Shiatsu und Träume

Melanie Lanner Shiatsu

„Träume sind Teil des Lebensflusses,
und sie sind von großer Bedeutung für die Entwicklung des Bewusstseins.
Sie sind der individuelle Ausdruck der inneren Lebenskräfte des Träumers und damit
– wenn wir sie zu lesen vermögen – ein diagnostisches Hilfsmittel.“
(Joachim Schrievers)

Im Zuge meines Buchs habe ich mich viel mit C. G. Jung beschäftigt, dessen Analytische Psychologie die theoretische Basis für mein Buch bildet. Jung geht von einem umfassenden Selbst aus, das neben unserem bewussten Ich auch das Unbewusste umfasst, das sowohl individuelle als auch kollektive Teile in sich trägt. Das Ich, mit dem wir uns zumeist identifizieren, ist also nicht die letzte Instanz unserer Identität, sondern es bildet „nur“ das Zentrum unseres Bewusstseins. Das Bewusstsein ist wiederum Teil des Selbst, das über den bloß persönlichen Bereich hinaus und ins individuelle und kollektive Unbewusste greift. Mehr dazu…

Diese Vorstellung eines umfassenden Selbst liegt auch dem Shiatsu zugrunde, wo Körper, Geist und Seele als Einheit betrachtet werden. Wir sind nicht nur unser Ich, unser Bewusstsein, unser Verstand – sondern ein umfassendes, vielschichtiges Selbst, das auch mit Überpersönlichem im Zusammenhang steht. Deshalb ist es im Shiatsu auch so wichtig, die Lebenssituation des Menschen zu kennen, der mit bestimmten Beschwerden zu uns kommt, denn:

Rückenschmerzen sind nicht gleich Rückenschmerzen.

Diese Sichtweise spielt bei psychosomatischen Beschwerden eine besondere Bedeutung, da Psyche und Körper speziell bei solchen Beschwerdemustern nicht getrennt werden können. Denn manchmal reagiert der Körper mit Symptomen, die keine (erkennbare und diagnostizierbare) physische Ursache haben, sondern er äußert sich auf symbolische Weise: Unser Rücken schmerzt, weil wir zu viel tragen oder immer aufrecht stehen müssen. Wir bekommen keine Luft, weil wir vor lauter Verantwortung keinen Raum mehr zum Atmen haben. Oder wir bekommen eine Erkältung, um unserem Bedürfnis nach Ruhe nachgehen zu können.

In der Shiatsu-Behandlung geht es dann darum, die zugrunde liegenden Themen bewusst zu machen, um neben der Symptomlinderung durch die Behandlung bestimmter Punkte und Körperbereiche die Ursache der Symptome zu finden und so die Basis zu schaffen, dass die Beschwerden nicht mehr entstehen (müssen).

Weg

Wenn sich die zugrunde liegende Thematik nicht „von alleine“ über den Körper und die Reflexion der Körpererfahrung erschließt, können auch Träume ein wichtiger Hinweis auf die zugrunde liegenden Themen sein. Denn Träume schaffen eine Verbindung zu unserem (persönlichen und kollektiven) Unbewussten, das mehr weiß als unserem Ich bewusst ist. Werden Träume bewusst, schenken sie uns in verschlüsselter, bildlicher Weise Erkenntnisse – auch über unsere körperlichen Beschwerden.

Eine Möglichkeit, uns mit unseren Träumen zu beschäftigen, ist neben dem Aufschreiben und der gedanklichen Beschäftigung (wie es Jung sie in seiner Psychologie tut – Hinweise dazu findest hier) wiederum die Körperarbeit. Im Shiatsu werden dann die Trauminhalte in das Körperempfinden hineingenommen. Hierfür werden alle Trauminhalte (also alle Figuren, Gegenstände, Landschaften, Handlungen etc.) als verschiedene Aspekte des Träumenden selbst betrachtet. Im Traum können wir uns also wie in einem Film von außen betrachten. In einem nächsten Schritt nehmen wir diese (Traum-)Aspekte in unseren Körper hinein und fühlen die in ihnen verborgene Kraft im geschützten Rahmen der Shiatsu-Behandlung. Uns begleiten die Fragen: „Wie fühlt sich dieser oder jener Aspekt des Traumerlebens im Körper an?“ und „Welche Kraft wird in uns durch das Traumbild lebendig?“ Es geht darum, die in den Trauminhalten liegenden Kräfte (die an sich immer neutral sind, auch wenn sie im Traum oft bedrohliche Gestalt annehmen) wahrzunehmen und zuzulassen, denn „erst wenn die im Traum erschienenen Kräfte im Körper ihren Platz gefunden haben, ihr Qi frei fließen kann, stehen sie uns wirklich zur Verfügung beziehungsweise kann der Prozess der Umwandlung des Ich beginnen“ (Schrievers 2004: 390).

Träume können also den Shiatsu-Prozess begleiten und zeigen oftmals auch eine Veränderung an, die durch die Körperarbeit in Gang gebracht wird. Manche Menschen, die sich davor nicht an ihre Träume erinnern konnten, beginnen lebhaft zu träumen. Wiederholungsträume, die uns seit Jahren begleiten, lösen sich auf oder verändern sich. Zum Beispiel wird der gleiche Traum aus einer anderen Perspektive geträumt. Ich hatte auch schon Träume, in denen mir meine Shiatsu-Lehrerin gesagt hat, was die Ursache meiner derzeitigen Beschwerden sind. – Und am nächsten Morgen hatten sie sich aufgelöst. Träume sind also ein wichtiger Hinweis auf die zugrunde liegenden Themen von körperlichen Beschwerden, und die Körperarbeit kann über Druck, Berührung und das begleitende Gespräch auch tiefliegende Thematiken verwandeln.

Neugierig? Dann freue ich mich, wenn du einen Termin für eine Shiatsu-Behandlung vereinbarst.
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Literatur: Schrievers, Joachim (2004): Durch Berührung wachsen. Shiatsu und Qigong als Tor zu energetischer Körperarbeit. Bern: Hans Huber, S. 385-397.

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