Alles fließt – die Leerheit im Daoismus und Zen-Buddhismus

Melanie Berner Shiatsu

„Wir erfassen nicht so leicht, dass die Leere schöpferisch ist
und dass Sein aus dem Nichtsein kommt
wie der Klang aus der Stille und das Licht aus dem Raum.“
(Watts 1983: S. 48)

Wie ich im vorletzten Blogartikel bereits geschrieben habe, ist Shiatsu mehr als „nur“ eine Behandlungsmethode. Es ist auch ein Lebensweg und eine Weltsicht. Die Basis dieser Weltsicht findet sich im Daoismus und Zen-Buddhismus (zur praktischen Lebenskunst des Daoismus, also zu Wu wei bzw. „Nicht-Eingreifen“ findest du hier Informationen. Mit dem Zen-Buddhismus werde ich mich in einem nächsten Blogartikel beschäftigen). Im Zuge meiner Recherchen zum Daoismus und Zen-Buddhismus bin ich in beiden Weltsichten auf den Begriff der Leere bzw. Leerheit gestoßen (im Buddhismus als „shunyata“ bezeichnet). Da der Begriff in mir eine große Resonanz erzeugt, bin ich ihm näher nachgegangen.

Hierfür war ich in der Sprechstunde meines ehemaligen Philosophie-Professors Dr. Anton Grabner-Haider, der an der Uni Graz zu verschiedenen Weltdeutungen (Philosophien und Religionen) lehrt. Er hat mir erzählt, dass der Begriff der Leerheit in der östlichen Philosophie anders zu verstehen ist als in der westlichen. Zumindest seit Platon (genau kenne ich mich damit auch nicht aus, ist aber hier auch nicht das Thema) wird die Leere in der westlichen Philosophie als klare Abgrenzung zur Fülle verstanden, ähnlich wie das Nicht-Sein zum Sein, der Tod zum Leben. Es gibt nur dieses Entweder-Oder: Nichts oder Alles, Leere oder Fülle, Nicht-Sein oder Sein. Anders in der östlichen Philosophie: Dort beschreibt die Leere die Möglichkeit des Werdens, also einen dynamischen Prozess und keinen statischen Zustand, so wie im natürlichen Kreislauf auf den Winter immer wieder der Frühling folgt.*

Alles fließt

Mir gefällt dieser prozesshafte, dynamische Charakter dieser Weltsicht, in der nichts bleibt, wie es ist, und alles sich stetig wandelt. Ist das LEBEN nicht ein ständiger Veränderungsprozess? Ist das einzig Fixe im Leben nicht, dass nix fix ist (um es mal österreichisch zu formulieren)? Oder um mit aus dem Zen heraus zu sprechen:

„Wirklichkeit [ist] jenes immer wechselnde, immer wachsende unsagbare Etwas, genannt ‚Leben‘,
das keinen Augenblick stillsteht,
um sich von uns auf befriedigende Art in irgendein starres System von Fächern
und begrifflichen Schubladen einschachteln zu lassen.“
(Watts 2008/1954: S. 13)

Fluss_klein

Foto: Roger Aines (CC BY 2.0)

Was hat dies mit Shiatsu zu tun?

Auch im Shiatsu wird der Lebensweg eines Menschen als dynamischer Prozess betrachtet. So ist selbst der Körper stetigen Wandlungen unterworfen und keine statische Maschine, die immer gleich ist oder immer gleich „funktionieren“ muss. Wie ich es in mir selbst und in der Begleitung von Menschen erlebe, gibt es zwar Grundthemen eines Menschen, die sich in verschiedenen Facetten immer wieder ähnlich im Körper zeigen, wie z.B. mein Muster, den Atem anzuhalten und nicht mehr auszuatmen, wenn ich unter Stress stehe. Ich reagiere dann, wie ich es nenne, in meinem (körperlichen) Muster. Diese Muster sind verfestigte Gewohnheiten, sozusagen unsere „normale“, weil gelernte Reaktion auf bestimmte Situationen. Diese körperlichen Muster werden sich auch in der Shiatsu-Behandlung wieder und wieder zeigen, insbesondere wie wir mit Druck umgehen (für weitere Informationen dazu schaue hier). Dennoch sind auch diese verfestigten Muster nicht unveränderbar, geschweige denn weniger hartnäckige körperliche Botschaften. Im Gegenteil, gerade über den Körper lassen sich gelernte Muster (mit der Zeit) lösen. Durch die Körpererfahrung können die Muster bewusst gemacht und – in der Behandlung durch Berührung, Druck und andere manuelle Techniken unterstützt – gelöst werden.

Über die Bewusstwerdung können sie dann auch im Alltag Schritt für Schritt ursächlich aufgelöst werden. Um bei meinem Beispiel zu bleiben: Wenn mir im Alltag bewusst wird, dass ich den Atem anhalte, weil ich unter Druck stehe, atme ich bewusst aus und dann – wie von selbst – wieder tief ein. So kann ich mein Muster, mich über die Atmung „tot zu machen“, durch die Körperwahrnehmung auflösen und so Stress abbauen.

Da Körper, Geist, Psyche und Seele eine Einheit bilden, lösen sich über den Körper auch mentale, emotionale und seelische Blockaden. Plötzlich – wenn das körperliche Muster sich löst – spüre ich in meinen Gedanken und Gefühlen und dadurch auch in meinen Lebensmöglichkeiten auch wieder mehr Freiraum. Herrlich! 

Neugierig? Dann freue ich mich, wenn du einen Termin vereinbarst, um deinem (körperlichen) Muster auf die Spur zu kommen und zu lernen, dieses aufzulösen.
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(*) Eine kleine Ergänzung: Im Buddhismus bezeichnet die Leere auch das Leersein von einem individuell abgegrenzten Ich, d.h. es gibt in dieser Vorstellung kein getrenntes Ich, sondern eine Einheit aller Wesen. Im Daoismus wird mit Leere eine Geisteshaltung der innere Ruhe und Gelöstheit bezeichnet, in welcher sich das Dao (ich würde es „LEBEN“ nennen) selbst entfalten kann. Konsequent zu Ende gedacht, führen beide Konzepte meines Erachtens jedoch zum Gleichen: zum Eingebundensein in etwas Größerem, das sich stetig wandelt. 

Literatur:

Watts, Alan (2008/1954): Vom Geist des Zen. Frankfurt am Main/Leipzig: Insel.

Watts, Alan (1983): Der Lauf des Wassers. Eine Einführung in den Taoismus. München: Suhrkamp.

Melanie BernerAlles fließt – die Leerheit im Daoismus und Zen-Buddhismus