nahrhaften Boden, der durch einen Brand (und eine Winterruhe) entsteht. Die Erde trägt die edlen Metalle in sich. Metall und dessen Spurenelemente bereichern das Wasser. Wasser brauchen die Pflanzen, also das Holz, zum Wachsen (siehe Abbildung 1).

5 Elemente, TCM, Nährungszyklus

Abbildung 1: Nährungszyklus der Fünf Elemente der TCM

Grundlage der Gesundheit aus Sicht der Traditionell Chinesischen Medizin ist ein freier Fluss der Energie Qi durch die Elemente.

Die Fünf Elemente als Archetypen

Die Fünf Elemente greifen auch in einen Bereich hinein, der über unser individuelles Leben hinausreicht – in den Bereich des kollektiven Unbewussten. Bei den Fünf Elementen handelt es sich nämlich um Naturkräfte und Lebensaspekte oder, in der Sprache der Analytischen Psychologie, um Archetypen – ähnlich den zwölf Tierkreiszeichen der europäischen Astrologie. Sie fassen ebenso traditionell chinesische Weltdeutungen und psychologische Erkenntnisse in symbolischer Form zusammen wie die Astrologie des europäischen Altertums (vgl. Jung/Wilhelm, 1971, S. XIV).

Die jeweilige Qualität der Fünf Elemente wurde aus Naturbeobachtungen abgeleitet, und den einzelnen Elementen werden u.a. je bestimmte Farben, Jahres- und Tageszeiten, Himmelsrichtungen, Planeten, Geschmacksrichtungen, Nahrungsmittel, Tiere, Zahlen, Töne, Gerüche, Körperbereiche und Körperausdrücke sowie Gefühle und Tugenden zugeordnet.

Diese Zuordnung ist nicht willkürlich, sondern entspricht einem tiefen Verständnis der jeweiligen Energiequalität und damit des Lebensaspekts der Fünf Elemente. Wir könnten es so formulieren, dass jedes Element einen bestimmten Geschmack oder einen spezifischen Duft oder eine eigene Farbe hat, und dieser Geschmack und dieser Duft und diese Farbe durchziehen alle ihnen zugeordnete Themenbereiche.

Insofern gibt es beispielsweise zwar keinen logisch-rationalen Zusammenhang zwischen dem Element „Metall“, Trauer, Loslassen, Lebensabend, Lunge und Haut, jedoch einen assoziativen Zusammenhang, einen Grundgleichklang der unterschiedlichen Entsprechungen, welcher die jeweilige Energie des Elements in sich trägt. Alles, was zu einem Element gehört, steht also in einer assoziativen Beziehung zueinander. Deshalb ist es wichtig, das Gemeinsame, Überlappende, Vereinigende der einzelnen Entsprechungen, also von Metall, Trauer, Loslassen, Lunge und Haut, zu betrachten und weniger deren Unterschiede. Etwas, das für unser westliches Denken eher ungewöhnlich ist (vgl. Platsch, 2007, S. 510f.).

Darüber hinaus wird in der TCM kein Unterschied zwischen materiellen und feinstofflichen Manifestationen dieser zugrunde liegenden Grundenergie gemacht. Alles ist Energie Qi. Aus dieser universellen, kosmischen Energie entfalten sich alle Erscheinungen der Welt – Dinge ebenso wie Lebewesen, der Mensch in seiner Leiblichkeit, seiner Psyche und seiner Seele (vgl. ebd. S. 511 f.). Und die Fünf Elemente fordern uns auf, unser Leben ebenfalls ganzheitlich zu betrachten und den Lebensaspekten entsprechend zu gestalten.
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(*) Im Japanischen und damit im Shiatsu „Ki“ geschrieben.

Literatur:

Eckert, Achim (2011): Das heilende Tao: Die Lehre der fünf Elemente. Basiswissen für Shiatsu und Akupunktur, Qi Gong, Tai Ji und Feng Shui. 12. Auflage. Müller & Steinicke.

Fall, Simon (2000): Wie Schneeflocken fallen. Shiatsu als spirituelle Praxis. Heidelberg: Bruno Endrich.

Itin, Peter (2007): Shiatsu als Therapie. Norderstedt: Books on demand.

Jung, C. G., Wilhelm, R. (1971): Das Geheimnis der Goldenen Blüte. Ein chinesisches Lebensbuch. 18. Auflage. Olten: Walter.

Platsch, Klaus-Dieter (2005): Die fünf Wandlungsphasen. Das Tor zur chinesischen Medizin. München: Elsevier.

Schimmel, Annemarie (1978): Rumi. Ich bin Wind und du bist Feuer. Leben und Werk des großen Mystikers. Düsseldorf/Köln: Diederichs.

Schrievers, Joachim (2004): Durch Berührung wachsen. Shiatsu und Qigong als Tor zu energetischer Körperarbeit. Bern: Hans Huber.

Watts, Alan (1983): Der Lauf des Wassers. Eine Einführung in den Taoismus. München: Suhrkamp.

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Melanie LannerTraditionell Chinesische Medizin