Umgang mit Gedanken und Gefühlen

“Wirst du dich darum mit einem Baum oder Tier verwechseln,
weil du sie anschaust und weil sie mit dir in einer und derselben Welt existieren?
Musst du deine Gedanken sein, weil du in der Welt deiner Gedanken bist?
Deine Gedanken sind aber doch ebenso sehr außerhalb deines Selbst,
wie Bäume und Tiere außerhalb deines Körpers sind.“
(C. G. Jung)

Immer wieder begegnet mir in meiner Praxis die Frage nach dem Umgang mit den eigenen Gefühlen und Gedanken. Warum werde ich in der Behandlung von Gedanken abgelenkt? Warum tauchen plötzlich Gefühle auf? Warum tauchen sie gerade jetzt auf? Was soll ich mit ihnen machen? Wie kann ich die Gedanken wegschieben und mich ganz auf den Moment konzentrieren?

Fangen wir mit den Gefühlen an. Gefühle wollen vor allem gefühlt werden. Gefühlt – wie die Sonne unseren Rücken wärmt, wie der Wind unser Haar zerzaust, wie der Regen uns abkühlt. Gefühle ändern sich so schnell wie Wetter und sind ebenso schwer vorhersagbar. Gefühle sind Naturphänomene. Sie lassen sich nicht kontrollieren, nicht unterdrücken, nicht planen.

Und Gefühle sind nicht persönlich. Ich bin nicht die Verursacherin meiner Gefühle. Vielmehr kommen die Gefühle über mich. Ich habe keine Gefühle, die Gefühle haben mich.

Und was, wenn der Schmerz kommt?

„Nichts übergehen, alles aufdecken, sich nicht mehr betrügen. 
Auch die schmerzhaftesten Stellen berühren. 
Alles wagen, mitten durch den Schmerz hindurchgehen. 
Und dann wird einem leichter, die Last des bösen Urteils fällt ab, 
man entdeckt unter alledem das Gute in sich. 
Danach ist man richtig auf dem Weg, von Stufe zu Stufe, immer weiter.“
(Ulli Olvedi)

Schmerz – körperlicher und/oder emotionaler – zeigt an, dass etwas berührt wurde, sich etwas löst, etwas in Bewegung kommt.* Schmerz begleitet Wandlungsprozesse. Schmerz fordert uns auf, aufmerksam zu sein, hin zu spüren, hindurchzugehen. Schmerz ist unser Wachstumslehrer.

Manchmal wird im Shiatsu ein Körperbereich oder ein Punkt berührt, wo sich ein emotionales Thema festgesetzt oder verkörpert hat, wie wir das sagen. Dann geht die Berührung mit Gefühlen einher, ja oft mit emotionalem und körperlichem Schmerz. Meist sind das tiefliegende Themen der Vergangenheit, die nicht verarbeitet werden konnten und deshalb ins Unbewusste verschoben wurden, die sich jedoch im Körper „festsetzen“ oder speichern. (zum Körper als Sprache des UnbewusstenWird dann dieser Bereich oder Punkt unseres Körpers berührt, gelockert, in Bewegung und zum Fließen gebracht, kommen wir in Kontakt mit den bislang unbewussten Gefühlen und Themen. Und dies erleben wir zumeist als Schmerz. Doch wenn wir in diesen Schmerz hineingehen, mit der Aufmerksamkeit dort verweilen, atmen und achtsam mit uns selbst sind, kann sich körperlich etwas lösen und Gefühle können befreit werden.

Gefühle nicht persönlich zu nehmen, bedeutet also nicht, sie nicht zu fühlen. Im Gegenteil, Gefühle sind zum Fühlen da. Gefühle tauchen auf, werden gefühlt und gehen wieder. Sie setzen sich nur dann (im Körper) fest, wenn wir sie nicht fühlen, zum Beispiel weil wir überfordert sind oder als Kind überfordert waren. Nicht an Gefühlen festzuhalten – oder wir könnten auch sagen, uns nicht mit ihnen zu identifizieren, indem wir glauben, wir wären unsere Wut, unsere Trauer, unsere Ängste –, ist ein gesunder Umgang mit Gefühlen – den bunten Wechselwettern unserer Seele.

Gewitter

Und für was brauchen wir dann Gedanken?

In der Körperarbeit und anderen körperorientierten Methoden hören wir oft, dass der Kopf schlecht und nur der Körper wahrhaftig ist, dass wir unseren Kopf ausschalten sollen, „um ganz im Moment zu sein“. Doch was bedeutet dieses „Im-Moment-Sein“? Bedeutet das, ich muss meinen Kopf frei machen und „leer“ werden, erst dann kann ich mich auf die Shiatsu-Behandlung einlassen, nur dann bewirkt sie etwas?

Aus meiner eigenen Erfahrung und aus der meiner Praxis weiß ich, dass das utopisch ist. Wann sind wir denn schon jemals frei von Gedanken?!? In ganz wenigen ausgewählten Momenten unseres Lebens. Und diese Momente sind wichtig, weil sie uns erinnern, um was es im Leben wirklich geht… Was das ist, lässt sich nicht in Worte fassen – doch sicher nicht darum, mir immer wieder bereits vergangene Situationen ins Gedächtnis zu rufen oder mir Sorgen um die Zukunft zu machen.

Und doch ist es das, was unseren Verstand beschäftigt. Und das wird uns so richtig bewusst, wenn wir uns ruhig auf die Shiatsu-Matte legen, weil wir dann ja gerade nicht von äußeren Dingen abgelenkt sind, sondern uns einmal so richtig zuhören. Aber dann fühlen wir uns vom Shiatsu abgelenkt und erst recht nicht im Moment. Wie ärgerlich!

Ich sehe das so: Zum Einen braucht der Kopf Raum, um alles zu verarbeiten und zu bedenken, was wir den ganzen Tag erleben und an Eindrücken in uns aufnehmen. So verdauen wir das, was wir erleben und was auf uns einströmt. Diese Gedanken dienen also der Verarbeitung und lassen uns, wenn der Prozess vorbei ist – und das ist er bestimmt einmal! – in einem gereinigten Zustand zurück. Und je mehr wir uns zwingen, nicht zu denken, desto mehr wird der Verstand einfordern, ihm Raum zu geben. Also denken wir einfach, was gedacht werden will! Irgendwann geht der Prozess vorbei…

Natürlich ist es auch eine Möglichkeit, im Alltag solche Denkpausen einzurichten. Das heißt, nichts zu tun, einfach nur den eigenen Gedanken nachzuhängen und so unser Leben zu verdauen. Meine Beobachtung ist, dass dies dann in ungefähr einer viertel Stunde pro Tag erledigt ist, wenn wir das regelmäßig machen. Manchmal braucht es auch zwei viertel Stunden pro Tag – einmal mittags und einmal vor dem Einschlafen.

Himmel_2

Aber was ist, wenn die Gedanken immer wieder um die gleichen Themen kreisen, wir uns festbeißen und dann keinen Ausweg mehr sehen? Dann braucht es Aufmerksamkeit und Bewusstheit, was gerade passiert: Aha, ich habe mich in einer Gedankendauerschleife verfangen.

Mir hilft es dann, die Gedanken aufzuschreiben, also aus meinem Kopf heraus aufs Papier zu bringen oder sie einer Vertrauensperson gegenüber auszusprechen. Denn so werden sie konkreter und dadurch weniger kreisend. Hilft das auch noch nicht, widme ich mich etwas Konkretem, zum Beispiel der Hausarbeit. Auch Bewegung tut gut, denn bewege ich meinen Körper, bewegt sich auch mein Geist.

Gedanken sind also nicht gleich Gedanken. Oder vielleicht doch. Gedanken sind wie Gefühle etwas Unpersönliches. Ich bin ebenso wenig Verursacherin meiner Gedanken wie meiner Gefühle. Auch Gedanken kommen und gehen – wenn wir sie ziehen lassen. Und hier liegt der Unterschied: Denken wir die Gedanken, die gerade da sind, lösen sie sich wieder auf wie Wolken am Himmel. Nur wenn wir an Gedanken festhalten, entstehen diese endlosen Gedankenschleifen, die uns wirklich aus dem Moment hinauskatapultieren und uns von uns selbst wegführen.

Im Moment zu sein, bedeutet also nicht, nichts zu denken und nichts zu fühlen, sondern gerade das Gegenteil: Das zu fühlen, was gerade da ist. Und uns bewusst zu machen, was wir gerade denken.

Denn das ist vielleicht die Kunst des Denkens: Uns darüber bewusst zu sein, was wir denken.

Und das nennen wir dann ganz da zu sein, aufmerksam und präsent zu sein.

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(*) Ich spreche hier von Schmerz, der keine physische Ursache (wie z.B. Bandscheibenvorfälle oder organische Krankheiten) hat.

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Melanie LannerUmgang mit Gedanken und Gefühlen