Gleichgewicht-Ungleichgewicht

Im Shiatsu geht es viel ums Ausgleichen der Energien (siehe Meridiane und Lebensenergie Ki) und ums (innere und äußere) Gleichgewicht. Doch was ist das? Was ist Gleichgewicht? Völliges Gleichgewicht bedeutet Stillstand, Tod, Leblosigkeit. In einer perfekten Ordnung hören Moleküle auf zu schwingen. Das Leben hat sich vollendet. Der Tod tritt ein. Wir brauchen also Ungleichgewicht zum Leben.

Gleichgewicht

Foto: Isabel Egger

Doch anscheinend gibt es Ungleichgewicht, das „zu viel“, nicht mehr angenehm und gesund ist. Ich empfinde das so, wenn ich mich in den Turbulenzen des Lebens selbst verliere, meine Mitte nicht mehr spüre und nicht mehr zentriert bin. Dann fühle ich mich aus dem Gleichgewicht. Ich versuche krampfhaft festzuhalten, werde starr und steif, weil ich Angst habe, die Kontrolle – und dadurch mich selbst – zu verlieren. Ich stemme mich mit aller Wucht den Stürmen des Lebens entgegen. So unflexibel knicke ich natürlich leicht. Bäume wiegen sich im Wind, geben sich hin und stemmen sich nicht dagegen. So können sie überleben. Durch mein starres Kontrollbedürfnis verliere ich meine Lebendigkeit und die Möglichkeit, dem Leben wirklich zu begegnen und den Herausforderungen zu antworten. Ich habe meinen inneren Halt, meinen inneren Bezugspunkt, meine innere Stabilität verloren. Dadurch bin ich ungeschützt und oft nicht mehr handlungsfähig. Ich will mich schützen. Und was passiert? Ich bin ungeschützter, als wenn ich weich, offen und weit bleibe, meine Lebensenergie fließen lasse und ganz präsent im Moment bin.

Verbunden mit meiner Mitte, meinem Zentrum kann ich den natürlichen Schwingungen des Lebens – die wir auch als Ungleichgewichte bezeichnen können – würdevoll begegnen, bin den größeren und kleineren Herausforderungen gewachsen und kann an ihnen wachsen. Eine Möglichkeit, die innere Stabilität zu stärken, ist einen Ort der Kraft im Inneren zu finden und ihn zu nähren. Die innere Stabilität ist dann unsere Basis, dem Tanz zwischen den Polen des Lebens, wie wir das Ungleichgewicht auch betrachten können, zu begegnen.

Auch C. G. Jung, ein europäischer Psychotherapeut, sieht das Leben als Tanz zwischen den Polen: stark und verletzlich, entspannt und angespannt, empfänglich und aktiv. Sein Bild ist, dass wir von einem Bein (z.B. unserer Stärke) auf das anderen Bein (z.B. unsere Verletzlichkeit) wechseln und so durchs Leben gehen. Wir stemmen uns nicht mit beiden Beinen fest in die Erde, um ja das Gleichgewicht zu bewahren. Leben bedeutet also Ungleichgewicht und kein starres Gleichgewicht. Und im Ungleichgewicht entstehen neue Möglichkeiten.

Wieso streben wir dennoch nach Gleichgewicht, nach einem Ausgleich? –
Weil im Streben nach Gleichgewicht die Ganzwerdung verborgen liegt.

Denn, wie C. G. Jung meint, geht die Ganzwerdung, also die Heilung, über die Pole. Mehr Gleichgewicht im eigenen Leben einzuladen, geht eigentlich ganz leicht. Es geht ums Ausgleichen: Sitze ich viel vor dem Computer, brauche ich als Ausgleich Bewegung. Stehe ich unter großem Druck und Anspannung, brauche ich Freiräume, um loszulassen und abzuschalten. Das kann ich zum Beispiel gut bei einem Spaziergang in der Natur, beim Lesen und beim Shiatsu.

Erst in diesem Ausgleich können sich alle Teile in uns entfalten. Lebe ich in einem Entweder-Oder und unterdrücke Anteile in mir, die mir unangenehm oder vielleicht nur ungewohnt sind, bin ich nicht ganz. In der Ganzheit liegt Heilung. Heilung heißt Ganzwerdung. Um ganz zu werden, wollen alle Teile in uns gelebt werden – auch die „unangenehmen“, die „komischen“, die „unpassenden“, die „verrückten“, die „unmöglichen“, die beängstigenden, die ungewohnten… ALLE! In diesem Gleichgewicht deiner Anteile liegt deine Heilung.

Ich fühle mich manchmal wie eine Jongleurin, die versucht, mit all ihren Teilen zu spielen. Manchmal scheitere ich, manchmal bin ich von der Fülle an Bällen überfordert, manchmal würde ich am liebsten alles hinschmeißen und alle Bälle zertreten – aber wenn ich nichts gewinnen, nicht alles richtig machen und niemandem etwas beweisen will, sondern einfach nur mit meinen verschiedenfarbigen Bällen spiele, ist es ein großartiges lustiges Vergnügen voller bunter Farben, Freude und Leichtigkeit. Ein Spiel zwischen Gleichgewicht und Ungleichgewicht. Spielst du mit?

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Melanie LannerGleichgewicht-Ungleichgewicht