Zurück aus dem Urlaub erwarten mich eine neue Herausforderung und ein Geschenk.

Melanie Lanner Shiatsu

Ich bin erholt und voller stärkender Eindrücke zurück aus dem Urlaub. Mit so viel Kraft und Motivation werde ich meiner neuen Herausforderung ab Herbst begegnen: Ich werde nämlich Shiatsu-Lehrerin. Ab September beginnt meine dreijährige Ausbildung. Ich freue mich drauf!

Dieses Geschenk habe ich mir selbst gemacht – und das mache ich natürlich auch dir. Denn je mehr ich lerne, desto besser auch für dich 🙂

Eine ganz liebe Klientin von mir hat mir ein weiteres ganz tolles Geschenk gemacht: Sie hat eine Geschichte über eine Shiatsu-Behandlung bei mir geschrieben. (Vielen, vielen Dank, Dani!) Ich will sie gerne mit dir teilen – weil sie wunderbar ist und weil ich finde, dass sie wirklich in sehr anschaulicher Weise erzählt, was Shiatsu ist oder sein kann.

Foto: Austyn Chapman

   Ihre warmen Daumen lassen von meiner Handfläche ab, und ich spüre den leichten Druck noch, als sie bereits meinen Arm behutsam auf die Matte gelegt hat, zurück in seine ursprüngliche Position, gleich neben meinem Oberkörper. Ihre vorsichtigen, leisen Schritte auf dem störrischen Boden, der mit Genugtuung zu knarren scheint, holen mich aus dem gedankenleeren Nichts zurück in das Zimmer, wo ich mit einer Decke auf dem Bauch und geschlossenen Augen auf einer Matratze liege und nun ein wenig wehmütig der mich von meinem Kummer erlösenden Trance nachtrauere, während meine Ohren neugierig ihren Schritten lauschen und meine eben erwachten Gedanken sich eifrig ausmalen, was sie als Nächstes tun könnte.
   Das darauffolgende Geräusch vermag mein Gehirn jedoch nicht so recht zu identifizieren, es hört sich an, als ergreife sie etwas, und da fällt mir ein, dass es ihre Mappe sein muss, jene orange Mappe, in der sie die Protokolle ihrer KlientInnen aufbewahrt. Beinahe hätte ich die Augen geöffnet, um einen heimlichen Blick auf ihr Treiben zu erhaschen, doch da macht sie schon den nächsten Schritt und den nächsten, und ich höre, wie sie zur Türe schleicht, den knarrenden Boden als eigensinnigen Störenfried, der so gar nicht schweigen will. Sacht drückt sie die Türschnalle hinunter, öffnet die Türe, und schwups, ist sie auch schon aus dem Zimmer und lässt mich mit meinen Gedanken alleine.
   Stille.
   Auch der Boden ist wieder verstummt.
   Nervös zucken meine Augenlider, zu munter ist der Körper, zu quirlig die Gedanken, als dass sie weiterhin ruhen könnten.
   Ich stelle sie mir vor, wie sie gerade in einem der tiefen schwarzen Ledersessel im Warteraum sitzt, vor ihr der kleine hölzerne Couchtisch – Birke vielleicht oder Buche -, auf ihm ein Stapel Informationsblätter zur Praxis, daneben ein Spiralbuch, auf dessen aufgeschlagener Seite eine motiviert wirkende Frau sich zu Gymnastikzwecken den Rücken verrenkt, und darunter auf einer kleinen Ablagefläche ein violettes Kinderbuch mit einem großäugigen Monster, schräg davor ein Buch mit unübersetzbaren Wörtern und ganz rechts noch ein drittes Buch, eines über Shiatsu, sie hat es schon viele Male gelesen.
   Sie schlägt ein Bein über das andere, öffnet die orange Mappe und schreibt das heutige Datum unter meinen Namen. 1. Juli 2019 schreibt sie in ihrer qualvoll unleserlichen Handschrift und denkt daran, dass ich ihr bei der Behandlung letzte Woche lachend riet, sich ein Diktiergerät und eine Schreibkraft zu besorgen. Denn dann könnte sie wie Arthur Schnitzler, der ja selbst seine Handschrift nicht zu lesen vermochte, ihre Texte völlig unbeschwert diktieren und jemand anderes Hand würde für sie schreiben.
   „Aber“, so fügte ich scherzhaft hinzu, „es wäre doch eigentlich jammerschade, wenn du nicht mehr schreiben würdest. So wie sich ExpertInnen mit der Entzifferung von Schnitzlers Handschrift abmühten, könnten sie sich auch an der Entzifferung der deinen laben.“
   Sie lachte, als ich das sagte, doch ihr Gesicht verriet nicht, ob sie es nur aus Höflichkeit tat oder tatsächlich ein paar Damen und Herren vor sich sah, die, über ihre Protokolle gebeugt, über einzelne, völlig undefinierbare Buchstaben stritten.
   Sie schreibt also das heutige Datum unter meinen Namen: 1. Juli 2019. Was sie sonst noch schreibt, das weiß ich nicht. Vielleicht schreibt sie über meinen Magen und die Symptome, die ich ihr zu schildern versuchte, dass er zwar nicht wehtue, sich aber trotzdem spürbar mache. Dass er immer wieder laut genug anklopfe, als wolle er sagen: „Hey, mich gibt es auch noch!“ Vielleicht schreibt sie, dass mein Magen nur Spiegel meines Kummers ist, meiner Unfähigkeit, meinen Platz in diesem Leben zu finden. Vielleicht schreibt sie aber auch, dass sie nicht weiß, was meine Schilderung bedeuten soll. Dass ich hilflos nach Worten rang. Oder sie schreibt, dass sie ganz genau weiß, wie sich mein Magen anfüllt. Vielleicht hat sie ja selbst einen Magen, der sich viel zu oft spürbar macht. Vielleicht legt ihr Shiatsu-Praktiker auch seine warmen Hände auf ihren Bauch, drückt mit den Daumen die geheimnisvollen heilsamen Punkte, damit sich ihr Magen beruhigen möge. Vielleicht sucht sie bei ihrem Praktiker aber auch einfach nur Entspannung, weil sie den ganzen Tag den Wehwehchen von mir und anderen KlientInnen lauschen und mit ihren Daumen immerzu die verschiedensten Punkte drücken muss und es dabei keinerlei Rolle spielt, ob unsere Körper dick oder dünn, schön oder hässlich sind. Ihre Daumen ertasten jede noch so kleine Unebenheit, die sich trotz bequemer Kleidung und Socken nicht verstecken lässt. Und wenn sie schließlich sanft deinen Kopf anhebt und ihre Daumen die schmerzenden Stellen des verspannten Nackens erspüren und dabei der Atem aus ihrer Nase wie ein sanfter Hauch über deine Stirn streift, dann begreifst du, sie ist genauso verletzlich und entblößt wie du selbst. Mit nur einer unerwarteten, einer aus dem Nichts kommenden schnellen Bewegung könntest du sie an den langen Haaren packen und zu Boden drücken. Könntest ihr ganz leicht die Luft abschneiden, die eben noch deine Stirn gestreift.
   Nun höre ich die Türe nebenan, die ins Badezimmer führt, bald darauf den Wasserhahn. Was auch immer sie über mich ins Protokoll geschrieben hat, niemand außer ihr – und das beruhigt mich sehr – vermag es zu lesen, und in ein paar Tagen vielleicht nicht einmal mehr sie selbst. Das Diktiergerät und die Schreibkraft hätte ich ihr wohl besser nicht vorschlagen sollen, denn bei der eigenen Handschrift sind die Leute empfindlich, so krakelig sie auch aussehen mag.
   Die Türe ins Behandlungszimmer öffnet sich. Augenblicklich erwacht der Boden und knarrt begeistert, als hätte er schon sehnsüchtig darauf gewartet, mich wieder zu ärgern. Da hilft es auch nicht, dass ich die Augenlider noch viel fester zudrücke und nur zu gerne die Zeit zurückdrehen würde, um eine oder gar zwei Stunden, damit sie noch einmal meine schmerzenden Stellen erspürt, damit sie noch einmal mit ihren warmen Händen meinen kränkelnden Magen besänftigt, damit ich noch einmal meinen quälenden Gedanken entschweben kann. Aber ich weiß ja, dass der verdammte Boden nicht freiwillig verstummen wird und dass die nächste Klientin schon fast vor der Türe steht, und so öffne ich widerwillig die Augen.
   Mit fragendem Lächeln sieht sie mich an. Ich weiß nicht recht, was ich ihr sagen soll. Also sage ich das, was ich jedes Mal sage: „ Schön war’s. So entspannend.“
   Wenig poetische Worte für die befreiende Leere ohne Kummer und Sorgen.
   Wie sich der Magen anfühlt, will sie wissen.
   „Warm“, antworte ich. „Gemütlich warm.“
   Sie nickt befriedigt und setzt ein Häkchen auf das achte Feld meines Zehnerblocks.
   Als sie mir zum Abschied die Hand schüttelt, betrachte ich sie ganz genau. Ihre langen dunkelblonden Haare, von denen sie einen Teil zu einem schlampigen Knoten gebunden hat, ihr mit winzigen Schwalben übersätes Leiberl und die schwarze Baumwollhose, die in ebenso schwarze Socken mündet. Zum ersten Mal bemerke ich, dass ihre Augen blau sind.
   Ich nehme meinen Rucksack, sage „Tschüss, bis nächste Woche!“ und verlasse das Zimmer. Im engen Vorraum stoße ich beinahe in eine junge Frau, die sich gerade die Schuhe auszieht.
   „Hallo“, sagen ihre sinnlich geschwungenen Lippen.
   „Hallo“, erwidert mein schief geratener Mund und die Gedanken unter meinem vom Schweben zerzausten Haar flüstern mir zu, dass diese junge Frau mit dem glatten, glänzend schwarzen Haar als Nächste durch den Druck ihrer warmen Daumen dieser Welt entschweben darf.

Hast du jetzt auch Lust bekommen, über deine Erfahrungen beim Shiatsu eine Geschichte zu schreiben? Oder selbst eine Shiatsu-Behandlung zu genießen? Ich freue mich, wenn du einen Termin vereinbarst!

Melanie LannerZurück aus dem Urlaub erwarten mich eine neue Herausforderung und ein Geschenk.